Zum Buch

 

Braunschweigs Vergangenheit ist abenteuerlich: Zunächst nur ein Treffpunkt von Kaufleuten, wuchs dieser Stapel- und Handelsplatz heran zur Metropole eines der mächtigsten Fürstentümer Europas, des Herzogtums Sachsen. Der Welfe Heinrich der Löwe machte Braunschweig zu seiner Residenz. Später dann entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Mitglied der Hanse mit Außenstellen von London bis Nowgorod, und Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie zum künstlerischen und geistigen Mittelpunkt Niedersachsens. 1918 war Braunschweig kurzfristig die erste deutsche "Sozialistische Republik". Heute ist die Stadt ein Zentrum der Wissenschaft mit zahlreichen weltweit arbeitenden Forschungseinrichtungen und einer reichen Kulturszene.

Von all dem und vielen oft kuriosen und immer spannenden Ereignissen erzählt diese Kleine Stadtgeschichte.

 

 

Zum Autor

 

Dieter Diestelmann (1926–2008) war von 1960 bis 1991 als Ressortleiter für Politik bei der „Braunschweiger Zeitung“ tätig. Er veröffentlichte mehrere erfolgreiche Bücher über seine Heimatstadt Braunschweig.

Dieter Diestelmann

Braunschweig
Kleine Stadtgeschichte

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6031-5 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2597-0

 

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Informationen und Bestellungen unter verlag@pustet.de

Vorwort

Die Stadt Braunschweig hatte am 31. Dezember 2004 – laut Melderegister – 239 921 Einwohner. Bis 2013 wuchs die Zahl auf 245 798 an. So steht es im Internet unter www.braunschweig.de. Und auch die geografische Lage der Stadt ist dort vermerkt, nämlich Nördliche Breite 52 Grad 16 Minuten 38 Sekunden und Östliche Länge 10 Grad 31 Minuten 28 Sekunden, wobei es sich um die Mitte des Andreas-Kirchturms als Messpunkt handelt. Wer Braunschweig besuchen will, braucht das allerdings nicht unbedingt zu wissen – die Stadt liegt an der A 2 in Richtung von und nach Berlin –, aber es ist ein Faktum, und Fakten sind bei der Darstellung einer Stadt zu registrieren.

Fakten ja, aber wirklich alle? Und wenn es sich um Historie handelt, welche Art Fakten sind unabdingbar? Was ist eigentlich Stadtgeschichte? Was gehört dazu? Hier nun beginnen die Schwierigkeiten. Sind es nur oder im Wesentlichen die Herren über eine Stadt – Stammesfürsten, Herzöge, Bischöfe mitunter auch –, die es als Gründer und Förderer eines Gemeinwesens zu nennen gilt? Sicher nicht. Oft genug ist der Gründer ohnehin nicht bekannt oder zumindest nicht nachweisbar, weil die Anfänge einer Stadtgeschichte im Dunkel der Vergangenheit verborgen sind. Und damit wären wir wieder bei Braunschweig.

Was wissen wir von dieser Stadt? Fernhändlern verdankt sie ihr Entstehen. Unermesslich reich muss sie einmal durch eine tüchtige Kaufmannschaft gewesen sein, eine der wichtigsten Städte des Mittelalters und »Vorort des Sächsischen Drittels der Hanse«. Die Sache mit dem Reichtum hat sich später erledigt und ist auch heute nicht gerade brennend aktuell, aber eines wird hier deutlich: Hatte seinerzeit ein Fürst fördernd einzugreifen vermocht, so er denn wollte, die Menschen, die in dieser Stadt lebten und arbeiteten, haben ihr Charakter und Gesicht gegeben. Das machte sie stolz und selbstbewusst. Manches an Überlieferungen bezieht sich denn auch nicht auf fürstliche Aktivitäten, sondern auf Dinge, die dem Volk zu verdanken sind.

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Abb. 1: Werbung der Firma Steger, 1914.

 

Herzog Heinrich der Löwe ist aus der deutschen Geschichte nicht wegzudenken, und umfangreich ist die wissenschaftliche Literatur über diesen mächtigen Fürsten, aber der Dichter, der widmete sich – auch – der Braunschweiger Wurst: Heinrich von Kleists »Der zerbrochene Krug«, 5. Auftritt. Dorfrichter Adam versucht den inspizierenden Gerichtsrat Walter abzulenken und fährt dazu schweres Geschütz auf: »Kann ich inzwischen mit einem guten Frühstück, Wurst aus Braunschweig, ein Gläschen Danziger etwa …?«

Die Braunschweiger Wurst ist auch heute noch berühmt. Oder die Mumme, im Mittelalter ein weit über Braunschweigs Grenzen bekanntes und geschätztes Starkbier, das irgendwann zu einem süßen Kraftspender mutierte ohne auch nur die geringste Spur von Alkohol. Unbegrenzt haltbar, wurde die Mumme mit Schiffen in alle Welt transportiert. Im Ersten Weltkrieg gehörte sie als Mittel gegen Mangelerkrankungen zur Bordverpflegung der deutschen Kriegsflotte. Die Behauptung, auch Christoph Kolumbus habe bei seiner Entdeckung Amerikas möglicherweise Mumme an Bord gehabt, dürfte wohl eher dem – wie man sagt – etwas skurrilen wie manchmal auch ein wenig groben Humorverständnis der Braunschweiger zuzuordnen sein. Für eben dieses wird gern Till Eulenspiegel genannt. In dem Dorf Kneitlingen vor den Toren Braunschweigs soll er geboren sein, so es ihn wirklich gegeben hat, was manche Historiker bezweifeln. In Braunschweig hat er dann als Bäckergeselle anstatt Brot seine Eulen und Meerkatzen gebacken und sich so den Zorn seines Meisters zugezogen.

Aber nicht nur Schlachter, Bäcker und Mumme-Brauer prägten das Bild Braunschweigs. Im Hotel d’Angleterre des Rüttger Heinrich Rönckendorff auf der Breiten Straße hatte von 1780 an bis ins 20. Jahrhundert hinein der nach strengen Regeln geführte »Große Club« sein Domizil, ein Treffpunkt der geistigen Elite der Stadt, dem neben Professoren, Hofbeamten und gebildeten Handelsherren auch Lessing und der Braunschweiger Dichter und spätere Geheime Justizrat Johann Anton Leisewitz angehörten.

Es gab Wissenschaftler, so den Mathematiker Richard Dedekind, letzter Doktorand von Carl Friedrich Gauß, wie auch Künstler und Schriftsteller: den Abenteurer Friedrich Gerstäcker zum Beispiel, Ricarda Huch und ihre schreibenden Familienmitglieder Rudolf, Friedrich und Felix, dann Wilhelm Raabe, auch die wegen eines Jubel-Poems im Dritten Reich heute kaum noch genannte Ina Seidel. Und eine ganz besondere Erfolgsgeschichte hat ihren Anfang in Braunschweig genommen: Deutschlands Fußball. Konrad Koch, Gymnasiallehrer am Martino-Katharineum, übersetzte die Fußballregeln aus dem Englischen. Als dann sein Kollege August Herrmann aus England einen ledernen Fußball mitbrachte, ging es los mit dem Fußballspiel als Schulsport. Das war im Herbst 1874.

Mehr noch wäre zu berichten, denn die Geschichte einer Stadt setzt sich mosaikartig aus vielen Details zusammen, aus wichtigen Begebenheiten wie auch aus kleinen Geschehnissen am Rande. Geniale Denker hinterlassen ihre Spuren, aber auch die Narren und närrischen Originale, die das Leben bunt machen. Wer könnte das alles auflisten? So wird mancher Leser dieser »Kleinen Braunschweiger Stadtgeschichte« vielleicht etwas vermissen, aber den Anspruch auf Vollständigkeit kann selbst die »Braunschweigische Landesgeschichte – Jahrtausendrückblick einer Region« nicht erheben, wie wir festgestellt haben, und die umfasst immerhin 1263 Seiten.

 

Braunschweig,

im Frühjahr 2006; aktualisiert im März 2014

 

Dieter Diestelmann

Nur eine Legende erzählt, wann und wie alles begann

Es war die größte Fete, die Braunschweig je erlebt hat. So ist zu vermuten. Drei Tage lang – vom 19. bis 21. August des Jahres 1861 – feierte die Bevölkerung. Mit Fahnen und Girlanden hatte sich die Stadt geschmückt. Paraden gab es, Theateraufführungen auch und Historienspektakel überall. Militärkapellen spielten und Massenchöre sangen. Anlass: Es galt, das tausendjährige Bestehen der Stadt Braunschweig zu bejubeln.

Höhepunkt war am dritten Tag der große Festumzug aller Stände und Gilden, der Vereine und Verbände, der Ehrenjungfrauen und der alten Krieger natürlich auch. Von den Sammelplätzen vor dem Petritor und auf der Hildesheimer Straße zogen die Teilnehmer ab 11 Uhr durch die verschlungenen Straßen und Gassen der Innenstadt zum Bohlweg, wo Herzog Wilhelm den Zug in einem Zelt vor dem Schloss erwartete. Weiter ging es bis 17 Uhr hin zum »Kleinen Exerzierplatz«, heute Standort des TU-Gebäudes mit dem Naturhistorischen Museum. Dort wurde dann in großen Zelten getanzt. Und reich gedeckt waren die Tische.

Nur eines gab es damals nicht: Es gab keinen Anlass zum Feiern. Braunschweigs Gründungsdatum war nämlich in Wahrheit gar nicht bekannt und ist es im Grunde bis heute nicht. Vermutlich war das auch damals manch einem klar, denn es ist ein Spruch überliefert, den ein Spaßvogel an sein festlich geschmücktes Haus gemalt haben soll: »War dat Datum ook nich richtig, fi’ert ward et doch recht düchtig«. Ausgelöst hatte dieses Drei-Tage-Spektakel wohl Hermen Bote, der etwa um 1450–1520 lebte.

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Abb. 2: Braunschweig in einer Darstellung (Teilansicht) aus Hermen Botes »Sachsenchronik«. – Holzschnitt 1492.

 

Bote berichtet, die sächsischen Herzöge Bruno und Dankward, zwei Brüder, hätten Braunschweig gegründet. Bruno habe eine Siedlung auf dem Ostufer der Oker errichtet, die den Namen Brunoswiek erhalten habe. Dankward, so heißt es, baute die Burg Dankwarderode sowie eine Kirche zu Ehren des heiligen Petrus und zog eine Mauer um das Areal. Später hätten die beiden Brüder eine neue Siedlung diesmal auf dem Westufer angelegt, nun dieser den Namen Brunoswiek oder Brunswiek gegeben, während die erste Siedlung als »Alte Wiek« weiterbestand. Und diesen Namen gibt es bis heute. Das neue Brunswiek erhielt eine dem heiligen Jakobus geweihte Kirche, die etwa dort stand, wo heute der Eiermarkt ist. An deren Turm war die Zahl 861 zu lesen. Für Bote bezeugte sie das Jahr der Gründung Braunschweigs.

 

BIOGRAFIE

 

Hermen Bote

Als Zoll- und Akziseschreiber im Dienste des Braunschweiger Rates war Bote auch Chronist und Schriftsteller. Er gilt als der bedeutendste Autor der norddeutsch-hansischen Welt des ausgehenden Mittelalters. Aus seiner Feder stammen u. a. eine so genannte »Weltchronik« (1493) in zwei unterschiedlichen Ausführungen sowie das »Schichtbuch« (1510) mit der Darstellung der braunschweigischen Bürgerkämpfe im Mittelalter. Ferner gilt Bote als Verfasser des Buches von »Till Eulenspiegel« (um 1510). In seiner »Cronecken der Sassen« (1489–91) schließlich berichtet er über die Entstehung der Stadt Braunschweig – so er es denn war, der diese Sachsenchronik geschrieben hat. Manche Historiker nämlich sehen dessen angeblichen Vetter Conrad Bote als Autor, warum auch immer.

 

Ganz falsch ist diese Darstellung sicher nicht, abgesehen davon, dass Bruno und Dankward keine Herzöge waren, sondern Grafen. Dennoch liegen die Anfänge der Stadt, weil nicht dokumentiert, im Dunkeln. Die früheste Erwähnung stammt aus dem Jahre 1031. Es ist eine Urkunde, mit der die Weihe eines Vorgängerbaus der heutigen Magnikirche durch den Bischof Branthag von Halberstadt belegt wird. In ihr taucht erstmals auch der Name Braunschweig auf, in der Schreibweise »Brunesguik«. Mit Sicherheit indes liegt die Entstehung der Stadt erheblich früher – womöglich wirklich 861, aber das weiß eben niemand.

Eine archäologische Sensation

In grauer Vorzeit bereits durchstreiften Menschen jagend jene Region, die später einmal das Braunschweiger Land werden sollte. Von der Eiszeit geprägt, bedeckten Moose und Flechten ihren Boden. Vereinzelt nur wuchsen Bäume: Zwergkiefern und Polarweiden. Über diese hügelige Tundra zogen Tierherden auf der Suche nach Nahrung: Mammut und Wisent, Rentier und zähe kleine Pferde, auch Nashörner mit zottigem Fell. Den Tieren folgten die Menschen, die sie jagten. Neandertaler, so glaubte man lange Zeit, seien die Ersten hier gewesen. Aber die waren es nicht.

Im Bereich des Schöninger Braunkohletagebaus, Fundgrube für Archäologen im Braunschweiger Land, stießen im Mai 1992 bei Grabungen Wissenschaftler auf Knochen von Waldelefanten, Rindern und Pferden sowie auf Steinwerkzeuge, offensichtlich Beutereste und Jagdgerät des Urmenschen (Homo erectus). Geschätztes Alter: 400 000 Jahre. Die größte Sensation – weil weltweit einzigartig – brachte im Schöninger Tagebau das Jahr 1994. Es ist die Entdeckung von Hölzern, die der Homo erectus zu Geräten verarbeitet hat. Klemmschäfte aus Aststücken von Tannen, in die vermutlich Steinklingen eingesetzt wurden: Wurfhölzer und mehrere Speere – 181 bis 225 Zentimeter lang – bewiesen, dass der Urmensch Werkzeuge bereits selbst herstellte. Dass er auch das Feuer zu nutzen verstand, davon zeugen Feuerstellen in den Lagern des Homo erectus.

Die Neandertaler kamen erst erheblich später. Einblicke in das Leben dieser Großwildjäger vor rund 50 000 bis 70 000 Jahren gaben Ausgrabungen 1952 in Salzgitter-Lebenstedt. In einem Jagdlager entdeckten Archäologen außer dem Schädelrest eines Neandertalers rund 200 Werkzeuge. Es müssen tüchtige Jäger gewesen sein, denn es fanden sich Überreste von immerhin 80 Rentieren, 16 Mammuts, sechs oder sieben Wisenten, mehreren Wildpferden sowie von zahlreichen kleineren Säugetieren und von Vögeln. Jüngeren Datums sind Funde am Dowesee in Braunschweig sowie auf dem Schiefen Berge zwischen Wolfenbüttel und Stöckheim.

Steinzeitliche Gräber sind auch nordwärts bis weit in die Heide hinein registriert. Der Landkreis Wolfenbüttel aber und die Nordharzregion gelten als Gebiete mit einer extrem hohen Dichte an archäologischen Fundstellen und Bodendenkmälern.

Handel schon mit den Römern

In Gräbern aus der Zeit um Christi Geburt fanden Archäologen römische Produkte: Schmuck, Münzen, Keramikgefäße und Bronzegeschirr. Wie das, da doch die Römer nie bis zur Oker vorgedrungen sind? Arminius, der Cherusker, hatte sie daran gehindert, als er im Jahre 9 n. Chr. die Legionen des Varus in der Schlacht im Teutoburger Wald – nach späteren Erkenntnissen allerdings denn wohl doch nicht dort, sondern etwa 130 Kilometer nordöstlich am Kalkriesen – vernichtend schlug. Die Erklärung kann nur sein: Schon zu jener Zeit hat es einen ausgedehnten Handel gegeben. Später sollte eine tüchtige Kaufmannschaft die Stadt Braunschweig reich und mächtig machen.

Der Einflussbereich der Cherusker erstreckte sich zu jener Zeit vom Harz und dem Okergebiet nordwärts bis zur Elbe. Doch bald nach dem Tode von Arminius im Jahre 19 n. Chr. zerfiel die von den Cheruskern gegen die Römer geführte Allianz germanischer Stämme. Ungefähr um die gleiche Zeit drangen aus dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein die Sachsen nach Südosten vor. Und damit wird die Braunschweiger Region endlich zur historischen Bühne. Allerdings nicht sofort. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis aus sächsischen Stammesfürsten mächtige Herrscher eines reichen Landes wurden und schließlich Braunschweiger Herzöge, aber der Anfang war gemacht.

Es gab die Sachsen nördlich der Elbmündung angeblich bereits zur Zeitenwende. Das jedenfalls schrieb um das Jahr 150 n. Chr. der in Alexandria lebende berühmte Geograf, Astronom und Mathematiker Claudius Ptolemäus in seiner »Geographia«. Doch wer diese Sachsen eigentlich waren, darüber gibt es keine verlässlichen Informationen. Historiker vermuten, dass sich das Volk der Sachsen aus einer Kult- und Kampfgemeinschaft mit anderen germanischen Stämmen herausgebildet hat. Genannt werden die Chauken, die Chasuarier, Agrivarier auch, und zu einem Teil sollen auch Langobarden und Cherusker dabei gewesen sein. Wie auch immer, Tatsache ist: Im 6. Jahrhundert beherrschten sie ganz Nordwestdeutschland und südöstlich das Gebiet bis zur Unstrut.

Durch siegreiche Feldzüge, aber auch mit diplomatischem Geschick hatten inzwischen die Führer der Franken das Fränkische Reich zu einem mächtigen Staatsgebilde ausgebaut. Es war die bedeutendste, Romanen und Germanen umfassende, Reichsgründung des frühen Mittelalters. Unter Karl dem Großen erlebte es seinen Höhepunkt. Vom Jahre 772 an versuchte Karl, die Sachsen und ihr Gebiet seinem Reich einzugliedern. Als Rechtfertigung seiner Expansionspolitik gab er die Bekehrung der Sachsen zum Christentum an, was heute als alleiniger Grund bezweifelt wird.

Karl erreichte sein Ziel, die Christianisierung, erst nach langen Kriegsjahren. Doch sofort kehrte der Friede auch dann nicht ein. Noch 782 ordnete Karl als Strafe für die Vernichtung eines fränkischen Heeres durch eine sächsische Rebellenarmee eine Massenhinrichtung bei Verden/Aller an, wobei die überlieferte Zahl von 4500 Opfern heute als zu hoch gegriffen gilt. An der Spitze des sächsischen Widerstandes stand der westfälische Adelige Widukind, der aber schließlich 785 auch aufgeben musste und sich taufen ließ. Erst im Jahre 804 jedoch war der Kampf endgültig beendet.

Die Braunschweiger Region fiel später – bei der Reichsteilung zu Verdun im Jahre 843 – an das Ostfränkische Reich. Es wurde das fränkische Recht eingeführt wie auch die Grafschaftsverfassung. Ein Graf wurde direkt vom König eingesetzt und war dessen Bevollmächtigter in einem fest umrissenen Gebiet, der Grafschaft. Seinen Besitz erhielt er als Adelsgut vom König. Aufgaben eines solchen königlichen Vertrauensmannes waren Rechtsprechung nach fränkischem Gesetz, Führung des Heeres, Ordnung und Verantwortung für die umgehende Ausführung von kaiserlichen oder königlichen Erlassen in seinem Gau.

Zur Sicherung der Herrschaft ließ Karl der Große ein über das ganze Land verteiltes Burgensystem ausbauen, und Klöster entstanden zur Einführung oder Festigung des christlichen Glaubens, so die der Benediktiner zu Brunshausen bei Gandersheim und St. Ludgeri in Helmstedt. Es wurden Wirtschaftsflächen erschlossen und Fernhandelswege angelegt. Sozusagen Entwicklungshilfe für die Sachsen? Das sicher nicht. Fränkischer Eigennutz trifft es da schon eher. Doch ohne Zweifel profitierten die Sachsen davon.

Karl der Große gewährte den Sachsen auf deren Gebiet eine gewisse Selbstständigkeit. Darin steckte der Kern zur späteren Bildung eines eigenen Stammesherzogtums. Als das Reich der Franken unter den drei Söhnen Ludwigs des Frommen allmählich zerfiel und zudem im Norden die Normannen und im Osten die Wenden gefährlich wurden, kam es schließlich zu einem solchen Zusammenschluss unter der Führung der Liudolfinger, die ihren Stammsitz im Raum Gandersheim hatten. Gandersheim gehörte später zum Herzogtum Braunschweig. Eine Seitenlinie der Liudolfinger, nämlich das Geschlecht der Brunonen, hatte dort schon vorher reichen Besitz links und rechts der Oker.

Der Name Brunswiek

Die Lage war ideal. Von Süden her aus dem Raum Frankfurt am Main verlief eine Fernhandelsstraße nordwärts zur Salzstadt Lüneburg und weiter zur Küste. Aus dem Westen (Köln) führte die Handelsstraße nach Magdeburg und darüber hinaus nach Osten. Der Schnittpunkt beider Straßen lag beim heutigen Eiermarkt. Nahe dabei kam die »Wasserstraße« Oker aus dem Süden vom Harz herunter. Als Fernhandelsplatz wie geschaffen, entstand hier die Siedlung, die später den Namen Brunswiek erhielt – ein Ort, wo zu bestimmten Zeiten Kaufleute ihre Waren umschlugen und auch auf Märkten zum Verkauf anboten.

Dass Braunschweig seine Entstehung weitgehend den Händlern verdankt, beweist schon der Namensteil »Wiek« in der mittelalterlichen Form Brunswiek. »Wiek« bedeutete »Stapelplatz«, was auf Händler hindeutet, aber auch »umzäunter Besitz«, und das lässt auf Grundherreneigentum schließen. Wer also waren letztlich die Väter dieser Stadt? Dass die Kaufmannschaft großen Anteil an der Entwicklung Braunschweigs vom Siedlungsort zur Stadt hatte, ist unbestreitbar. Die Brunonen als Grundherren andererseits waren von ihrer Burg aus in der Lage, der werdenden Stadt Schutz zu gewähren und den Marktverkehr zu sichern.

Zu jener Zeit floss die Oker in einer 200 bis 500 Meter breiten Talaue mit zwei Hauptarmen und etlichen schmaleren Abzweigungen in nördlicher Richtung durch das heutige Stadtgebiet. In dem östlichen Hauptarm gab es zunächst wohl eine Furt etwa im Bereich des heutigen Dammes, welche die West-Ost-Handelsstraße aufnahm, später dann eine Brücke. In unmittelbarer Nähe von Furt und Brücke lag ein Hafen. Mit den Jahren aber steigerte sich das Handelspotenzial der Stadt derart, dass die Braunschweiger zwei Häfen – am Werder (Hagen) und an der Reichsstraße (Neustadt) – zusätzlich bauten, denn die Oker als Teil des Schifffahrtsweges über Aller und Weser nach Bremen und zur Nordsee war von wachsender Bedeutung.

Aus mehreren Siedlungen, den Weichbilden, entwickelte sich die Stadt unter dem Schutz der Burg. Das macht die Braunschweiger Stadtgeschichte so kompliziert: Aus fünf Weichbilden ist dieses Brunswiek allmählich entstanden, fünf Teilstädten mit eigenen Rathäusern, eigenen Räten, eigenen Märkten und Pfarrkirchen, eigenen Befestigungen und vor allem auch mit unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen. Zudem entstanden die fünf Weichbilde Altewiek, Altstadt, Hagen, Neustadt und Sack nicht gleichzeitig. Es dauerte Jahrhunderte, bis sie sich entwickelten – jede für sich – und bis aus ihnen die Stadt Braunschweig wurde, Residenz eines Herzogtums Braunschweig und später reiche Handelsstadt, ein Mitglied der mächtigen Hanse.

Die ersten Könige aus Sachsen

Im Jahre 919 wurde Herzog Heinrich aus dem Geschlecht der Liudolfinger als erster Sachse zum deutschen König gewählt (Heinrich I.). Damit waren die sächsischen Stammlande plötzlich politisches Zentrum des Reiches. Nun hatte zu jener Zeit ein König wohl irgendwo seinen angestammten Sitz, doch eine feste Residenz hatte er nicht. Von den Fürsten gewählt, zog der König mit Gefolge über Land, um seine Herrschaft wahrzunehmen und vor allem auch durchzusetzen, denn nicht selten standen innerhalb der verschiedenen Clans Gruppeninteressen und Machtstreben einem bedingungslosen Gehorsam dem König gegenüber entgegen. Außerdem war der »Umritt« durch das Land zu jener Zeit praktisch die einzige Möglichkeit der Kommunikation.