ZUM BUCH

 

Glauben ist nicht selbstverständlich. Viele erachten ihn sogar als schwieriges Unterfangen. Fragen drängen sich auf – fast alle untermauert durch die Theodizeeproblematik: Wie reimt sich die Hypothese „Gott“ mit der Realität „Leid“? Christentum fordert jedenfalls zum Nachdenken heraus.

Aus umfassender sachlicher wie historischer Kenntnis stellt der Autor 20 Grundthemen vor und erörtert sie so, dass sie vor den kritischen Nachfragen heutiger Menschen bestehen können. Stichworte sind z.B. Vernunft, Wunder, Welt, Kirche, Religionen, Leiden, Jenseits. Viele informative Übersichten ergänzen den Band.

 

 

 

 

ZUM AUTOR

 

Wolfgang Beinert, Dr. theol., geb. 1933, Professor em. für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Regensburg, ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Grundfragen der Theologie.

WOLFGANG BEINERT

 

 

 

 

 

 

Was Christen glauben

 

 

20 ANWORTEN FÜR KRITISCHE ZEITGENOSSEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

IMPRESSUM

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6020-9 (epub)
© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Neuötting
Satz und Layout: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau
eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

 

Diese Publikationen ist auch als Printprodukt erhältlich:
ISBN 978-3-7917-2573-4

 

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie unter
www.verlag-pustet.de

 

Kontakt und Bestellung: verlag@pustet.de

VERZEICHNIS DER TAFELN

1 Religionsstatistik

2 Der Text 1 Petr 3,15 in verschiedenen Übersetzungen

3 Die altchristlichen Glaubensbekenntnisse

4 Der Glaubenssinn der Gläubigen

5 Auswahl außerbiblischer Jesuszeugnisse

6 Chronologie der ältesten Jesuszeugnisse

7 Die Wunder Jesu im Neuen Testament

8 Ostererscheinungen

9 Die Bedeutung von Ostern für das Christentum (1 Kor 15,1–21)

10 Altchristliche Erklärungsversuche des neutestamentlichen Gottesbildes

11 Hauptbegriffe der altchristlichen Trinitätstheologie

12 Die Geltung lehramtlicher Aussagen

13 Die wichtigsten christlichen Konfessionen

14 Die Unsterblichkeit der Seele nach Kant

15 Verzeichnis der ökumenischen Konzilien nach römischkatholischem Verständnis

16 Papst Franziskus und das Konzil

VORWORT Bei Kirchenführungen sind die Gäste, so sagen oft die Ciceroni (Fremdenführer), gemeinhin weniger daran interessiert, wen die Heiligenfigur links vom Tabernakel darstellt, sondern sie möchten wissen, was ein Tabernakel ist und warum man daneben solche Statuen aufstellt. Diese Beobachtung ist ein Zeichen dafür, dass die materiellen Inhalte der christlichen Kultur, zu der auch der Christenglaube rechnet, von einer wachsenden Menschenschar nicht mehr ge- und dann auch nicht mehr erkannt werden. Die Inhalte erscheinen seltsam merkwürdig, fernab vom belastenden Geschehen des Alltags, eine Zumutung zumal für den informierten, gebildeten Menschen des jugendlichen 21. Jahrhunderts.

Kann man dazu noch Ja sagen, fragen bei Gesprächen die Diskutanten – manchmal verwundert, manchmal erstaunt, fast immer skeptisch. Dieses Buch versucht eine einigermaßen gründliche Antwort zu geben – natürlich nicht zu allen Themen und Thesen, die da ins Gespräch gebracht werden, aber doch zu einigen, zu den wichtigsten, zu denen, um die eigenem Bekunden zufolge die Gedanken der Menschen im Disput heute häufig kreisen. Von vielen Glaubensinhalten, auch in der Systematik hochwichtigen, wird kein Wort oder werden viel zu wenige Worte gesagt. Fragmentarisch ist das Werk nicht nur wegen der begrenzten Zahl der aufgegriffenen Probleme, sondern noch in einer weiteren Hinsicht. Die Antworten sind unvollständig. Das liegt selbstverständlich an den Begrenzungen des Verfassers, aber mehr noch an der wesentlichen Unabgeschlossenheit der allem zugrunde liegenden Glaubensthematik selber: Sie will Gott – aber Gott ist nicht fassbar; sie sucht Begreifen – aber Gott ist in sich unbegreiflich. Das gilt unabhängig von seiner realen Existenz. Bereits im Begriff „Gott“ ist festgemacht, dass er nicht festzumachen, zu definieren ist.

Eben dieser Umstand ist gemeint, wenn man vom Glauben redet. Er nähert sich der Wirklichkeit und ist deswegen eine echte Weise vernünftiger Erkenntnis. Aber er ist nicht wie die mathematische oder physikalische Erkenntnis ein falsifizierbares Faktenwissen. Daraus folgen unverrückbare Normen, die man befolgen muss, so man überleben möchte. Das Schwerkraftgesetz zu missachten, kann unverzüglich tödlich sein. Glauben hingegen ist, wie eingehend noch zu zeigen sein wird (vgl. Kap. 4), ein Spezialfall der Liebe. Liebe aber ist ihrem Wesen nach frei. Glaubensskepsis und Glaubenszweifel sind kein aus dem Ruder geratener Glaube, sondern ein sachbegründeter, im Ansatz schon stimmiger Glaubensversuch. Er bedarf freilich der Klärung. Man kann nur „zum Glauben kommen“ – das ist ein Prozess. Doch unabschließbar ist er nicht. Es geht um die letzte, entscheidende Orientierung des Menschen, zu der man zu stehen hat.

Es ist nicht festgeschrieben, wann und wie das zu geschehen hat. Deswegen sind diese Zeilen geschrieben, deswegen mag man sich mit Nutzen mit den darin niedergelegten Gedanken beschäftigen. Was wäre denn, wenn es so wäre, wie der Glaube nahelegt? Was folgte daraus für Sie, die Leserin und den Leser der folgenden Reflexionen, wenn sie tatsächlich folgenreich erscheinen? Glaube ist Vorgedachtes, das man nach-denken muss im eigenen Bedenken. Aber man kann es unternehmen, Hilfestellungen zum Eigendenken anzubieten. Es ist gewiss nicht leicht, sich darauf einzulassen und man braucht sich nicht zu schämen, wenn man sich nicht auf einen einfach-einfältigen Glauben einlassen zu können meint. Glauben seinerseits ist ein offenes Angebot (wie jede Liebe) und vertraut auf die Offenheit der Adressaten (auch wie jede andere Liebe). Glaube ist ein Wagnis von allen Seiten.

Die nachstehenden Überlegungen sind nicht in der stillen Studierstube, sondern in zahllosen Gesprächen mit jungen wie älteren Menschen, Vertrauten wie Fremden gereift. Allen diesen Leuten bin ich, sind die folgenden Kapitel verpflichtet. Dass das Buch im Verlag Pustet erscheinen kann, ist eine Freude, die ich seinem Lektor Dr. Rudolf Zwank in besonderer Weise verdanke.

 

Pentling, am 12. Januar 2014

Fest der Taufe des Herrn

ERSTER TEIL: GRUNDLAGEN

 

 

Unser Leben ist uns nicht gegeben wie ein Opernlibretto, in dem alles steht. Unser Leben ist Gehen, Wandern, Tun, Suchen, Schauen … Man muss in das Abenteuer der Suche nach der Begegnung mit Gott eintreten und in das Sich-suchen-Lassen von Gott, das Sich-begegnen-Lassen mit Gott. Denn Gott ist voraus, Gott ist der Immer-voraus-Seiende. Gott ist ein wenig wie die Mandelblüte in deinem Sizilien, Antonio, die immer als Erste blüht.

 

Papst Franziskus im Interview mit Antonio Spadaro, August 2013

(A. Spadaro SJ, Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg – Basel – Wien 2013, 61).

1 HINFÜHRUNG Die großen Fernstraßen entlang der niederbayerischen Donau – die Autobahn A 3 von Nürnberg nach Linz oder die Bundesstraße 8 zwischen Regensburg und Passau – führen an Altenmarkt vorbei. Man muss in der Stadt Osterhofen eigens den Strom überqueren, um in den kleinen Ort zu gelangen. Er wird dominiert von einer Kirche, was niemanden in Altbayern Wunders nehmen wird. Der gewöhnliche Reisende wird sich daher wohl kaum bemüßigt fühlen, den Parkplatz gegenüber anzusteuern: Eine Barockkirche wie viele andere erblickt er in diesem Winkel zwischen Inn und Donau, in dem sich Dutzende ihresgleichen, eine prächtiger als die nächste, um seine Aufmerksamkeit bemühen. An sie scheint das schlichte Gotteshaus in Altenmarkt nicht heranzukommen. Man muss dem Reisenden eindringlich versichern, dass der Schein hier wie selten trügt. Er sollte sich unter allen Umständen aufmachen, das hohe Portal der Kirche Sankt Margaretha zu durchschreiten. In unerwartet hohem Maß wird er belohnt werden: Ein Gesamtkunstwerk aus einem Guss bietet sich den Augen dar in glutvoller Schönheit, die ihresgleichen suchen muss. Nur drei Künstler haben hier gearbeitet, jeder ein Genie, alle engstens persönlich miteinander verbunden. Der Architekt war Johann Michael Fischer, befreundet mit dem Stuckateur und Bildhauer Egid Quirin Asam und seinem Bruder Cosmas Damian, der für das malerische Programm zeichnet. Zwischen 1727 und 1740 haben sie einen der grandiosesten Kirchenräume der Zeit geschaffen, in dem jedes bauliche Element, jede Statue, jeder Pinselstrich zusammen kommen und zusammen stimmen, um Gottes Lob zu singen und der Menschen Freude auf den Himmel zu mehren. Die Christenmenschen in dieser Zeit richten in jubelnder Erwartung den Blick auf die Erfüllung aller Geschichte.

KIRCHENANSICHTEN

Das Christentum und die aus ihm hervorgegangenen Kirchen bieten ein ähnliches Bild. Wenn man sie von außen anschaut, erscheinen sie trist, ja trostlos, abstoßend sogar und gar nicht einladend. Sie haben, wenigstens auf der nördlichen Halbkugel des Planeten, in den zurückliegenden Jahrzehnten einen Ansehens- und Einflussverlust hinnehmen müssen, der sich in diesem Ausmaß bislang noch nicht ereignet hat. In Deutschland gaben vor einem Jahrhundert nahezu alle Bewohner an, dass sie Christinnen und Christen seien, heute sind es nur mehr zwei Drittel. Die große Mehrheit des letzten Drittels gehört keiner Religionsgemeinschaft mehr an; zahlreiche Menschen bekennen sich als glaubenslos, als atheistisch1. Dieses letzte Adjektiv hat einen bedeutungsschweren Wandel durchgemacht. Ehedem war es eine despektierlich gemeinte Bezeichnung für solche, die einen anderen Gott als „wir“, die wahren Gottesverehrer, die also einen falschen Gott anbeteten, der also eigentlich gar nicht existierte – für „uns“, Parteigänger des richtigen Gottes. Gottesgläubig waren sie freilich und immerhin, gewiss nicht auf „unsere“, doch auf ihre Weise. Wenige Ausnahmen (eine Handvoll atheistische Philosophen beispielsweise) mochten die Regel bestätigen. Wer jedoch heute sagt, er sei ein Atheist, meint das wörtlich. Das a- ist die radikale Leugnung des Theistischen, nicht mehr nur die eines bestimmten Gottesbildes. Dem Wort und der damit eventuell gemeinten Wirklichkeit Gott (griech. Theos) wird durch dieses a- Existenz wie Sinn geraubt. In der Sprachlehre heißt es treffend Alpha privativum: Es raubt (privare = rauben) dem Wort den Sinn. Gott ist für den heutigen Atheisten eine sinnlose Vorgabe, also keine Wirklichkeit. Von Gott zu reden ist desgleichen sinnlos. Von einer Kirche, die sich irgendwie auf ihn beruft, gilt selbstredend das Nämliche.

Wer die Zeit analysiert, wird sich nicht darüber wundern. Enthusiasmus – was wörtlich heißt: Gottergriffenheit2 – lassen die Kirchen kaum spüren. Stattdessen erwecken sie eher den Eindruck mürrischer Hinterweltlichkeit, lustloser Zeitverdrossenheit, selbstgenügsamer Unbeweglichkeit. Sie kreisen mehr und mehr um sich selbst und nicht um das göttliche Geheimnis, aber auch nicht um die Sorgen der realen Menschen, der Ebenbilder Gottes – jedenfalls empfinden diese das so. Sie gebrauchen eine Sprache, die bis ins Philologische hinein an den Mustern der Vergangenheit, aber nicht am Idiom der lebenden Leute orientiert ist. Sie befassen sich mit diffizilen theologischen Problemen, die außer den Insidern keiner mehr durchschaut – und die auch ab und an nur mühsam. Oft können sie gar nicht verstehen, wo exakt das Problem liegen soll. Neuen Entwicklungen begegnen die Kirchenverantwortlichen gewöhnlich mit stirnrunzelnder Skepsis und nehmen darüber nicht wahr, dass gerade sie der Anlass sind, dass die Menschen froh um ein wegweisendes Wort der Kirchen wären, nicht bloß für einen Aufruf der uralten Schematismen. Das Leben, die Geschichte läuft, und wenn die Kirchen lebendig bleiben wollen, müssen sie sich schleunigst auf den Weg machen. Stattdessen laufen sie Gefahr, um Erfolgserlebnisse zu haben, Religion zum Event zu machen. Eine Zeitung schrieb vor Jahren ein sehr garstiges Wort: Der Papst füllt Stadien und leert Kirchen. Inzwischen nimmt man auch bei den Kirchenleitungen wahr, dass von den spektakulären Massenveranstaltungen so gut wie keine Impulse auf das Gemeindeleben ausgehen.

Dieses wird immer trauriger. Mit den verbliebenen zwei Dritteln Christen in unserem Land ist wenig Staat zu machen. Seit Jahrzehnten sinkt kontinuierlich der Prozentsatz der sonntäglichen Kirchgänger. Wer der alten, noch immer geltenden „Sonntagspflicht“ nachkommt3, gerät in eine Gesellschaft betagter Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wenn Kinder noch in die Kirche gehen, dann meist in einem Alter, da sie an der Hand geführt werden müssen. Einst war es die Hand der Eltern, heute ist es die von Oma und Opa. Die Eltern haben sich abgemeldet. Wenn Jugendliche am Leben ihrer Pfarrei teilnehmen, ist das bemerkenswert. Immerhin: Das gibt es. Noch viel bedenklicher als die fehlende Partizipation ist es allerdings, dass die Verhältnisse zu einem Traditionsabbruch führen, der beispiellos ist. Wer denkt noch daran, dass der Kirchturm auf Gott verweisen will, dass das Gebetläuten seiner Glocken ans Gespräch mit ihm mahnen soll? Immer häufiger verliert der Kirchturm seinen Alleinstellungsanspruch des Verweisens auf den Höchsten. Minarette ragen in vielen Orten in den Himmel. Um die großen christlichen Feste herum kann man als Ergebnis von Meinungsumfragen lesen, dass deren Inhalt nicht mehr gewusst, erst recht nicht mehr gewürdigt und verstanden wird. Karfreitag, sagt ein junger Mann, ist der Hochzeitstag von Jesus und Maria Magdalena. Neunzig Prozent der Christen haben keine Ahnung, warum Pfingsten ein Feiertag ist.

Der sich hier abzeichnende Verlust von Glaubenswissen, von den Inhalten also der christlichen Religion, wiegt schwer und ist verhängnisvoll. Er mutet auch irgendwie kurios an. Noch jetzt muss jeder getaufte Abiturient und jede aus der Kirche nicht ausgetretene Abiturientin an die 1000 Religionsstunden in der Schule absolvieren. Das Ergebnis frustriert in hohem Maß. Wo sich so etwas wie Glauben und Gläubigkeit erhalten, haben sie nicht selten Patchwork-Charakter. Heterogene, aus einer ganzen Palette von Weltanschauungssystemen übernommene Versatzstücke dienen dem latent augenscheinlich doch gegebenen Transzendenzbedürfnis. Beliebt ist zum Beispiel der Reinkarnationsglaube4, obschon er zum einen gewiss nicht christlich getauft werden kann, zum anderen bei uns im Westen nur mehr wenig mit den fernöstlichen Ursprüngen zu tun hat. Ist dort die Wiedergeburt eine Strafe, dient sie hier dem Hang, sich um Endgültigkeitsentscheidungen herumzumogeln.

KIRCHENAUSSICHTEN

Wir stehen immer noch vor dem Portal der Kirche. Alle Phänomene, die wir registrieren, und noch manche andere, deren Beschreibung wir uns ersparen, sind zweifellos vorhanden. Es ist so – und es ist nicht gut so, wie es ist. Dieses Buch vertritt schlicht und einfach die These: Ja, es ist so, doch das ist nicht alles, nicht einmal das Wesentliche. Es gibt eine wunderbare, erfrischende, erfüllende Innenseite. Sie ist die Mitte, die einer Peripherie gewiss nicht entbehren kann. Diese mag hinfällig, unangemessen, stillos sogar sein. Aber die ist da, damit ein Raum gebildet werden kann, in dem Herrlichkeit und Schönheit, Hilfe und Beglückung den erreichen, der die unansehnlichen Tore zu durchschreiten sich nicht entmutigen lässt. Dieses Buch möchte eine Hinführung ins Innere sein. Wohlgemerkt: Es erachtet es nicht als seine Aufgabe, den Kirchenführer selber zu ersetzen. Es gibt keine Auskunft, warum die dritte Statue links vom Tabernakel am Hochaltar Sankt Barbara, das Mädchen mit dem Turm, ist und welche Botschaft sie dem Betrachter bereithält. Wer über die „Gegenstände des Glaubens“, so sagte man früher, unterrichtet werden will, der konsultiere einen Katechismus oder eines der zahlreichen Glaubensbücher. Die folgenden Seiten hingegen wagen den Versuch, einzuführen in die grandiose Struktur christlichen theologischen Denkens. Sie wollen zeigen, dass sich Christentum erst voll und ganz erschließt und, was vorab gesichert sein muss, erschließen lässt, wenn man als vernünftiger Mensch, als Mensch von heute, als Bürgerin oder Bürger einer globalisierten Gesellschaft an die Strukturen des Glaubens herangeht, den die Jesusleute seit der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gelebt, bezeugt, tradiert und immer wieder auch entfaltet und weiterentwickelt haben.

Warum bedeutet das eine solche Mühe? Zwei Gründe sind hauptsächlich dafür verantwortlich. Der erste: Christentum versteht sich als Offenbarungsreligion. Sie ist nicht das Resultat langer Beratungen ehrwürdiger Gremien von weisen alten Leuten, die mit Lebensregeln den Menschen helfen wollen. Das wäre, aller Ehren wert, Philosophie. Christentum behauptet mit Festigkeit: Gott hat gesprochen, wir haben das gehört, wir sind davon in Pflicht genommen und müssen es allen Menschen weitersagen. Denn dann und nur dann können sie glücklich werden. Darin ist eingeschlossen, dass Gottes Botschaft menschlichem Gemächt entzogen ist. Gott würde nicht ernst genommen, sagte man: Sicher, Gott hat dieses gesagt und jenes von uns gewollt, aber das ist inzwischen überholt und muss durch etwas ansprechend Zeitgemäßes ersetzt werden. Deus dixit – Gott hat gesprochen. Das beendet alle Debatten. Die christlichen Kirchen begreifen sich als die Patrone und Tradenten des Wortes Gottes. Damit werden sie automatisch konservativ. Sie werden gleichzeitig ängstlich. Ihre größte Sorge ist der mögliche Verrat an der Überlieferung. Seit den Anfängen der Kirchengeschichte sorgen sich vor allem die Leitungs- und Führungskräfte, die Bischöfe, um die größtmögliche Sicherung des überkommenen Glaubensgutes. In einem der altchristlichen Glaubensbekenntnisse, das bis zur Stunde alle Christen aller Kirchengemeinschaften einmütig bekennen, wird als unveräußerliches Wesensmerkmal der Kirche ihre Apostolizität genannt: Wir glauben die … apostolische Kirche (credimus … ecclesiam apostolicam). Später werden wir konstatieren müssen, dass die faktische Quelle, aus der die Offenbarung Gottes uns zuteilwird, die Lehre der ersten Anhänger Jesu von Nazaret ist, der sogenannten Apostel (griech. apostellein = aussenden). Gemeint ist damit ein uns im Einzelnen nicht immer bis zu den Ursprüngen zurück verfolgbarer Vorgang, durch den verbindlich geklärt wurde, welche Schriften der alten jüdischen und der damals neuen christlichen Literatur als Niederschlag des Offenbarungswortes gelten können und müssen. Dieser als Kanon-Bildung bezeichnete Prozess ist im dritten/vierten Jahrhundert abgeschlossen. Er stellt sich dar als ein Geschehen, hinter dem zuerst die ganze Kirche steht und das dann, nach dem Abschluss, für die ganze folgende Kirche aller Zeiten und Orte verbindlich ist. Die Kirche wird also zu jeder Zeit darauf schauen, dass, ob und wie die apostolische Botschaft, sprich: die Offenbarung Gottes unverkürzt und unverfälscht verkündet, ausgelegt und weitervermittelt wird. Neben anderen Problemen, auf die gleich noch einzugehen ist, entsteht auf diese Weise unvermeidlich der Eindruck einer Verständnisasymmetrie, umso schärfer, je weiter die Geschichtszeit läuft. Dass Gott sich offenbart, hat nach allgemeinem religiösem Verständnis seine Ursache darin, dass die Menschen sich sonst ewiges Unheil auf den Hals ziehen. Sie basteln sich eine Welt- und Lebensanschauung, die so bequem wie verhängnisvoll ist. Zum Beispiel: Auf den Tag hin leben (lateinisch: carpe diem), ob das nun dem Individuum oder der Menschengemeinschaft nützt oder auch nicht. Wir werden immer mehr der fatalen Tatsache inne, dass aus dieser Haltung die ökologische Krise entstanden ist. Es hat lange gebraucht, bis die Leute das kapiert haben, noch länger braucht es, bis sie es auch verinnerlichen. Wenn dazu Zeit bleibt. Jedenfalls wird deutlich, dass es von der Sache, die die Kirchen vertreten müssen, sehr leicht zu Ungleichzeitigkeiten kommt. Die Widerständigkeit der Kirche zum „Zeitgeist“ kann einfach aus der Treue zu ihrer Sendung resultieren. Da steht sie und kann nicht anders, Gott helfe ihr. Freilich: In jedem Falle trifft dieses Muster nicht zu. Kirche ist traditionsgebunden, aber sie ist nicht traditionalistisch.

KIRCHENWEGE

Damit stehen wir beim zweiten Punkt, der das Außenverhältnis der Kirchen und die Zugänglichkeit ihres Inneren für die Leute „draußen“ so schweißtreibend werden lässt. Die christliche Glaubensgemeinschaft existiert seit rund zwei Jahrtausenden. In einem zentralen Gebet, dem sogenannten „Dritten Hochgebet“ der römisch-katholischen Messe, wird sie apostrophiert als auf dem „Weg durch die Zeit“ befindlich. Diese Zeit ist keine Wüstenei, sie ist eine außerordentlich farbige, eine höchst abwechslungsreiche Landschaft. Da beanspruchen recht divergierende Kulturen ihr Wohnrecht, da haben sich bis zum scheinbaren Widerspruch differierende Denkformen herauskristallisiert, da tummeln sich Menschen auseinanderstrebender Ethnien. Kurz: Das durch die Zeiten und Räume wandernde Gottesvolk Kirche trifft auf die ganze Breite und Fülle der Schöpfungswirklichkeit. Es ist aber kein Volk wie alle Völker unter den anderen Völkern, sondern ein Volk aus allen Völkern und für alle Völker. Der theologische Fachausdruck heißt Katholizität, die damit ausgemachte Wirklichkeit gilt desgleichen als Wesensmerkmal der Kirche: Wir glauben, heißt es in dem gerade erwähnten Bekenntnis, die katholische Kirche (credimus … ecclesiam catholicam). Eine Folge davon besteht darin, dass Kirche, wenn sie spricht, wenn sie Gottes Wort weitersagt, sich des gerade vorfindlichen Idioms der Menschen bedienen muss, die sie ansprechen möchte. Jeder, der einmal eine fremde Sprache gelernt hat, weiß, dass es nicht allein darum geht, die anderen Vokabeln zu memorieren, sondern dass die andere Sprache Ausdruck einer anderen, möglicherweise weithin anderen Lebenswirklichkeit ist.

Die apostolische Verpflichtung und die katholische Realität führen die Glaubensweitergabe zu einem konstitutiven Dilemma oder doch wenigstens in eine praktische Aporie. Hält sie zu unbeugsam am Wortlaut der Botschaft fest, macht sie sich nicht mehr in Raum und Zeit verständlich. Kommt sie dem Verstehen der Menschen in den wechselnden Räumen und Zeiten entgegen, droht der Verlust der vollen und echten apostolischen Botschaft. In der Geschichte war das Christentum mehrere Male handgreiflich mit diesem Problem konfrontiert. In den Anfängen erschien es als eine Art Sektion (wir würden heute sagen: Konfession) der mosaischen Religion. Ihr Alleinstellungsmerkmal innerhalb deren Spektrums schien lediglich das Bekenntnis zur Persönlichkeit Jesu von Nazaret als dem verheißenen Messias zu sein. Es war wirklich sehr auf die Kontinuität mit dem religiösen Judentum bedacht, sah sich aber desgleichen veranlasst, das in Christus erschienene Neue, das den traditionellen Judaismus tatsächlich Übersteigende in die Religion zu integrieren.

Stichwort des Problems ist das Gesetz, welches als allezeit verpflichtende Offenbarung Jahwes galt. Ein als wesentlich erkannter Inhalt ist die Beschneidung der Männer: Initiationszeichen, Bundesabzeichen, Erwählungsausweis. Also unter allen Umständen zu bewahren. Aber hat nicht Jesus einen Neuen Bund ins Leben gerufen, dessen Kennmarke die Wassertaufe ist? Ist damit die Beschneidung überholt? Steht also nicht über dem Gesetz das Evangelium? In der Apostelgeschichte, einer Schrift des Neuen Testamentes, vermag man immer noch die Spannung zum Zerreißen nacherleben, in der die Jerusalemer Gemeinde stand5. Ähnliche Situationen ereignen sich spätestens seit dem 2. Jahrhundert durch die Christianisierung des griechisch-römischen Kulturareals mehr als einmal. Noch heute wird debattiert, ob diese „Hellenisierung“, die Amalgamierung der antiken griechischen Kultur mit der jüdisch verwurzelten Botschaft des Evangeliums, Fluch oder Segen fürs Christentum gewesen ist. Als seit dem 7. Jahrhundert durch Islamisierung die Länder am südlichen Mittelmeerrand dem Christentum verloren gingen, fand es einen Ausgleich im Norden in der erfolgreichen Germanenmission. Ihr folgte notwendig eine „Germanisierung“ des religiösen Denkens, die ganz analog zur Hellenisierung verlief. Auch über deren Positiva und Negativa diskutieren die Gelehrten noch bis zur Stunde. Ein wichtiges Stichwort ist die sogenannte Satisfaktionstheorie. Es geht um die Erlösung durch Jesus Christus. Warum musste sie sein und worin besteht sie? Bischof Anselm von Canterbury beantwortet diese Fragen im 11. Jahrhundert verständlich durch den Rückgriff auf die germanischen Rechtsvorstellungen: Eine Beleidigung fordert eine angemessene Sühne. Die Sünde als unendliche Beleidigung Gottes verlangt dementsprechend eine unendliche Genugtuung (satisfactio). Ein bloßer Mensch vermag sie nicht zu erbringen. Nur der Gott-Mensch, Jesus also, ist dazu in der Lage. Eine theologische Tatsache wird, sehen wir, nicht mehr wie in der Antike durch philosophische Vorstellungen erläutert, sondern durch gängige juristische Kategorien. Die Religion wird verrechtlicht.

Eine weitere Schaltstation auf dem Weg der Kirche durch die Zeit war der Beginn der Neuzeit. Das Signal der Ankunft ist die Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie verstand sich selber nur als innerkirchliche Erneuerungsbewegung. Tatsächlich aber wurde sie von den „Altgläubigen“ verstanden als Angriff von „Neugläubigen“ auf den alten Kirchenglauben, nicht mehr als christlich zunächst neutrale Herausforderung. Der biblisch mit dunklen Worten verheißene Antichrist war offenkundig in ihnen lebendig geworden6. Die bisherige Kirchengemeinschaft sah sich in dieser Krise nicht mehr wie bei den beiden anderen Herausforderungen ihrer Geschichte zur Aktion, sondern nur mehr zur Reaktion aufgerufen. Sie tat sich schwer, im wirren Kampf der Geister des Jahrhunderts den rechten Geist auszumachen, d. h. bei aller Traditionstreue auch zu sehen, dass viele der Einsichten und Forderungen von Männern wie Luther oder Calvin treffend, offenbarungsgemäß und zeitnotwendig in einem waren. Als nach vielen Schwierigkeiten endlich um die Jahrhundertmitte das Konzil von Trient zusammentreten konnte7, sah es seine zentrale Aufgabe eher darin, das alte (= spätmittelalterliche) Glaubensgut zu schützen als neue Verständniswege in die Zukunft zu öffnen. Reformansätze, vor allem in der Kirchenzucht, sind deutlich zu registrieren. Die Rezeptionsgeschichte der Dekrete und disziplinarischen Maßnahmen lief allerdings dahin, dass Trient weniger als Schutzmaßnahme für die überkommene Kirchendoktrin denn als Gesamtdarstellung des katholischen Glaubens verstanden wurde: Was dort nicht oder was darüber hinaus gesagt wurde, galt als nicht katholisch. Insgesamt nahmen im Gefolge der reformatorischen Auseinandersetzungen vor allem die römische Kirche, aber auch in der einen oder anderen Schattierung alle anderen Kirchen eine konservativ-restaurativ-integralistische Grundhaltung gegenüber der Moderne ein. Sie lehnten erst einmal alles Neue ab – waren das nun die Entdeckungen und die Erfindungen von Natur- und Humanwissenschaften sowie der Technik oder neue philosophische Versuche der Zeitorientierung oder auch bloß technische Innovationen (wie die Eisenbahn oder die Gaslaternen8). Was die römisch-katholische Kirche betrifft: Es dauerte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, ehe sie zögerlich-zaghaft sich aus dieser Winterstarre zu lösen anfing. Nicht sehr zahlreiche, aber sehr einflussstarke Kreise opponierten weiterhin und bescherten Rezeptionsprobleme, die auch ein Halbjahrhundert später noch dauern.

VERMITTLUNGSSTÖRUNGEN

Der Sinn der langen Rede: Für viele Menschen unserer Tage ist der Weg zu einem angemessenen und hinreichenden Verstehen der christlichen Botschaft nicht nur von ihrer eigenen Sozialisation her, sondern auch durch deren kirchlicher Vermittlung nachhaltig gestört. Die geistige Situation der Moderne ist verursacht durch eine tief greifende Säkularisierung. Darunter verstehen wir eine durch Humanismus und Aufklärung ausgelöste Lebenseinstellung, die ihre Orientierungen und Grundlagen auf der Basis der menschlichen Vernunft gewinnt. Negativ heißt das: nicht mehr in erster Linie durch die Vorgaben der Religion. Der Erfolg der Haltungsänderung beruht darauf, dass sich zahlreiche dieser Vorgaben als unzureichend, ja als unzutreffend oder falsch herausgestellt haben. Es stimmt nicht, dass Gott, seine Engel oder der Satan für das Wetter über unserem Ort verantwortlich sind, die ihrerseits durch die Moralität der Einwohner gesteuert werden. Ob es regnet oder die Sonne brennt, hängt von großräumigen klimatischen Verhältnissen ab, die durch Naturgesetze veranlasst sind und sich daher mehr oder minder exakt voraussagen lassen. Um gut Wetter zu beten, Wettersegen apotropäisch zu sprechen oder durch Fasten den Hagel zu hemmen, ist also, weil widervernünftig, sinnlos. Eine andere Frage ist es allerdings, ob säkularistisch denken tatsächlich alle Probleme löst, also ob säkulares Denken eine universale Welt-Anschauung sein kann. Das träfe nur dann zu, wenn wirklich alles Gegebene von den Gesetzen bestimmt würde, die die Natur leiten. Das aber ist nicht von vornherein ausgemacht, auch nicht wirklich auszumachen.

Zu den genannten Schwierigkeiten mit der Kirche kommt eine weitere, welche besonders in den letzten Jahren bedrückend geworden ist. Unter den Wesensmerkmalen der Glaubensgemeinschaft führt das schon mehrfach erwähnte Bekenntnis eben dieser Gemeinschaft deren wesentliche Heiligkeit an: Wir glauben die heilige Kirche (credimus … sanctam ecclesiam). Damit ist ursprünglich und in erster Linie die Beziehung zu Gott gemeint. Heiligkeit ist nach Ausweis der Bibel eigentlich die herausragende, ihn von allen anderen Wesen abhebende Qualität Gottes9, die deswegen ihm allein zu eigen ist – konsequenterweise dann freilich desgleichen allem, was zu ihm gehört. In diesem abgeleiteten Sinn kann sie von Geschöpfen ausgesagt werden. Erst später verband sich mit dem Begriff das ethische Moment, das heutzutage verständnisleitend geworden ist: Heilig ist, wer moralisch vollkommen lebt und handelt, wer, etwas banal gesagt, grundanständig ist. Ein großer Teil der kirchlichen Verkündigung bemüht sich, den Adressaten zu dieser hohen Sittlichkeit zu bewegen – durch allerlei Mahnungen, Vorschriften, Ermutigungen. Schon die alten Stoiker wussten: Exempla trahunt – Beispiele bewegen. Wir geben ihnen recht und erwarten vom Moral-Apostel, dass er vorlebt, was er fordert. Die Beispiele sind Legion, dass sich die Vertreter der Kirchen erschreckend oft und erschreckend massiv seit eh und seit je gegen diese Selbstverständlichkeit verfehlen. Die um 2010 in großer Zahl aufgedeckten Missbrauchsfälle durch Vertreter der Kirche und in Einrichtungen der Kirche haben zu einem nie vorher gekannten Vertrauensverlust geführt. Er erschwert es zusätzlich, dem Wort der Kirchen Gehör zu leihen. Daran ändert das Faktum wenig, dass gleichzeitig bekannt wurde, dass auch außerhalb der Kirchenräume Kinder und Jugendliche geschändet wurden.

Zu glauben, was die Kirchen sagen, zu verstehen, was sie meinen, herauszufinden, was sie zu unserem Glück wollen, ist also schwer geworden, erheblich schwerer, so ist der Eindruck, als es immer gewesen ist. Da das Christentum in der Gestalt der Kirchen aber den Anspruch anmeldet, den Menschen Lebenserschließung, Lebenssinn, Lebensvollendung zu geben, wäre es mindestens voreilig, sich diesem seinem Anspruch von vornherein zu verschließen. Der Skeptiker sagt nicht vorschnell Ja, aber er verneint auch nicht überstürzt. Gesetzt den Fall, es ist im Kern wahr und richtig, wie die Christen die Welt betrachten – was dann? Wenn der Skeptiker so fragt, steht er immer auf der sicheren Seite. Ist es nicht wahr, was die Christen sagen, hat er außer Zeit nicht viel verloren, weil er sich anderen Alternativen zuwenden kann, weil er ohnehin sein Leben anders aufgestellt hatte. Und wenn es doch wahr ist? Dann hätte dieses sein Leben eine ungeahnte Tiefe, ungeahnte Seligkeit erfahren. Der Einsatz winkt mit Lohn. Wie aber kann man herausbekommen, was der Fall ist? Schon ganz am Anfang zeichnet sich ab, dass dazu eine Entscheidung erforderlich ist. Im Aufruf zum Glauben, in der Bitte der Hinkehr zu Gott steht stets das Ganze des Daseins auf dem Spiel. Dieses aber ist nicht einfach zuhanden, sondern muss gestaltet und gewonnen werden. Es ist letztlich ein Geschenk, das man annehmen muss, soll es zu Leben gestaltendes Eigentum werden. Lebenssinn setzt Willen zum Lebenssinn voraus. Entscheidungen aber sind Erweis innerster Individualität. Niemand kann sie abnehmen, niemand in Stellvertretung fällen. Ich muss mich zum Sinn kehren – ein reflexiver Akt. Wenn die Gedanken und Erörterungen der folgenden Seiten sich an Menschen wenden, die den christlichen Glauben wenigstens für fragwürdig halten, können sie das nur dergestalt, dass sie Wege weisen, informales Denken anregen, Aufruf zur Aktuierung der eigenen Freiheit sind. Sie wollen erreichen, dass einer nachdenkt – ganz buchstäblich gemeint: im Nachgang zum Vorgedachten der christlichen Botschaft die Anstrengung des nüchternen und unvoreingenommenen Denkens auf sich zu nehmen. Das kann ein schmerzhafter Vorgang sein, eine Last, die man sich auf die Schultern lädt.

TAFEL 1: RELIGIONSSTATISTIK

I. Anteil der Religionen in der Welt (2009)

 

Christen 32,56
davon Katholiken 17,94 %
Protestanten11,06 %
Orthodoxe 3,56 %
Muslime21,61
davon Sunniten22,62 %
Schiiten 3,83 %
Juden 0,33
Hindus18,30
Buddhisten 8,94
Indigene Religionen 2,56
Sikhs 0,36
Andere Religionen 0,89
Atheisten, Religionslose18,31

 

II. Religionszugehörigkeit Deutschland (2010)

 

Katholiken30,15
Protestanten29,23
Muslime 4,89
Orthodoxe 1,55
Freikirchler 0,40
Buddhisten 0,30
Juden 0,24
Hindus 0,12
andere christliche Kirchen 0,0,4
Konfessionslose33,06

 

III. Religiöser Glaube und Zugehörigkeit zu einer Religion

 

Die Zugehörigkeit zu einer institutionalisierten Religion und der persönliche Glaube können stark differieren. Zwar gehören 85 % der EU-Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft an, doch nur 52 % glauben an einen persönlichen Gott; weitere 27 % halten an einer spirituellen Kraft fest. 27 % glauben weder an den einen noch an die andere. Keine Angaben: 3 %.

Auch als Wertesystem genießen die Religionen keine Bedeutsamkeit. In einer Eurobarometer-Umfrage sollten die Befragten drei von zwölf Werten angeben, die für sie besonders wichtig sind. Nur 6% entschieden sich 2010 für Religion.

Je jünger die Befragten sind, umso geringer ist der Anteil der Gottgläubigen:

 

Altersgruppean einen Gott glauben
55+63
40–5449
25–3946
15–2444 %

 

Quelle: E. Pulsfort, Herders Neuer Atlas der Religionen, Freiburg – Basel – Wien 2010, 12–21 (I) – EKD, Statistik über die Äußerungen des kirchlichen Lebens in den Gliedkirchen der EKD im Jahr 2010 (II) – Bundeszentrale f. politische Bildung: www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten (III).

 

Eine Einstiegshilfe soll geboten sein – wie man die Stufen vom Draußen ins Innere des Glaubens bewältigt. Dieses Innere vorzuführen ist nicht die Absicht des Buches. Das muss wiederholt werden. Man kann mühelos den Vorwurf erheben, dass nicht alles, nicht dieses oder jenes doch Essentielle, nicht alles in letzter Detailliertheit und materialen Vollständigkeit vorgetragen wird, was eigentlich eine angemessene Glaubensverkündigung verlange. Ein solcher Vorwurf ist prinzipiell gerechtfertigt, wenn man eine integrale Glaubenskunde erwartet. Aber diese ist nicht des Werkes Intention. Es vertraut gleichwohl darauf, dass es auch heute noch erstrebenwert ist, andere Leute wenigstens auf den Parkplatz von Altenmarkt und von dort nach St. Margaretha geführt zu haben. Dem aufgeschlossenen Menschen wird ein unvergessliches, ein bleibendes Erlebnis zuteil.

2 WIRKLICHKEIT „Meinen Sie das wirklich?“ Diese Frage stellt einen fundamentalen Bezug her zwischen der vom Angefragten („Sie“) vertretenen These („das“) und der Wirklichkeit. Der Fragende unterstellt dem Dialogpartner die Ansicht, was er sage, das sei tatsächlich so – und lässt gleichzeitig anklingen, dass er selber dieses Urteil nicht zu teilen vermöge, jedenfalls im Augenblick nicht, da er das Wort ergreift. Er bezweifelt aus welchem Grund auch immer, „das“ sei so, wie es vom Gesprächspartner behauptet wird. Ein Dissens ist entstanden oder jedenfalls ist der Konsens suspendiert. Der Dialog soll dennoch weitergehen, sonst würde das Bedenken nicht in Frageform geäußert – wobei wir hier unsererseits annehmen, dass die Frage nicht bloß rhetorisch ist oder eine Verkleidung der Überzeugung, „das“ sei Un-Sinn. Gesucht wird mithin Übereinstimmung – die verschiedene Grade haben kann. Sie kann sich nur beziehen auf die zur Debatte stehenden Tatsachen. Zwischen ihnen und der Aussage (möglichst beider Gesprächsteilnehmer) soll Übereinstimmung herrschen. Die Angleichung der Aussage und der Wirklichkeit aber nennt man Wahrheit. Sie ist, so die mittelalterliche Terminologie, adaequatio intellectus et rei. Ist dieser Gleichklang bei den Disputanten nicht da, differieren sie entweder in der Wahrnehmung der Wirklichkeit (res) oder in der Kapazität ihres jeweiligen Verständnisses (intellectus). Damit aber erheben sich die Fragen:

WAS IST WIRKLICHKEIT?

Die erste Frage soll hier besprochen werden, die zweite ist dem Folgekapitel vorbehalten. Was also ist Wirklichkeit? Das deutsche Substantiv kommt von wirken und bedeutet ursprünglich Tätigkeit, Einfluss, Aktivität10. Im 16. Jahrhundert nimmt es die Bedeutung an von tatsächliche Existenz, Realität. Dieses letzte Wort seinerseits hat die Wurzeln im Lateinischen: Realitas ist die Beschaffenheit, die wahrhaftige Tatsache. Abgeleitet ist die Vokabel von res = Sache. Im Begriff Wirklichkeit steckt also Potenz, Vermögen, Mächtigkeit und Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Existenz. Was wirklich ist, übt auf uns Einfluss aus, hat Schaffenskraft und ruft Wirkungen hervor. Dazu ist es fähig und geeignet, weil es existiert. Die Existenzaussage kann sich beziehen auf einzelne Seiende (diesen Tisch, das heutige Wetter) und auch auf das Sein als solches. Das Gegenteil von Wirklichkeit, die Unwirklichkeit, Irrealität, ist also entweder das Nichtseiende oder das Nichts schlechthin. Die Wirklichkeit ist, kurz gesagt, alles, was existiert. Und weil sie das allem Augenschein nach verlässlich tut, bildet sie den Rahmen unserer Existenz wie auch die Bedingung aller Tätigkeiten unseres Lebens. So wie die Dinge liegen, wäre es beispielshalber irreal, höchst gefährlich, ja lebensbedrohend, giftige Stoffe zu sich zu nehmen oder ungesichert von einer hohen Brücke zu springen. Die Dinge sind eben so, dass ein Mensch nur existieren kann, wenn er den biologisch-medizinischen Regeln und den Naturgesetzen gehorcht, die lebenserhaltend sind – also wenn er gesund lebt, und wenn er die physikalischen Bedingungen wahrt, die ihn einen Sprung unversehrt überstehen lassen.

Was vorhin schon anklang, tritt jetzt deutlich in unser Gesichtsfeld: Wirklichkeit hat etwas zu tun mit Verlässlichkeit und Wahrheit. Wenn man also sicher sein und sicher gehen will, muss man sorgsam erkunden, was wirklich wirklich ist. Täuschen wir uns über die Wirklichkeit, ist das sehr gefährlich; das Leben kann daran hängen. Man benötigt daher ein Instrument der Überprüfung, eine Nachweismöglichkeit, dass jemand sein Vertrauen darauf setzen kann, etwas (oder alles sogar) sei real, bzw. möglicherweise damit rechnen muss: Etwas real Scheinendes ist es nicht. Am nächstliegenden dünkt es uns zu sein, sich auf das zu verlassen, was die Sinne uns an Erkenntnismaterial liefern und was wir dann mittels des Verstandes objektivieren, interpretieren und verifizieren können. Dann kann man etwa feststellen: „Was hier vor mir liegt, ist ein Karton, der 98 cm lang, 50 cm breit und 15 cm hoch ist; er ist gefertigt aus Pappe und von mittelbrauner Farbe“. Dieser konkrete singuläre Gegenstand wird der Sachgruppe Karton zugeordnet – womit eine ganze Menge Aussagen vorausgesetzt sind (z. B. dreidimensional, von bestimmter Stabilität, Gebrauchsgegenstand, Verpackungsmaterial usw.) – und spezifiziert durch Angaben über Größe, Material und Farbe, die auf einen bestimmten, nicht auf jeden Karton zutreffen. Jedermann kann sich von der Richtigkeit der Angaben überzeugen, indem er sich erst einmal aufgrund seiner Erfahrung und Kenntnis der Feststellung anschließen kann, dieses hier sei ein Karton, und indem er dann mittels Maßband, Materialprüfung und einer Farbskala nachprüft, dass die Spezifikationen der Fall sind. Dann kann er bestätigen: Ja, das hier ist ein Karton, der die angegebenen Eigenschaften besitzt. Natürlich nicht immer unter Anwendung so pedantischer Akribie, aber im Prinzip leben wir nach diesem Muster und vergewissern uns so, dass es so ist, wie es ist, dass wir also in der Wirklichkeit leben. Wirklichkeit ist in diesem allgemeinen und ersten Verständnis die empirische Realität von Raum und Zeit, sofern sie vom Verstand mit einem objektiven Urteil erfasst und bestätigt wird.

Doch damit haben wir noch nicht den Gesamtbereich des Wirklichen ausgemessen. Ganz augenscheinlich gibt es Wirklichkeit(en), auf welche diese Definition nicht passt, die aber unbestrittene Wirklichkeit(en) ist (sind). Der Redner in einem Saal sieht sicher seine Hörerinnen und Hörer und kann eine ganze Menge von treffenden Aussagen über sie machen, er weiß aber überhaupt nicht, was sie denken, was sie von seinen Ausführungen halten, ob ihre Gedanken gar ganz woanders sind. Allenfalls merkt er es am Schluss am Applaus oder dem Scharren des Auditoriums. Mit dem Sehen hört die Empirie auf – alles andere ist mit keinem materiellen Instrument direkt und ganzinhaltlich zu registrieren. Doch es ist wirklich! Mehr noch: Ein Zuhörer könnte mit seinen Gedanken beim letzten Urlaub weilen und sieht vor seinem geistigen Auge den herrlichen Strand mit Palmen am blauem Meer, in welchem er gebadet hat. Eine Zuhörerin beschäftigt sich damit, was sie heute noch einkaufen muss und geht vielleicht in Gedanken die Regalreihen des Supermarktes ab, wo die nötigen Waren liegen. In diesen Fällen handelt es sich um Dinge, welche als Vergangene nicht mehr (Urlaub) oder als zukünftige noch nicht (Einkauf) empirisch überprüft werden können – doch auch sie sind wirklich. Eine wichtige Erfahrung „unwirklicher“ Wirklichkeit, die wohl alle Menschen in größerer oder geringerer Intensität erleben, ist die Liebe. Im Hörsaal sitzt ein junges Mädchen, das immer wieder abgelenkt wird: Gern wollte es hören, was der Referent Spannendes verbreitet, aber dann steht ihm sein Freund vor Augen; die junge Frau kann nicht anders und nichts anderes als an ihn zu denken, an die Freude der letzten Begegnung und die Verheißung der heutigen … Nichts Wirklicheres gibt es für sie – aber überprüfbar ist gar nichts im Moment des Vortrags. Je genauer wir uns mit der Wirklichkeit beschäftigen, umso dringender verschafft sich die Frage Geltung: Was alles ist wirklich Wirklichkeit?

Nach den eben angestellten Betrachtungen steht fest: Wirklichkeit ist mehr als das nur empirisch Wahrnehmbare. Die Feststellung wird noch plastischer, wenn wir an die dynamische Komponente denken: Wirklichkeit ist Wirkendes. So verstanden ist Wirklichkeit alles das, was auf den konkreten Menschen ändernden, aktiven, lebendigen Einfluss ausübt, weshalb wir dann, mit anderen Worten, sagen können, dass er ein realistischer Mensch ist. Das aber ist weitaus mehr als das den Sinnen direkt oder indirekt Vorhandene und Zugängliche. Dieses Mehr ist aber beileibe nicht nur die (erinnerte) Vergangenheit und die (projektierte) Zukunft. Das sind z. B. auch geistige Beziehungen (Vorbildpersönlichkeiten), für die eigene Existenz übernommene Wertvorstellungen (das Gute tun, das Böse lassen), kulturelle Prägungen (Musik, Kunst), individuelle Vorlieben (Hobby). Was nicht vergessen werden darf: Wir haben überdies Erfahrungen der Unbedingtheit, des Ursprungs, der Existenzerschließung, der angenommenen Geborgenheit, der fraglosen Sinnhaftigkeit in offenkundiger Sinnlosigkeit, der Unverbrüchlichkeit, der Verlässlichkeit … Sie kommen darin überein, dass der sie Erfahrende sie wahrnimmt als etwas die Empirie vollständig Übersteigendes, als metaempirische Transzendenz, und als etwas Absolutes, als unbegründet Allbegründendes. Man muss solche Erfahrungen nicht immer haben. Man braucht sie auch bis zu diesem Moment noch nicht gehabt zu haben. Vielleicht macht man sie erst in einer Lebensstunde, die noch nicht gekommen ist. In der griechischen Philosophie sprach man von tà metà tà physiká, von den Dingen, die hinter den empirischen Dingen sind – woraus im Deutschen die Metaphysik geworden ist. Das metá bezog sich auf das Übersteigende. Man kann es aber auch einmal so deuten: Das Metaphysische ist das, was dergestalt hinter der Empirie steckt, dass es diese oft verbirgt, versteckt, unsichtbar werden lässt – manchmal meint man, es sei nur eine Chimäre, also letztendlich bar der Wirklichkeit, unwirklich. Doch das scheint nur so. Vielleicht werden die Dinge dahinter auch bloß wieder und wieder überschattet von Zweifeln wie die sonnenbeschienene Landschaft von Wolken. Selbst der total mit Wolken verhangene Himmel aber kann die Sonne nicht vernichten, also sie von der Realität zum Nichts werden lassen. Sie ist lediglich nicht mehr sichtbar. Das haben wir erfahren! Ähnlich verhält es sich mit der Transzendenz, mit dem Meta-Physischen. Leicht kann sein, dass es dieser oder jener Mensch, ganze Menschengruppen bis zur Stunde nicht wahrgenommen haben. Doch weil sie nicht alleine auf der Welt sind, müssen sie zur Kenntnis nehmen: Eine zahllose Schar von Menschen aus allen Epochen und Zonen bezeugt: Es gibt das Transzendente, die Transzendenz. Sie sind Wirklichkeit. Sie erst sind, bezeugen sie mit Nachdruck, ganz wirkliche Wirklichkeit. Dieses Zeugnis ist auch von denen ernst zu nehmen, die es selber hier und jetzt nicht ebenfalls ablegen können, sofern sie nicht gravierende Gründe haben, den Bezeugenden Vertrauenswürdigkeit in einer so bedeutungsvollen Aussage abzusprechen.

WIE WIRKLICH IST DIE WIRKLICHKEIT?

Dennoch können wir uns mit diesen Einsichten noch nicht zufrieden geben. Es gehört nicht zu den einmaligen, sondern leider zu den wieder und wieder und mit manchmal schlimmen Folgen gemachten Einsichten, dass wir uns hinsichtlich der Wirklichkeit täuschen. Wir hatten darauf gewettet, dass es so und nicht anders sei, und sind schrecklich hereingefallen. So setzt die Frage, was Wirklichkeit sei, die bestürzende andere Frage frei: Wie wirklich ist wohl die Wirklichkeit?11 Sie stellt sich bereit im empirischen Bereich, der angeblich doch so transparent erscheint. Jeder kennt optische Täuschungen. Ruft man in der Suchmaschine des Computers diesen Begriff auf, spuckt sie rund 815 000 Eintragungen aus. Sie sind also ein häufig auftretendes Phänomen. Viele kennen beispielshalber Vexierbilder; besonders bekannt sind die Zeichnungen, die je nach Betrachtungswinkel eine Ente oder einen Hasen, ein junges Mädchen oder eine alte Vettel erscheinen lassen. Eindrucksvoll ist die sogenannte Münsterberg-Täuschung: Diagonale Linien erscheinen deutlich gekrümmt, sind aber de facto parallel und gerade. Fast alle Aspekte des Sehens sind solchen Täuschungen ausgesetzt: Farbe, Bewegung, Tiefe.

Offenbar gibt es auch verschiedene An-Sichten von gleichen Gegenständen, die durch diese selber nicht notwendig hervorgerufen werden. Versuche zeigen: Präsentiert man einer beliebig zusammengesetzten Personengruppe eine türkisfarbene Kugel und bittet sie, sich spontan zu entscheiden, ob sie eher grün oder eher blau ist, bekommt man regelmäßig eine Entscheidungsrate von ziemlich genau 50 % für eine der beiden Alternativen. Wir wissen auch, dass die gleiche Farbe unterschiedliche Reaktionen der Zustimmung hervorruft. Manche Probanden empfinden sie als schön12