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Christof Paulus

BAYERNS ZEITEN

Eine kulturgeschichtliche Ausleuchtung

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

ISBN 978-3-7917-3278-7

eISBN 978-3-7917-6208-1 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie unter

INHALT

Vorwort oder:
Wann kommt denn endlich Montgelas?

Bewegte Räume

Das vermessene Land

Höglwörth oder: Das Ende der Welt

Unterwegs

Die Räume der Stadt oder: Wer hat Niklas Muffel auf dem Gewissen?

Die letzte Telephonzelle stand am Königssee

Klangwelten I

Aschheim, um 550 – Klappern gegen den schwarzen Tod

Grubet, im Jahr 648 – Frühmittelalterlicher Dreiklang

Altötting, im Jahr 696 – Ungehörte Klänge

Heidenheim, 23. Juni 778 – Stimmen aus dem Kloster

Irgendwo in Bayern, um 875 – Tuba mirum spargens sonum

Regensburg, 10. August 891 – Feuerteufel

Geschichtsschichten

Kommst Du nach Augsburg …

Von Heuschrecken und Hungersnöten

Grenzen oder: Auf der Alm da gibt’s koa Sünd’

Grenzenlos

Zweite Welten

Wer sind wir und wenn ja wie viele?

Klangwelten II

Hohenaltheim, 20. September 916 – Die Zerknirschten

Rom, 31. Januar 993 – Heilige Klänge

Seeon, um 1000 – Stimmen des Klosters

Gunzenlee, 29. Mai 1127 – Verschwundener Ort

Ebrach, 4. Juni 1200 – Auf der Baustelle

Gamburg, um 1220 – Saitenspiel über der Tauber

Kastl, 6. Januar 1323 – Marktgeschrei

Dunkles Bayern

„Und wann?“ Wege in den Untergang

Bauten des Bösen

Das Tagebuch der Elisabeth Block

„Weglegen zum Akt“ – Verfolgung und Ermordung in der NS-Zeit

Letzte Tage

Klangwelten III

Engelthal, 7. Juli 1349 – Im Diminuendo der Geißelschläge

Konstanz, 30. Mai 1416 – Schrie er oder schrie er nicht?

Landshut, 14./15. November 1475 – Der Klang der Macht

Nürnberg, 18. April 1487 – Alte neue Klänge

Regensburg, Februar 1519 – Die Stimmen der Steine

Memmingen, März 1525 – Die Stimme der Freiheit

Augsburg, im Jahr 1594 – Der Klang der Gegenreformation

Rechtswelten

Warum sich Tassilo nicht in der Pfalz die Haare abschneiden lassen wollte

Die Daumenschrauben des Herrn Kreittmayr

Warum Wittelsbach?

Sodom und Gomorra

Klangwelten IV

Nürnberg, 25. September/5. Oktober 1649 – Friedensklänge

Starnberger See, August 1671 – Porträt in höfischer Lautstärke

Brüssel, 5. März 1705 – Vergänglichkeit der Töne und Welten

Ansbach, im Jahr 1780 – Der Klang des Geldes

Augsburg, 4. September 1786 – Leere Luft

Bamberg, 5. Januar 1806 – Neue Töne

Gaibach, 26. Mai 1821 – Die Stille der Weihe

Bayerns Farben

In der Gesellschaft oder an ihrem Rand? Menschen mit Behinderung

Nicht nur das Gelbe vom Ei oder: Schwarze Geschichte

Schlachtfeld Bayern

Himmel der Bayern

Risus Bavaricus – Bayerisches Spiel und bayerisches Lachen

Zeit – 12 Variationen

Klangwelten V

Neustadt an der Weinstraße/an der Haardt, 27. Mai 1832 – Der Klang der Freiheit

München, 16. Mai 1835 – Der Lärm des Grauens

Bodensee, 21. Juli 1863 – Die versunkene Ludwig

Kissingen, 10. Juli 1866 – Der Klang der Niederlage

Geisbach, 1912 – Eingebildete Klänge

München, 30. April 1919 – Blutige Klänge

Kleine Geschichte der Schönheit

Missverständnisse eines Königs oder: Der Käfer von Dominikus Zimmermann

Das Maß der Dinge

Das Erhabene

Im Garten des Herrn

Am Ende das Aas

Licht

Klangwelten VI

Zürich, 1932 – Abschaffung des Mittelmeers

Bannwaldsee, 6. September 1947 – Bei der Hex’

Herrenchiemsee, 14. August 1948 – Ein ruhiger Ort in Bayern

Bayreuth, 30. Juli 1951 – Der Klang von Neu-Bayreuth

Konnersreuth, 18. September 1962 – Der Klang der Schmerzen

Burglengenfeld, 27. Juli 1986 – Over the Rainbow

Hof, 1. Oktober 1989 – Stimmen der Freiheit

Allgemeine Literaturhinweise

Literaturhinweise zu den Kapiteln

Personenregister

Ortsregister

Sachregister

Abbildungsnachweis

VORWORT ODER: WANN KOMMT DENN ENDLICH MONTGELAS?

Vorworte sind immer verdächtig.“ Mit diesem Satz beginnt der Triester Schriftsteller Claudio Magris seine Reisebilder Ein Nilpferd in Lund (2005). In diesem Sinn müssen Vorworte zu größeren Geschichtsdarstellungen geradezu als hochgradig suspekt eingestuft werden, geht es in ihnen doch oft darum, salvatorisch darzulegen, was alles nicht vorkommt. Wer sich über bayerische Geschichte informieren will, kann in ein volles Regal greifen: knapp und detailreich, vom Studien- zum detaillierten Handbuch, von der magistralen Gesamtschau zum glänzend geschriebenen Durchzieher. Gemeinsam ist allen der chronologische Aufbau, gestimmt im monarchischen Kammerton. Was es nicht gab, ist eine Kulturgeschichte; hier setzt dieses Buch als eine erste Ausleuchtung an. Diese Darstellung will nicht so weit gehen, wie der bayerische Komponist Richard Strauss, der sich auf die Frage, warum er auf sich eine Symphonie, nämlich „Ein Heldenleben“, geschrieben habe, ironisch-trotzig gab: „Ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon oder Alexander“ – so weit soll der Machtrahmen nicht ausgeblendet sein, doch schweift der Blick oft weg von den Herrschenden hin zu anderen formenden Kräften von Geschichte. Es stehen keine herkömmlichen Helden im Mittelpunkt, und wenn, dann heißen sie nicht Herzog Albrecht IV., Kurfürst Maximilian I., König Ludwig I., sondern Hugeburc, Christine Ebner, Mertl Witz, Simon Marius, Stephan Farfler, Evaristo Felice dall’Abaco und Ilse Schneider-Lengyel. Dies soll deutlich machen: Geschichte muss nicht nur von den Herrschenden aus gedacht werden, doch ist eine Darstellung ohne sie künstlich.

Ich wollte keine dominosteinartige Teleologie bayerischer Geschichte schreiben, die – auf den Fixstern des Landes ausgerichtet – einem Herrscher nach dem anderen besonderes Augenmerk schenkt: Innenpolitik, Außenpolitik, eine aus Konfliktsituationen erwachsende Geschichte, nächster Regent. Dies mag eine zurechtgemachte Welt aus dem Wissen um das Nachhinein sein, ein Streichen alter Gartenzäune, die Antithese mit gedämpfter Reflexionsästhetik zu anderen modernen historischen Zugriffen. Eine solche Auffassung von Landesgeschichte würde sich einen falschen methodischen Immunschutz verpassen. Bayerische Geschichte fand nicht selten außerhalb Bayerns statt, und in Bayern wiederum kam es zu Ereignissen von reichsgeschichtlicher sowie europäischer Bedeutung. Als Grundlage wählte ich den Raum des heutigen Bayern, das heißt, mit den stark fragmentierten fränkischen und schwäbischen Gebieten, die die wenigste Zeit ihrer Geschichte zu Bayern gehörten. Dies soll einerseits vergleichende Perspektiven ermöglichen, andererseits auch den Raum als veränderliche, bewegte Geschichtsgröße zeigen.

Den bekannten Überblicksdarstellungen sollte keine ähnlich geartete und geschriebene an die Seite gestellt werden. „Das Traurigste sind die Doubletten“, schreibt Theodor Fontane in Vor dem Sturm. Heutzutage ist viel von ganz neuen Sichtweisen die Rede; bei genauem Hinsehen erweisen sie sich bisweilen nur als kleiner Schritt, der auf die Seite getan wurde. Diese Darstellung erhebt nicht den Anspruch, alles umstürzen zu wollen oder gänzlich neu zu sein, doch hoffe ich – einmal mit dem grellen Scheinwerfer, einmal mit dem flackernden Licht einer alten Kerze –, an manchen Stellen auf einen überraschenden Aspekt, der eben auch zur bayerischen Geschichte gehört, aufmerksam machen zu können. Das Schöne an Geschichte ist, dass sie immer auch anders erzählt werden kann. Am Ende sollte keine Klio in Lederhose, aber auch keine Auflösung der Geschichte im Kaleidoskop subjektiver Geschichten stehen, sondern eine Geschichtsschreibung, die aus der Episode heraus einen breiteren Aspekt der Historie beleuchten kann und nicht alles enzyklopädisch zu Ende schreiben muss. Der Band ist als Lese-Buch angelegt, das an beliebiger Stelle aufgeschlagen, aber auch von Anfang bis Ende durchgelesen werden kann. Die Mosaiksteine der 12 konzentrischen Themenringe, die sich um das Zifferblatt der Geschichte drehen, mögen sich am Ende zu einem Bild fügen.

In den systematischen Fortgang des Buchs ist eine Art chronologische Tonleiter vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart eingezogen (gerade Kapitel), eine freie „Musik-“ und „Klanggeschichte“ im weitesten Sinn, also in Tönen aller Art, die auch die Dissonanzen der Geschichte laut und vernehmlich zu Gehör bringen. Aus den weitgehend autonomen Tonfolgen mag eine mehrstimmige Historie erwachsen, unterbrochen durch die systematischen, ungeraden Kapitel – keine herkömmliche Geschichtsschreibung, die eine zielgerichtete Kulturbewegung suggeriert, als vielmehr eine kulturgeschichtlich orientierte Zusammenstellung von Rhapsodien und Geschichtsprojektionen. Es geht um Metamorphosen und Entwicklungen jenseits eines Modells vermeintlicher Höherentwicklung. Die Register ermöglichen denjenigen einen systematischen Zugriff, die sich für bestimmte Themen besonders interessieren. Einer klassischen Überblicksdarstellung könnte man zu Recht die Frage stellen: „Wann kommt denn endlich Montgelas?“ Auch in diesem Buch tritt er auf, doch vielleicht an anderer Stelle und vielleicht nicht so ausführlich, wie man erwarten würde. Jedenfalls kann man ihn im Register finden.

Das Buch beginnt auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Von dort wird zunächst in fünf Abschnitten auf den Raum und seine Veränderung geblickt, auf Zäsuren und Traditionen, Straßen – sichtbare und unsichtbare –, auf die Dynamiken von Regionen in ihrer Geschichte vom frühen Mittelalter bis etwa 1800. Wie merkten Menschen früherer Jahrhunderte, dass sie ein anderes „Land“ betraten? Wo begann das Gebiet einer Stadt? Lange bevor der Reisende vor den Toren stand. Das urbane vormoderne Bayern wird insbesondere am Beispiel Nürnbergs vorgestellt. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels widmet sich den Verbindungslinien zwischen den Menschen und den gesellschaftlichen Gruppen, der Frage der Informationsvermittlung, dem Umgang mit notgedrungenen Langsamkeiten, aber auch den nahen und fernen Horizonten, die über diesem Raum zu sehen waren. Korrespondierend hierzu beschäftigt sich das dritte Kapitel mit Grenzen und ihren Überschreitungen, klimatisch oder politisch bedingtem Wandel, der „historischen Archäologie“ gewachsener Kulturlandschaften und ihrer Schichtungen, die gewollt und ungewollt sich umformten und vielfach noch heute den aufmerksam Schauenden leicht sichtbar sind. Es führt aber auch in literarische Landschaften, deren neu geschaffene Zusammenhänge den konkreten Raum in Poesie und Ästhetik überführten.

In der Mitte der Darstellung steht die Geschichte Bayerns in der NS-Diktatur. Bayerns ungeheuerliche Geschichte der Unrechts- und „Unkulturzeit“ ist nicht als erratischer Abschnitt zu begreifen. Bewusst wurde hierfür eine andere Darstellungsform gewählt, nicht, um sich vor einer Ausarbeitung in einen klassischen Fließtext zu drücken – dies wird ja in drei Beiträgen getan –, sondern um Zugänge für eine Auseinandersetzung zu eröffnen, die eine klassische Form nicht bieten kann.

Der Rechts- und Sozialgeschichte gilt das siebte Kapitel, das neben der Profilierung zweier Epochendaten der Geschichte – 788 und 1180 – einen rechtsgeschichtlichen „Krebsgang“ sowie Ausleuchtungen zu einer kontextualisierenden Geschichte der Homosexualität in Bayern liefert, ohne hier – wie anderswo – den Anspruch erheben zu können, dieses wichtige, auch methodisch innovatives Kapital bergende Thema umfassend behandelt zu haben. Doch sollte es zumindest angesprochen sein.

Die Kapitel zu „Bayerns Farben“ und zur Schönheit beziehen sich ebenfalls aufeinander. Letzteres – der Versuch einer Kunstkulturgeschichte der Hässlichkeit und vor allem ihres Gegenteils – führt hin zum Licht als stets neu kreativem Baumeister. Zuvor gilt es, Schneisen durch die Geschichte der Ästhetik zu schlagen, wobei der phänomenologische Wandel als Zeitzeichen, als Anschauungswandel breiter Schichten gedeutet wird. Bunt ist naheliegenderweise das Kapitel der Farben Bayerns, das gleichsam eine Palette mit ganz unterschiedlichen Nuancen sein will und der Frage nachgeht, welchen Verlauf das Farbverständnis genommen hat. Dunkel grundiert hingegen die Kriegsgeschichte des vormodernen Bayern. Vom „Schlachtfeld Bayern“ geht dann der Blick in den Himmel – eine kleine Geschichte der Astronomie. Eine vielleicht etwas deutlichere historische Stimme erhalten in diesem Kapitel Menschen mit Behinderung. Nicht fehlen sollen Überlegungen zum gemeinhin den Bayern unterstellten Hang zum Komödiantischen, ehe in 12 Variationen das Zifferblatt des historischen Zeitverständnisses abgeschritten wird. Auch hier eher Ausleuchtungen, Ideen, kein Lehrbuch klassischen Zuschnitts.

Das Buch folgt einem weiten Quellenbegriff, der den schriftlichen Darstellungen Bauten, die Topographie, Votivtafeln und Glocken, Fresken, Volkslieder und Motetten, versunkene Schiffe, Pigmente und Pestgenome beifügt, um so ein, wenn nicht immer neues, so doch anderes Licht auf die bayerische Geschichte zu werfen. Es ging darum – dies sei noch einmal betont –, nicht das immer beruhigend Gleiche neuerlich zu beschreiben, doch sollte es auch keine „trunkene Fahrt“ durch die Geschichte sein. Mein Versuch einer solcherart fragmentarischen Geschichtsdarstellung zielt darauf, Abschnitte perspektivisch so zu wählen, dass sich am Ende ein mögliches Ganzes formt: eine Art historisches Kabinett mit schräggestellten Spiegeln, das an keiner Stelle allzu glatt herüberkommt und Blicke nach außen und von außen zulässt.

Zuweilen wird der Landesgeschichte unterstellt, sie pumpe den nestwarmen Kreislauf vorgerechneter Geschichte. Das hohe methodische Potential, das im Vergleich dichter Beschreibungen liegt, werde auf die lange Ofenbank geschoben. Es ist hier nicht der Raum, um über Urteile und Vorurteile nachzudenken, doch sei der Wunsch geäußert, dass dieses Buch, das sich die Freude geschenkt hat, an manchen Stellen – wenn durch die Quellen gedeckt – literarisch auszubrechen, als Versuch genommen wird, der andere Geschichtsdarstellungen weder ersetzen kann noch will. Als Ergänzung oder inhaltliche Erweiterung mögen die in die ungeraden Kapitel eingeschobenen Kästen und Abbildungen aufgefasst werden, deren längere Unterschriften beschreibendinterpretierenden Charakter haben. Zwischen Anführungszeichen sind Zitate und etwa Begriffe der NS-Zeit gesetzt, Buch- oder Gemäldetitel hingegen nur dann, wenn dadurch der Lesefluss erleichtert wird. Quellenzitate bzw. deren Übersetzungen stammen, wenn nicht anders angegeben, vom Verfasser bzw. sind den maßgeblichen Editionen entnommen.

Ich danke allen, die mich bei diesem Experiment unterstützt und das Buch oder Teile davon im Vorfeld gelesen oder mit mir diskutiert haben, allen voran Hannelore Putz/Passau und Regina Dauser/Augsburg. Alois Schmid und Hubertus Seibert/beide München haben mich vor einigen Jahren beim Verlag für diese Darstellung vorgeschlagen. Dem Verleger Fritz Pustet danke ich für sein stetes Interesse und die gute Zusammenarbeit mit ihm und seinen Mitarbeiterinnen, namentlich Magdalena Seis. In besonderer Weise bin ich Evamaria Brockhoff/Augsburg zu Dank verpflichtet. Sie hat das Buch in allen Phasen des Schreibens begleitet. Die Diskussionen mit ihr führten zu Schärfungen und neuen Ideen. Von ihr habe ich viel gelernt.

Augsburg und Seehausen am Staffelsee, August 2021

BEWEGTE RÄUME

Das vermessene Land

Die Nacht war kühl und miserabel gewesen. Leutnant Joseph Naus hatte sie weitgehend damit zugebracht, am Feuer sitzend Flöhe zu knacken. Am 27. August um 4 Uhr in der Früh machte sich dann die kleine Gruppe aus der „Flohhütte“ auf den Weg – Naus, der Bergführer Johann Georg Tauschl und ein Gehilfe. Um 11 Uhr 45 standen sie auf dem Westgipfel der Zugspitze. Damit gelang ihnen die erste datierbare Besteigung von Bayerns und Deutschlands höchstem Berg. Man schrieb das Jahr 1820. Lang konnten die drei nicht auf dem Gipfel bleiben. Ein Schneesturm tobte, ein Gewitter ging nieder, ein Blitz schlug neben ihnen ein. So war auch kaum an den eigentlichen Auftrag ihrer Unternehmung zu denken: die Grundlagen für die Werdenfelser Karte zu schaffen. Der Tiroler Naus war Geodät, auch Geometer genannt, einer von vielen, zumeist Freiberuflern, die schlecht bezahlt nicht nach Arbeitsstunden, sondern nach Ergebnis Bayern unters Messinstrument legten. Angefangen hatte das Großprojekt einer Kartographierung des ganzen Lands fast auf den Tag genau 19 Jahre vor jener denkwürdigen Zugspitzbesteigung. Am 25. August 1801 waren im Auftrag des Topographischen Bureaus die ersten Stative und Messstangen für die „Grundlinie Bayerns aufgestellt worden. Diese verlief zwischen Oberföhring und Aufkirchen, gut 21,5 Kilometer lang, in Plänen „la base de la Goldach“ genannt nach dem rechten Isarzufluss Goldach. Diese Basis hatte man gewählt, da hier kaum Höhenunterschiede zu überwinden waren. Ausgerichtet war die Strecke an zwei Sichtpunkten: der Frauenkirche in München und dem markanten Turm des Gotteshauses in Aufkirchen – doch steckte hinter dieser Entscheidung kein religiöses Ansinnen, wie man meinen könnte. Noch heute stehen die Basispyramiden dieser ersten Vermessung Bayerns in Aufkirchen und Oberföhring.

Das Land systematisch zu vermessen, diese Idee war das Kind einer rational-empirisch-mathematischen Aufklärung. Die Initiative dazu ging von den Franzosen aus, die Bayern besetzt hielten, allen voran von Napoleon, für den militärische Interessen im Vordergrund standen – eine gute Karte konnte kriegsentscheidend sein. Von bayerischer Seite kamen finanzielle Aspekte hinzu: Die wichtigste Einnahmequelle des Staats war die Besteuerung von Grund und Boden. Hierfür wurden bis dahin ganz unterschiedliche Vorschriften in den unterschiedlichen Teilen Bayerns zugrunde gelegt. Eine einheitliche Katastrierung musste also her, und dafür hatte man im Juni 1801 das erwähnte Topographische Bureau ins Leben gerufen. Sein Schöpfer war Joseph von Utzschneider.

Utzschneider zählte zu den markantesten Köpfen einer Pioniergeneration um 1800. Geboren als Sohn eines Bauern in Rieden am Staffelsee, gründete er mehrere Unternehmen, setzte sich für die Kultivierung des Donaumooses ein, verbesserte das bayerische Salinenwesen, und insbesondere dessen Soleleitungen – an der ersten Soleleitung zwischen Reichenhall und Traunstein war bereits 1617 gebaut worden –, machte sich um die Nutzung der Staatsforsten und die Ausbildung des dortigen Personals verdient. Auch als Vorstand der Polytechnischen Centralschule, Vorläufer der Technischen Universität in München, war Utzschneider ein Mann der Anfänge, ein Anstifter, weniger ein Projektverwalter. Visionär oszillierte er von Idee zu Idee. Eine davon war die „Vermessung Bayerns“, eine andere die Glashütte in Benediktbeuern. 1805 hatte Utzschneider die altehrwürdige Klosteranlage der Benediktiner im Voralpenland erworben, wo seit der Säkularisation zwei Jahre zuvor keine Mönche mehr beteten und arbeiteten. Im alten Waschhaus ließ er eine Glasschmelze und -schleiferei einrichten. Unter Leitung des Straubingers Joseph von Fraunhofer wurden dort bis 1819 die reinsten Linsen ihrer Zeit für hochwertige optische Präzisionsinstrumente hergestellt. Und solche benötigte man für das Großprojekt der bayerischen Landesvermessung. Diese wurde von einer genialischen Aufsteigergeneration geprägt: Fraunhofer war Vollwaise, Georg Friedrich von Reichenbach, dessen Theodoliten Winkelmessungen in bisher ungeahnter Präzision erlaubten, war Sohn eines badischen Schlossermeisters. Joseph Schiegg, ehemals Pater Ulrich aus dem schwäbischen Reichskloster Ottobeuren, war nicht nur ein Flugpionier, sondern auch mathematischer Impulsgeber für eine moderne Höhen-, Längen- und Breitenmessung. Auf Schieggs Empfehlung wurde der Feuchtwanger Kuhbub Johann Georg Soldner 1808 als Trigonometer eingestellt.

Und so legte sich in immer dichterer Folge Dreieck um Dreieck – aus den Winkeln erschloss man die Strecken – über die bayerischen Lande. Utzschneider und seine Weggefährten waren die Köpfe der Vermessung, daneben werkelte ein Heer von Händen – Geometer, die wie Naus umherzogen, sich die Arbeitsgeräte selber kaufen mussten, im Schlepptau Gehilfen, bisweilen Ehefrau, quengelnde Kinder. Ihre prekäre Lage wurde sogar vor dem Landtag verhandelt, Verbesserungen kamen dennoch nur schleppend voran. Zur wirtschaftlichen Not kam der Widerstand insbesondere der Bauern, die wenig begeistert waren, wenn die Vermesser mit ihren Instrumenten durch die Äcker stapften. Und sie ahnten, was langfristig das End’ vom Lied sein würde: eine neue Besteuerung. Staatlicherseits drohte man und verhängte Strafmaßnahmen gegen diejenigen, die sich Messungen und Messenden entgegenstellten.

Das Projekt machte Bayern nach Frankreich zum zweiten Land, das auf Grundlage der „Revolutionsmaßeinheit“ verzeichnet wurde: das (!) Meter. Auch daran rieben sich nicht wenige Bayern – die neuerliche „Eroberung“ gleichsam mit dem Zollstock. Sie setzten die traditionelle Einheit der Rute (ca. 2,9 Meter oder zehn Fuß) dagegen und nach Abzug der Franzosen auch durch. Erst 1867 konnte das monumentale Vermessungsunternehmen abgeschlossen werden, im Folgejahr wurde der Grundsteuerkataster erstellt. Es kam dem Projekt eine weitere Erfindung zugute: Alois Senefelder entwickelte beim Experimentieren mit Solnhofer Kalkschiefer den Steindruck, die Lithographie. Das Verfahren war kostengünstig und ermöglichte eine schnelle Reproduktion. Heute hütet das Bayerische Vermessungsamt in München diese Steinbibliothek – rund 26 500 Lithosteine, zweifellos die schwerste Bayernkarte aller Zeiten. Das Meter kam übrigens nach Bayern zurück: 1871, dieses Mal nicht durch die Franzosen, sondern – für Bayern kaum weniger schmerzhaft – durch die Preußen. Bayern war nun Gliedstaat des eben erst in Versailles proklamierten, kriegsgeborenen Deutschen Reichs. Klar war, wer das Sagen hatte und eben auch das Maß vorgab.

Die Vermessung Bayerns hatte mehr als ein halbes Jahrhundert in Anspruch genommen. International gab es Lob für die gewaltige Leistung. Das Großprojekt hatte nicht wenige Institute und Institutionen geschaffen und in metaphysisch-philosophischer Hinsicht letztlich endgültig den Raum entzaubert. Erfahrungswerte – wie weit ist es bis in die nächste Stadt? – wichen genauen Maßeinheiten, die Welt wurde mathematisiert. Zu einer Zeit ungehemmten Fortschrittsglaubens wurde das Messbare zum Maß aller Dinge. Der vermessene Raum hatte sich im Zuge des Unternehmens verändert, hatte gleichsam geatmet, sich zusammengezogen und ausgedehnt: Während die Vermesser Berge bestiegen, über Hügel und durch Wälder marschierten, verschoben sich die Grenzen Bayerns aufgrund der politischen Entwicklungen der napoleonischen und nachnapoleonischen Ära mehrfach. Überspitzt könnte man sagen: Die Karten machten weitgehend Bayern, die Grenzen schufen und bestätigten vielfach andere.

Kartographisch an der europäischen Spitze war Bayern übrigens schon einmal gewesen, rund 300 Jahre vor jener Vermessung im 19. Jahrhundert. Bayerns Grenzen waren damals wieder andere. 1554 beauftragte Herzog Albrecht V. den gebürtigen Ingolstädter Philipp Apian, eine moderne Karte des Landes zu erstellen. Auch hinter diesem Projekt standen nicht zuletzt herrschaftliche Gründe. Philipps Vater Peter Bienewitz, latinisiert Apianus, aus Sachsen nach Bayern gekommen, hatte in Ingolstadt eine Druckerei gegründet, auch für Kartenwerke. Was die Lithographie für die Vermessung des 19. Jahrhunderts war, war für Apians Kartenwerk die Erfindung des Buchdrucks, die rund ein Jahrhundert zuvor die Verbreitungsmöglichkeiten für Schriften jedweder Art revolutioniert hatte. 1561 beendete Philipp Apian seine bayerische Landvermessung, 1563 war die ca. 6,4 × 6,4 Meter „Große Karte“ im Maßstab von ca. 1:50 000 fertig. Herzog Albrecht V. ließ sie in seiner Hofbibliothek anbringen. „An der Wand hangt auch des Philipp Appiani grosse Mappa“, notierte 1611 der Kunstnetzwerker Philipp Hainhofer. Jedem Besucher wurde deutlich vor Augen geführt, worüber der Hausherr herrschte. Die „grosse Mappa“ aus 16 Rollen reichte im Westen weit über den Lech, griff im Norden bis an die Tore der Reichsstadt Nürnberg aus, im Osten bis ins heutige Österreich und im Süden bis zu den Alpen. 1566 erschienen dann als Substrat für die Praxis die „bairischen Landtafeln“, 24 Holzschnitte im kleineren Maßstab von etwa 1:144 000, verlegt in Apians Ingolstädter Druckerei.

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Große und kleine Politik – Wilhelm Leibl malte „Die Dorfpolitiker“ (1877) in (Unter-) Schondorf am Ammersee. Seiner Mutter schrieb er: „Mein Bild stellt fünf Bauern vor, die in einer kleinen Bauernstube die Köpfe zusammenstecken, vermutlich wegen einer Gemeindesache, weil einer ein Stück Papier, welches aussieht wie ein alter Kataster, in der Hand hält. Es sind wirkliche Bauern, weil ich sie alle möglichst treu nach der Natur male, auch die Bauernstube ist eine solche, weil ich das Bild in derselben male; zum Fenster hinaus sieht man noch ein Stück vom Ammersee.“

Dem epochalen Unternehmen vorausgegangen waren „sechs oder schier sieben Summer“, die Apian, sein Bruder Timotheus und ein Gehilfe durch die Lande geritten und gewandert waren. Seine Messergebnisse trug Apian in Notizbücher ein. Manches schätzte er, so die Entfernung nach Mexiko oder Konstantinopel mit 1342 bzw. 246 Meilen. Manches bildeten Erfahrungswerte – eine Stunde Reiten, zwei Stunden Fußmarsch. Genauer war da schon, die Schritte zu zählen (schon Leonardo da Vinci hatte für seine berühmten Stadtpläne von Imola, Cesana und Urbino einen Wegmesser, Pedometer, verwendet), noch genauere Zahlen lieferten die Winkelmessgeräte, welche die drei Vermesser der frühen Neuzeit im Gepäck hatten. Hierbei griff Apian auf Methoden zurück, die bereits sein mathematisch gelehrter Vater niedergeschrieben hatte. Mag eine württembergische Landkarte, die Herzog Albrecht weiland bei seinem Vetter im Westen gesehen hatte, das Vorbild gewesen sein – was die Gebrüder Apian schufen, war europaweit nahezu unvergleichlich.

Noch heute ist ein Blick in jene Karten spannend und unterhaltsam. Es ist zudem ein durchaus persönliches Werk, denn Apian verstand sich nicht nur als ausführendes Organ. Man entdeckt in der Gegend des Tegernsees ein Kreuz – es erinnert an den tödlichen Unfall von Timotheus Apian (das von Philipp zur Erinnerung an seinen Bruder errichtete Steinkreuz steht noch heute in der Gemeinde Warngau). Festgehalten wird auch das Gedächtnis an Scharmützel, Schlachten und Belagerungen auf bayerischem Boden – 1322, 1434, 1504 oder 1546, letzteres, die Belagerung Ingolstadts im Schmalkaldischen Krieg, spielte im Leben Philipp Apians eine bedeutsame Rolle. Manches hatte er sich offensichtlich genauer angeschaut, so das Renaissanceschloss Sulzemoos oder die Stadtsilhouetten von München, Nürnberg, Regensburg, Cham, Landsberg oder Kufstein. Insgesamt formt sich vor dem Betrachter ein gegliedertes Land, bei dem Gemsen auf dem Watzmann umherspringen – Apian bemühte sich um unverwechselbare Bergformen, während früher bei Karten eher „Maulwurfsaufschüttungen“ gebräuchlich waren –, Fischerboote über den Chiemsee rudern, wo noch Wein bei Neuburg an der Donau, am Bogenberg, im Regensburger Umland oder an der Altmühl angebaut wird. Herrschafts-, Gerichtsgrenzen und eine erläuternde Legende, die Reichsstadt, Bistum, Kloster, Stadt, Markt, Weiler etc. unterscheidet, strukturieren das Land. Man entdeckt Steinbrüche und Eisenerzbergbau in der Oberpfalz, die sogenannte Ochsenschlacht bei Ingolstadt – Zeugnis für die Herden, die auf dem Oxenweg von Ungarn in den Westen getrieben wurden –, das wittelsbachische Gestüt Schwaiganger im Oberland, das es noch heute als Staatsgestüt gibt, Silberbergbau bei Bodenmais, den wildreichen Perlacher Forst, wie in einem Beitext ohnedies Schönheit und Reichtum Bayerns gerühmt werden. Kurzum, Apian schuf ein hybrides Werk von verdichteten Informationen aus Karte, Text und tabellarischen Elementen.

Universitätsgründungen in Europa bis 1500 (Auswahl)

• 12./13. Jahrhundert: Arezzo, Bologna, Cambridge, Lissabon, Montpellier, Oxford, Neapel, Paris, Salamanca

• 1300–1350: Avignon (1303), Coimbra (1308), Florenz (1349), Grenoble (1339), Pisa (1343), Prag (1347), Rom (1303)

• 1350–1400: Buda (1395), Erfurt (1379), Heidelberg (1385), Köln (1388), Pavia (1361), Pécs/Fünfkirchen (1367), Wien (1365), Zadar (1396)

• 1400–1450: Barcelona (1450), Leipzig (1409), Leuven/Löwen (1425), Poitiers (1431), Rostock (1419), Turin (1404), Würzburg (1402)

• 1450–1500: Aberdeen (1495), Basel (1459), Bratislava/Preßburg (1465), Freiburg im Breisgau (1457), Glasgow (1451), Greifswald (1456), Ingolstadt (1472), Trier (1454), Uppsala (1477), Valencia (1500), Venedig (1470)

Apian lehrte zu dieser Zeit an der 1472 im Kontext einer europaweiten universitären Gründungswelle entstandenen herzoglichen Hochschule in Ingolstadt. 1569 musste der bekennende Protestant Apian Bayern verlassen – zu stark war der katholische Gegendruck. Sein herzoglicher Förderer konnte und wollte ihn nicht halten, obwohl die Kontakte auch später – zu Apians Tübinger Zeiten – nie gänzlich abrissen. Jedenfalls war der beste Kenner Bayerns kein Bayer mehr. Doch auch in Tübingen wurde er nicht wirklich glücklich, da er sich weigerte, die Konkordienformel, eine lutherische Bekenntnisschrift, zu unterzeichnen. Apian verwies – zweifellos ein Vorwand – auf seine für eine Beurteilung nicht ausreichenden theologischen Kenntnisse. Tatsächlich scheint er in seinen späten Jahren mit dem Calvinismus sympathisiert zu haben. Wieder verlor der erste Topograph der Neuzeit, der diesen Namen wirklich verdient, sein Lehramt. Spätere verklärten Apian zum kompromisslosen Freigeist und modernen Wissenschaftler, der seine Forschungen nicht vom Gezänk der Theologen beeinflusst wissen wollte. Herzog Albrecht V. unterstützte ihn bis zum Lebensende, 1589 starb Apian, zwei Tage nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. Dass dieser ein böses Zeichen und ein Urteil Gottes gewesen sei, wiesen Untersuchung und Leichenrede von sich. Apians Große Karte hing noch bis 1782 in der Münchner Residenz. Danach verbrannte man sie, da sich Mäuse allzu sehr durch Bayern gefressen hatten. Drei Jahre später sollte dann der Straßen- und Wasserbauingenieur Adrian von Riedl mit einer systematischen Vermessung Bayerns beginnen. Sein Können machte den Direktor des Topopgraphischen Bureaus zu einer entscheidenden Figur bei der großen Landesaufnahme Bayerns am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Noch ein letzter Blick auf Apians Karte: Verzeichnet sind dort die Thunicates, ein Stamm, der in der Antike in der Gegend von Straubing gelebt haben soll. Apian hat dieses Wissen von dem Humanisten Johannes Turmair übernommen. Turmair, nach seinem Geburtsort Abensberg in Aventinus latinisiert, hatte seine beiden Chroniken Bayerns 1523, dann in einer zweiten Auflage 1533/35 durch eine Bayernkarte ergänzt – von den Alpen bis zur Donau, von Augsburg bis St. Wolfgang – im Maßstab von etwa 1:720 000. Dafür arbeitete Bayerns größter Humanist wohl mit Peter Apian, dem Vater Philipps, zusammen. Wesentliche Strukturelemente dieser Karte sind die Flüsse. Manches ist nicht vollends gelungen, Kempten etwa liegt am Tegernsee, doch dem antikebegeisterten Aventin ging es vornehmlich um die antiken Wurzeln des Landes, und so bevölkern nicht nur die Thunicates, sondern auch die Stämme der Vindelici, Norici, Brenni, Geloni oder Senones das Land. Auch das ist mehr als reine Kartographie, vielmehr eine Sinnstiftung des Raums. Ob Aventin über seine humanistischen Netzwerke von einem Sensationsfund erfahren hatte, den der wichtigste aller deutschen Humanisten, Conrad Celtis, um 1505 wohl auf der Reichenau gemacht hatte, muss offenbleiben.

Celtis hatte eine Pergamentrolle entdeckt, die in etwas unpraktischem Format, rund 6,80 × 0,33 Meter, die bekannte Welt von Spanien bis nach Indien zeigte und nach neuesten Forschungen das um 1200 entstandene Endprodukt mehrerer Überarbeitungsphasen mit rund 3500 verzeichneten Toponymen darstellt. Die letzte antike Überarbeitung ist auf etwa 435 zu datieren. Der Fokus liegt auf den Römerstraßen. Lange dominierte die Vorstellung, jene Tabula Peutingeriana – benannt nach dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger, der das Kartenwerk von Celtis bekommen hatte – sei eine Art antiker Linienfahrplan, ähnlich den S- und U-Bahnaushängen und für den kaiserlichen „cursus publicus“, den Depeschendienst, angefertigt. Heute geht man eher von einem repräsentativen Prunkstück mit dem aus der hellenistischen Geographie gespeisten „Weltwissen“ aus, das möglicherweise in der „villa“ eines reichen Römers hing, damit durchaus vergleichbar mit Apians „Großer Karte“ in der Münchner Hofbibliothek. Auf dem dritten Pergament der Tabula ist Augsburg, Augusta Vindelicum, mit einer doppeltürmigen Vignette verzeichnet; drei der vier durch Bayern führenden Straßen laufen dort zusammen. Dahinter steckt die Vorstellung zentraler Knotenpunkte und letztlich eine infrastrukturelle Hierarchisierung des Landes.

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Unterwegs in Bayern – Philipp Apians kartographische Arbeit flankierten umfangreiche detaillierte Vorstudien – verschiedenen Formats und mit unterschiedlichem Ausarbeitungsgrad. Für manche Klöster, Kirchen, Burgen, Schlösser, Gebäude oder Orte, so hier von Sachrang im Chiemgau, sind seine Handskizzen, die erste Ansicht überhaupt und stellen so eine interessante Quelle für die Architekturgeschichte dar.

Schon im 13. Jahrhundert forderten große Gelehrte wie Albertus Magnus aus Lauingen oder Roger Bacon, man müsse bei Landkarten die gleiche Sorgfalt walten lassen wie bei Seekarten, in die Erfahrungswissen und genaue Beobachtungen einflossen. In diesem Sinn trug der Regensburger Benediktiner Friedrich Amann um 1450 in eine Sammelhandschrift auch hydrographische Skizzen ein. Mit roter Tinte ist die Donau eingezeichnet, die vom Westen kommend nördlich von „Augspurck“ über „Ragenspurck“ und „Offen“ (Buda, Stadtteil Budapests am rechten Donauufer) sich mit mehreren Armen ins Schwarze Meer ergießt. Karten öffneten Horizonte. Sie speicherten Wissen, dienten der Orientierung, stifteten Sinnzusammenhänge. 1501 ließ Erhard Etzlaub in Nürnberg eine Landstraßenkarte drucken, die von Süditalien bis Dänemark reicht – genau in der Mitte die Reichsstadt an der Pegnitz, Etzlaubs Rom und Nabel der Welt, wohin alle Straßen führen, von der alle Wege ausgehen.

Wenig vorher, passend zum Heiligen Jahr 1500, hatte Etzlaub eine gesüdete Pilgerkarte herausgegeben: „Das ist der Romweg von meylen zu meylen mit puncten verzeychnet.“ Punktlinien – jeder Punkt entspricht einer Meile (7,4 km) – durchziehen die Welt der meist alten Römerstraßen. Noch zahlreiche römische Meilensteine waren im Gelände stehengeblieben und markierten die Welt. Der fromme Wallfahrer, der im Anno Santo in die Ewige Stadt unterwegs war, konnte sich also den Weg einteilen. 1491 wurde in Eichstätt auf Kupfer die sogenannte Cusanus-Karte von England bis an den Bosporus gedruckt, darin die Regionen „Suevia“, „Bavaria“, „Noricum“ – eine „Francia“ fehlt – und darin, neben den üblichen genannten Orten, auch Nördlingen, Forchheim, Landshut, Andechs und ein noch ziemlich überschaubares München.

Im 15. Jahrhundert beginnt die Welt genauer zu werden – parallel zum wachsenden Wissen um den Raum. Historische Karten und Ansichten sind nun moderne Forschungsobjekte, ob herrscherliche Landesaufnahmen wie die der pfalz-neuburgischen Fürsten, die Stadtpläne eines Jörg Seld oder Hans Rogel, ob die Stadtmodelle Jakob Sandtners oder die Werke der barocken Druckmetropolen Augsburg und Nürnberg. Man erfährt viel aus ihnen, ob man sich für die Architektur-, Technikgeschichte oder die Wirtschaftshistorie interessiert oder ob es darum geht, das Pulsieren des Raums als sich verändernde Größe zu erkennen. Räume über ihre Grenzen zu definieren ist eine Möglichkeit. Bayerns frühere Kartographen sahen hier durchaus noch weitere Beschreibungszusammenhänge. Heutzutage sind Karten virtuell geworden. Immer weniger Menschen schenken sich die Freude, eine Karte aufzuklappen und sich eine Region vor Augen zu führen. Am Ende der geographischen Treppe mit Großer Karte und Grundsteuerkataster steht der BayernAtlas, eine Internetanwendung mit amtlichen Karten, Luftbildern, zoombar, navigierbar, dreidimensional, ungemein praktisch, mit Sightseeing-, Wander- und Badevorschlägen. Der Raum ist zurechtgemacht für jede Nutzung. Den unbekannten Ort gibt es nicht mehr. Unterlegt sind dem BayernAtlas historische Karten der letzten rund 200 Jahre, die Entwicklungen in ganz unterschiedlichen Richtungen zeigen. Bayerns höchster Berg, die Zugspitze, ist mit genau 2962 Metern angegeben. Verzeichnet sind Bahnen und Lifte, die den Aufstieg erleichtern. Ein Gipfelkreuz an der Stelle, wo Naus einst seinen Stock einrammte.

Höglwörth oder: Das Ende der Welt

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Bayerns letztes Stift nahm ein unwürdiges Ende. Der Konvent der Augustinerchorherren war zerstritten, man denunzierte sich gegenseitig, servierte als Braten einen Fuchs, pfiff auf die Ordensregel und benahm sich liturgisch daneben. 1813 beantragte der letzte Propst Gilbert Grab die Aufhebung von Höglwörth, das als einziges Stift die Säkularisation der Jahre 1802/03 überlebt hatte. Die Gründe hierfür lagen in der Herrschaftsgeschichte. 1802 war Höglwörth an Erzherzog Ferdinand von Toskana gekommen, 1805 an Österreich. In den Folgejahren wurde das religiöse Institut im Osten Bayerns zum Spielball verschiedener Interessen. Begriff und Phänomen Säkularisation gab es schon lange vor den umwälzenden Vorgängen der Jahre um 1800. Unterschieden wird grundsätzlich zwischen der Aufhebung der geistlichen Fürstentümer (Herrschaftssäkularisation) und der Aufhebung der landsässigen (also einer Herrschaft unterstellten) Klöster und Stifte (Vermögenssäkularisation). Diese „Verweltlichung“ geistlicher Rechte und geistlichen Besitzes taucht als Begriff seit dem Westfälischen Frieden 1648 auf, war aber schon in der Zeit der Reformation – und nicht nur von ihren Anhängern – als Mittel zum Zweck eingesetzt worden.

1813 beantragte nun Propst Grab selbst die Aufhebung seines Stifts. 1816 wurde ihm ein Administrator vor die Nase gesetzt – allerdings nur auf dem Papier. Am 30. Juli 1817 ging dann der letzte Akt des Trauerspiels über die Bühne: die Aufhebung. Das einzige und letzte von der Säkularisation verschont gebliebene bayerische Stift war nunmehr Geschichte. Der Schlussstrich unter eine über tausendjährige Ordnung und Welt war damit gezogen. Das Höglwörther Gotteshaus wurde eine Filialkirche der Pfarre Anger. Die Kritik am Konvent war schonungslos gewesen. Man warf ihm vor, weder eine sittliche noch eine wissenschaftliche Berechtigung zu haben, vielmehr gebe er „in dem Zustande seiner Verdorbenheit“ ein schlechtes Beispiel ab. Die Chorherren verließen Höglwörth. Der letzte Propst trug den passenden Namen.

Zunächst sei ein Blick auf die historischen Hintergründe geworfen: Ab 1792 trat das revolutionäre Frankreich einen militärischen Siegeszug sondergleichen an und schob seine Grenze bis an den Rhein vor. Nicht wenige deutsche Fürsten besaßen links des Rheins Besitzungen, unter ihnen der Regent von Kurpfalz-Bayern. Die pfälzischen Gebiete waren gemäß den Bestimmungen des Hausvertrags von Pavia 1329 im Jahr 1777 mit Bayern vereint worden. Der Kurfürst und seine Minister hofften auf Entschädigung für die Verluste an Frankreich. Hier fiel nun der begehrliche Blick einerseits auf die sogenannten freien Reichsstädte wie Augsburg, Nürnberg, Memmingen, Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber, Kaufbeuren, Windsheim, andererseits auf Land, Vermögen und Rechte der Geistlichkeit. Die Angst vor der Auflösung spukte bereits geraume Zeit als Schreckgespenst durch die Klostermauern, nahm aber nun konkrete Gestalt an, zumal einige Friedensverträge diese territoriale Veränderungsmöglichkeit legitimierten, so 1795 der Friede von Basel zwischen Frankreich und Preußen, 1797 der Friede von Campoformio zwischen Frankreich und dem Kaiser, 1801 der Friede von Lunéville zwischen Frankreich und dem Reich.

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Vor der Säkularisation – Das Modell, das Pater Ulrich Baumgartner im Jahr 1793 von seinem Kloster, der Benediktinerabtei Elchingen, aus Karton und Pappe fertigte, führt eindrucksvoll einen monastischen Kosmos vor Augen, der sich gleichsam aus und zu der Kirche hin entwickelt. Neben Wirtschafts- und Speichergebäuden gehören zum Klosterkomplex auch Stallungen, eine Brauerei, das Gesindehaus, im Vordergrund ein Sommerpavillon und rechts, aus dem der Kirche vorgelagerten Viereck der Konventsbauten erwachsend, der Latrinenturm.

Bereits 1796 hatte Maximilian von Montgelas, der bald Bayerns starker Mann werden sollte, in seinem Ansbacher Mémoire entsprechende Ideen geäußert. Um diese Vorschläge umzusetzen, wurde vom Reichstag eine Deputation von acht Reichsständen einberufen. Ein gewaltiges Feilschen kam in Gang. In Paragraph 35 des in Regensburg verhandelten Reichsdeputationshauptschlusses wurde schließlich festgehalten: „Alle Güter der fundirten Stifter, Abteyen und Klöster, in den alten sowohl als in den neuen Besitzungen, Katholischer sowohl als A.C. (Augsburger Konfession = evangelisch-lutherisch) Verwandten, mittelbarer sowohl als unmittelbarer, deren Verwendung in den vorhergehenden Anordnungen nicht förmlich festgesetzt worden ist, werden der freien und vollen Disposition der respectiven Landesherrn, sowohl zum Behuf des Aufwandes für Gottesdienst, Unterrichts- und andere gemeinnützige Anstalten, als zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen, unter dem bestimmten Vorbehalte der festen und bleibenden Ausstattung der Domkirchen, welche werden beibehalten werden, und der Pensionen für die aufgehobene Geistlichkeit, nach den unter theils wirklich bemerkten, theils noch unverzüglich zu treffenden näheren Bestimmungen.“ Gewinner dieser umwälzenden Vorgänge – parallel dazu liefen umfangreiche innenpolitische Reformmaßnahmen – waren unter anderem die süddeutschen Staaten Baden, Württemberg und Bayern, die teilweise überproportional für ihre Verluste links des Rheins entschädigt wurden. Im Falle Bayerns hieß dies: Für verlorene 12 000 Quadratkilometer und 700 000 Einwohner kamen 17 000 Quadratkilometer und 900 000 Einwohner dazu. Was jedoch mehr wert war als alle Zuwächse – Bayern konnte sein Territorium schließen und rechtlich einen. Europäischer Hintergrund dieser Umwälzungen war das Bestreben Napoleons, eine Reihe mittelmächtiger Pufferstaaten zwischen Frankreich und dem habsburgischen Kaiser zu schaffen.

Inventarisierung der Werkzeuge in der Stiftsapotheke Rottenbuch 1803 (Auswahl)

3 größere Mörser aus Messing

4 kleinere Mörser aus Messing

5 steinerne Mörser

1 Waage mit Kupferschalen

8 Waagen mit Messingschalen

5 kleinere Waagen mit Messingschalen

12 Spateln

6 Messinglöffel

4 Scheren

2 Schneidbretter

1 Wiegemesser

4 Trichter

Staatsarchiv München, Rentämter 2275; Bayern ohne Klöster? Die Säkularisation 1802/03 und die Folgen (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 45) 2003, 98 f. (Joachim Glasner).

Die Säkularisation der Klöster und Stifte bedeutete eine gewaltige logistische Herausforderung und wurde in aller aufklärerischen Kühle in Angriff genommen. Klare Instruktionen wurden erteilt. Im Wesentlichen folgte der normierte Prozess vier Schritten: Zunächst musste eine Inventarisierung vorgenommen werden. Dies erledigten 1802 die sogenannten Novemberkommissare. Einen Eindruck für das systematische Vorgehen mag der Hofbibliothekssekretär Johann Baptist Bernhart geben: Der Kenner und Inkunabelspezialist durchsuchte in 112 Tagen 54 Bibliotheken, hielt seine Beobachtungen in einem Tagebuch fest. Es stellte sich ja die Frage, was in Staatsbesitz und staatliche Rechtsnachfolge übergehen sollte und was nicht. Die Aufhebung selbst erfolgte schließlich 1803 durch die „Lokalkommissare“. Doch was war mit den Konventsmitgliedern anzustellen? Hierfür wurden die Ordensleute in drei Klassen eingeteilt, um die Höhe etwaiger Pensionsansprüche zu ermitteln. Die ehemaligen Klostergeistlichen gingen nach der Säkularisation ganz unterschiedliche Wege. Manche wurden Bischof, andere Geschichtsschreiber, wieder andere blieben als Pfarrer in der Seelsorge tätig oder traten in den Staatsdienst. Der vierte und letzte Abwicklungsschritt umfasste die Parzellierung und den Verkauf bzw. die Versteigerung des ehemaligen geistlichen Besitzes.

Die Aufklärer waren weder von den Mönchen und Chorherren zu beeindrucken, die einfach an ihrem angestammten Platz wie Generationen vor ihnen bleiben wollten, noch von geistlichen Denkschriften, wie sie etwa der letzte Abt von Benediktbeuern, Karl Klocker, verfasste. Da Klocker wusste, spirituelle Argumente würden die hierfür eher unempfindlichen Aufklärer kaum bewegen, führte er praktische Gründe für den Erhalt der teilweise tausend Jahre alten klösterlichen Gemeinschaften auf. Er verwies auf die Rolle der geistlichen Institute als Arbeitgeber, ihre Leistungen in der Kranken- und Armenpflege, ihre Bedeutung für Schule und Bildung und anderes mehr. Vergeblich.