Buchinfo

 

Gott ist allmächtig und Gott ist die Liebe. Wie lässt sich angesichts des Bösen und des Leidens in der Welt beides vereinbaren? Überhaupt nicht, meint der Wiesbadener Pfarrer Thomas Hartmann und nimmt deshalb Abschied vom Gedanken an Gottes unbegrenzte Allmacht, um an seiner bedingungslosen Liebe glaubwürdig festhalten zu können.

Bisherige Versuche, das sogenannte Theodizeeproblem zu lösen, erweist der Autor als unzureichend. Für ihn sind die materiellen und körperlichen Bedingungen unserer Existenz in dieser Welt die Ursache allen Übels. Religionsphilosophische und neurophysiologische Erkenntnisse einbeziehend, findet er schließlich in Berichten von Nahtoderlebnissen einen Ansatz, der auf der konkreten Erfahrung von Menschen beruht und zeigt: Gott rettet uns zwar nicht in dieser Welt, aber aus dieser Welt heraus. So ergibt sich ein stimmiges Hoffnungsbild: Das Böse und das Leid werden nicht das letzte Wort haben.

 

 

 

Autor

 

Thomas Hartmann, geboren 1959, ist Pfarrer in Wiesbaden und Buchautor.

THOMAS HARTMANN

 

 

GOTT

im Himmel,

 

das

BÖSE

auf Erden?

 

 

Warum es Krankheit,
Leid und Katastrophen gibt

 

 

 

 

 

 

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6009-4 (epub)

© 2013 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Neuötting

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2535-2

 

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf www.verlag-pustet.de

 

Kontakt und Bestellung: verlag@pustet.de

„Der Optimist behauptet, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben; und der Pessimist fürchtet, dass dies wahr ist.“

(James Branch Cabell)

 

 

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel, und warum nimmt er sie
nicht hinweg?“

(Von Laktanz dem griechischen Philosophen Epikur,
341–271 v.Chr., zugeschrieben)

VORWORT

Die vorstehende Zusammenfassung des altgriechischen Denkers Epikur (ca. 341–270 v. Chr.) bringt das Problem dieses Buches brillant auf den Punkt. Ganz besonders gilt dies für die vierte These am Ende, dass Gott die Übel zwar verhindern will und kann – aber warum tut er es dann nicht?

Es beschäftigt mich, so wie viele andere Menschen auch, schon lange: Wie kann Gott, wenn er wirklich gut ist und alles vermag, so viel Leid in seiner Welt zulassen? Woher kommt das Böse, dessen Folgen wir überall sehen und spüren?

Es ist wohl überflüssig, daran zu erinnern, wie viel Elend, Krieg, Katastrophen, Krankheit und Tod es in der Welt gibt. Wir wissen es, sehen und hören immer wieder davon.

Wie viele Menschen fragen sich, ob es sich überhaupt lohnt zu leben: wenn Kinder sterben und Frauen vergewaltigt werden. Wenn Soldaten im Kugelhagel oder Schlimmerem umkommen. Wenn Krebs weder vor Alter noch Geschlecht Halt macht und das Leben traumatische und sinnlose Züge annimmt.

Hat das alles einen Sinn?

Dieser Frage stellte ich mich bereits in meinem Buch Der Sinn im Leiden (2010). Darin habe ich vor allem auf den persönlichen Sinn verwiesen, den man nur ganz individuell und für sich selbst im Leiden finden kann. Wofür es durchaus eindrucksvolle Beispiele gibt, Menschen, die ich „Mutmacher“ genannt habe. Und ich habe aufgezeigt, wie vor allem Gebet und Meditation oft jenseits aller Worte dabei helfen, einen ganz tiefen Sinn im Leiden zu finden, der häufig genug nur für einen selbst einsichtig ist und trägt. Aber immerhin.

Gezielt und ausdrücklich habe ich in dem Buch jedoch die Frage ausgeklammert, welche Verantwortung denn Gott persönlich, als überlegene Gottheit, für all das Leid und Elend in der Welt trägt.

Immerhin gilt er doch Christen als der allmächtige Schöpfer, der alles geschaffen hat. Das Gute zweifellos. Aber auch das Böse, aus dem Leid und das Üble für die Menschen resultieren? In Theologie und Philosophie bezeichnet man das Problem, wie Gott sich – oder besser wohl: wir ihn – angesichts von Leid und Bösem in seiner Schöpfung eigentlich rechtfertigen können, mit einem Fachwort als Theodizee: Rechtsprechung oder Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt. Man kann sagen, dies sei vielleicht das schwerwiegendste theologische Problem, das es zu lösen gilt. Und für das bislang wohl niemand eine ganz überzeugende Lösung gefunden hat.

Georg Büchner bezeichnete die quälende Frage, warum leide ich, als den „Fels des Atheismus“. Weil sich dieses Problem kaum zufriedenstellend lösen lässt, verzweifeln viele Menschen am Glauben an Gott und kehren sich von ihm ab, werden Atheisten oder Agnostiker, welche die Frage nach der Existenz Gott als unbestimmbar offen halten. Ich hoffe, auf den folgenden Seiten diesen gewichtigen Felsen zumindest ein gutes Stück zur Seite schieben zu können, um den Blick auf Gott freier zu machen und zu erkennen, dass keinesfalls Gott es ist, der uns Leiden zumutet oder Übel wie Krankheit, Krieg und Katastrophen untätig „zulässt“, obwohl er es eigentlich hätte verhindern können …

Und dass wir tatsächlich Grund haben, diesem Gott weiterhin zu vertrauen, weil er es ist, der uns aus allem Elend und Tod erlösen kann. Wenn auch unter anderen Voraussetzungen, als es uns der traditionelle Glauben oft vermitteln will.

EINSTIMMUNG
Wie sich das Böse erklären lässt

Kurz vor Mitternacht. Ein Kino in den USA. Gespannt wartet das Publikum, darunter auch viele Kinder, auf die Premiere des neuen Batman-Films The Dark Knight Rises. Eine junge Frau twittert noch, dass der Film bereits 20 Minuten Verspätung habe. Dann geht es los. Etwa eine Viertelstunde später kommt ein schwarz gekleideter junger Mann mit Gasmaske, Helm und schusssicherer Weste in den Saal, wodurch er perfiderweise dem Bösewicht im Batman-Film ähnelt. Später stellt sich heraus, dass er seine Haare zudem rot gefärbt hatte, so wie ein anderer mörderischer Schurke des Batman-Universums – der Joker. Der Mann zündet Tränengas und fängt an zu schießen, erst in die Decke, dann auf die Menschen. Wahllos. Diese halten es zunächst noch für einen Teil der Inszenierung. Doch nun merken sie, dass es tödlicher Ernst ist. Der 24-jährige Student der Neurowissenschaften ermordet zwölf Menschen, darunter auch einen sechsjährigen Jungen und die Frau, die kurz vorher noch ihre Kurznachricht nach draußen gesandt hatte. Dazu kommen dutzende Schwerverletzte. Später wird der Massenmörder festgenommen. Wohin auch immer die Ermittlungen führen und welche vorgeblichen Motive sich für diese Schreckenstat finden: Ist dies die Welt, die Gott erschaffen hat?

Dieselbe Welt, in der ein Jahr vorher in Norwegen ein anderer Amokläufer 77 Menschen getötet hatte, aus wirren politischen Motiven heraus? Würde Gott eine solche Welt zulassen, wenn er genügend Einfluss darauf hätte?

Diese Frage stellt sich ebenso angesichts des Amoklaufs an der Grundschule von Newtown, der am 14. Dezember 2012, kurz vor dem Weihnachtsfest, in den USA 26 Menschenleben forderte, darunter allein 20 Kinder. Oder beim Terroranschlag auf den Boston-Marathon im April 2013 mit „nur“ drei Toten, aber zahlreichen Schwerverletzten.

In denselben Nachrichten, in denen man von solchen Massakern hört, flimmern Bilder von Bürgerkriegen, hungernden und sterbenden Kindern über den Monitor, oder von Wirtschaftskrisen, in denen Menschen zwar nicht sterben, aber doch oft genug Arbeit, Besitz und Würde verlieren.

Solche Fragen nach der Rolle Gottes im Weltgeschehen sind für viele Menschen weder abstrakt noch theoretisch. Sie betreffen vielmehr den Kern ihres Glaubens oder besser gesagt ihrer Skepsis, wie ich es auch als Pfarrer immer wieder in Gesprächen erfahre, wenn schlimmes Geschehen wie etwa der Tod eines kleinen Kindes kaum oder gar nicht zu erklären ist.

Zwar lässt sich in all den genannten Fällen einwenden, diese Taten und Folgen seien sämtlich durch Menschen bewirkt. Wir haben eben einen freien Willen, mit dem wir uns so oder so entscheiden können, und wahlweise nach eigener Entscheidung das Gute oder das Böse bewirken. Doch schon der Apostel Paulus wusste:

„Das Gute will ich, aber das Böse tue ich“ (Römer 7,21).

Ihm war klar, dass unser vorgeblich freier Wille nicht allzu weit trägt. Und lässt es sich nicht mit Fug und Recht bestreiten, dass ein Amokläufer wie aus den USA oder vorher Norwegen und viele andere wirklich frei entscheiden konnten? Folgen sie nicht vielmehr wie zwanghaft einem kranken und völlig verwirrten Geist?

Natürlich, ein Diktator, der sein Volk in den Bürgerkrieg treibt und Soldaten auf die eigenen Leute schießen lässt, der weiß wohl, was er tut. Nämlich gnadenlos seinen Vorteil suchen und seine Macht erhalten. Um jeden Preis. Und dass Menschen weltweit verhungern oder in üble Finanzkrisen getrieben werden, liegt sicherlich auch in der Hand vieler mächtiger Menschen in Wirtschaft und Politik, die aus egoistischen Motiven heraus handeln. Das jedenfalls sind keine übermenschlichen Schicksalsschläge!

Doch woher kommt überhaupt nicht nur die konkrete Fähigkeit, sondern genauer gefragt überhaupt die Möglichkeit, Böses zu tun, wie konnte das Potenzial zum Bösen in der Welt allererst entstehen? Denn es ist ja nicht einfach und von vornherein selbstverständlich, wenn auch für uns Menschen leidvolle Gewohnheit, dass es Böses und Übel in unserem Leben gibt, zumal, wenn man glaubt, dass (ein) Gott diese Welt geschaffen hat.

Si deus est, unde malum?, lautet eine Kernfrage der Religionsphilosophie: Wenn Gott existiert, woher kommt dann das Böse? Zwar lässt sich die Gegenfrage stellen: Wenn es Gott nicht gibt, woher stammt dann das Gute? (Si deus non est, unde bonum?)1. Doch erscheint diese Frage angesichts des bitteren Leidens in der Welt als zweitrangig und fast wie eine etwas billige Retourkutsche.

Das bedrängende Problem lautet vielmehr: Hätte Gott in seiner Allgüte und Allmacht nicht eine Welt erschaffen können und sogar müssen, in der die schlichte Möglichkeit zum Bösen erst gar nicht besteht, auch und gerade nicht für die denkenden Subjekte dieser Welt, in unserem Fall die Menschen? Dass Gott selbst allgütig und allmächtig ist, wird in fast allen religiösen Denksystemen vorausgesetzt und gilt geradezu als Inhalt und Wesen seiner Definition. Und es gibt in der Tat Philosophen, die der Überzeugung sind, dass Gott – würde er existieren – durchaus Wesen hätte erschaffen können, die immer aus freien Stücken, also aus voller innerer Überzeugung, nur und stets das Gute tun, so wie man sich das besonders bei Engeln vorstellt2.

Doch selbst wenn dies der Fall wäre – schreckliche Ereignisse und Katastrophen resultieren keineswegs nur aus den Taten von Menschen. Da gibt es etwa Naturkatastrophen wie den Tsunami von 2004 in Thailand, der zahlreiche Menschen tötete oder ihnen die Existenzgrundlagen nahm. Wir können schwere Erdbeben aufzählen, etwa die verheerende Katastrophe von Lissabon 1755, als ein fürchterliches Beben bis zu 100.000 Todesopfer forderte und die Gottgläubigen vor arge Belastungsproben stellte.

Das Theodizeeproblem wurde damals mit aller Macht aufgeworfen, weil der Gedanke an einen gütigen Gott vielen als völlig unvereinbar erschien mit den schrecklichen Übeln in der Welt, die angeblich seine gute Schöpfung sein sollte. Jeder kennt entsprechende Beispiele, bei denen menschliche Schuld ausgeschlossen scheint. Und die Bibel selbst berichtet namentlich mit der Sintflutgeschichte von ähnlichen Katastrophen, die dadurch nicht erträglicher werden, dass vorgeblich Gott dieses Unglück als „Strafe“ über die Menschen und die Natur gebracht haben soll. Was wäre das für ein Gott, wollte man solche Passagen für bare Münze nehmen, selbst wenn sie in der Heiligen Schrift stehen?!

Schöpfung oder Urknall?

Schwer zu glauben ist es nach solchen Aufzählungen, dass ein allmächtiger Schöpfer, der gemäß den üblichen Definitionen zugleich gut und allwissend ist, diese Welt frei aus dem Nichts heraus erschaffen hätte, und dabei so viele Mängel und Fehler in Kauf nahm und nimmt, obwohl ihm anfangs doch alles so „gut“ oder „schön“ erschien, wie die Bibel zu jedem Schöpfungstag kommentiert. Dabei geht es um die theologisch sogenannte creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts), welche eine Folgerung aus der Schöpfungserzählung in Genesis 1 sein soll. Dort heißt es:

„Am Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde.“ Etwas weiter: „Er sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“

Dies erschien später auch dem Papst in Rom als bestens vereinbar mit der naturwissenschaftlichen Vorstellung des „Urknalls“, bei dem völlig voraussetzungslos plötzlich Raum und Zeit in einem Energieball entstehen, der sich in rasender Geschwindigkeit ausbreitet und in Jahrmilliarden das Universum schuf, wie wir es heute kennen. Schade nur, dass die Wissenschaftler bei dieser relativ simplen Vorstellung eines „Es werde Licht“-Big Bang nicht geblieben sind und heute eher von vielen „Quantenuniversen“ und „Quantenfluktuationen“ ausgehen, die ständig entstehen und vergehen, wobei nur ganz wenige wie das unsere stabil sind und Bestand haben, sodass sich intelligente Wesen darin entwickeln können. Ob Gott, um ihm in diesem Prozess doch einen Platz einzuräumen, vielleicht wenigstens bei der Bestimmung der Naturkonstanten einwirkte? Denn jede noch so winzige Verschiebung der existierenden Naturkonstanten würde verhindern, dass im Universum Leben und damit Intelligenz entstehen könnten3. Darauf wird noch genauer einzugehen sein.

Doch so oder so, derartige Spekulationen haben mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nichts mehr gemeinsam. Und das wäre gewiss auch nicht der Sinn der Schöpfungserzählung, naturwissenschaftliche Erkenntnisse vorwegzunehmen, wie man insbesondere an der Schilderung der weiteren Tage und Ereignisse sieht. Diese tragen eher symbolischen Charakter oder haben religiöse Absichten, wie die Tatsache, dass dort Sonne und Mond erst am vierten Tag der Erdentwicklung entstanden sind – in Wahrheit ein Seitenhieb auf andere Völker, die damals die Himmelskörper als Götter verehrten. Dabei hat Gott sie doch erst wie nebenher erschaffen, fast provozierend später als andere Ereignisse zuvor, hält die Bibel bewusst dagegen.

Das philosophische Hauptproblem bei der Behauptung einer völlig voraussetzungslosen Schöpfung aus dem Nichts aber ist, dass man Gott dann auch für jedes Ereignis in dieser Welt zumindest mitverantwortlich machen muss. Insbesondere auch für das Böse und die Übel, die Mensch und Natur von jeher begegnen respektive begehen – auch diese hätte der Schöpfer dann ja „aus dem Nichts“ heraus mit kreiert und ihre Entfaltung sehenden Auges zugelassen. Aber ein Gott, der dies alles geschaffen und initiiert hat, muss sich fragen lassen, ob er es nicht hätte besser machen können. Oder ob es dann nicht sehr viel einsichtiger und redlicher ist zu vermuten, dass Gott doch nicht im traditionellen Sinne allmächtig ist und dass er diese Welt auch nicht aus einem absoluten Nichts heraus erschaffen hat. Das sind für den Gläubigen durchaus provokante Behauptungen, die in diesem Buch ausführlich erläutert und nachvollziehbar begründet werden müssen und sollen.

Dies will ich in folgenden Hauptschritten und Argumenten angehen, die ich hier zunächst nur andeute:

1. Abschied vom Dogma, dass Gott allmächtig ist. Diese Vor-Annahme steht einer überzeugenden Verteidigung der Liebe Gottes angesichts der Übel in dieser Welt am meisten im Weg. Meine Formel wird lauten: Gott ist nicht allmächtig, er ist aber auch nicht ohnmächtig. Gott ist übermächtig. Dies impliziert im Übrigen auch einen Abschied vom selbstherrlichen, autoritären Gottesbild, der alles in seiner Hand hält, die Welt nach eigenem Gutdünken und willkürlich lenkt und regiert. Gott hat Macht, aber diese ist auf Erden begrenzt und taugt nicht zum Gebaren eines grenzenlosen Allherrschers. Gottes „Übermacht“ ist die Macht der Liebe.

2. Gott hat die Welt nicht völlig neu und d. h. aus dem Nichts erschaffen. Er hat sie bestenfalls so gut es ging geordnet, was der tiefere Sinn der sieben Schöpfungstage ist. Insofern wäre diese angesichts der gegebenen Umstände tatsächlich die „beste aller möglichen Welten“, wie der berühmte Philosoph Leibniz unter allerdings ganz anderen Voraussetzungen behauptete. Warum aber hat Gott die Welt respektive das vorfindliche Chaos überhaupt angerührt, wenn doch auch daraus die Möglichkeit zu vielen leidvollen Ereignissen und Erfahrungen entstehen konnte? Obwohl diese Frage nur schwer oder auch gar nicht zu beantworten sein wird, steht doch am Ende die Überzeugung: Gott ist jedenfalls der heilvolle Schöpfer unserer Zukunft!

3. Die eigentliche Ursache des konkreten Übels für Menschen und andere Lebewesen ist die materielle Welt und daraus folgend die Körperlichkeit, in der diese uns als im Wesenskern geistig-seelische Subjekte gleichsam einsperrt. Meine These: Alles Leid, jedes Übel entsteht letztlich aus den materiellkörperlichen Voraussetzungen unserer Existenz in dieser Welt. Damit ist keinesfalls eine Abwertung der Leiblichkeit und insbesondere der Sexualität verbunden oder beabsichtigt. Dennoch ist diese These – trotz dieses naheliegenden „Verdachts“, der auszuräumen sein wird –, zwingend und notwendig, um die Realität des Bösen zu verstehen sowie den nächsten Schritt zu tun, Erlösung und Befreiung aus dem Übel denkmöglich zu machen.

4. Gott ist nicht allmächtig im traditionellen Sinne, lautet die erste These oben. Dass Gott aber auch nicht ohnmächtig ist, sondern übermächtig im Vergleich zu uns sterblichen Wesen und uns daher befreien will und kann, zeigen beispielhaft die sogenannten Nahtoderfahrungen, bei denen für klinisch tot befundene Menschen wieder in dieses Leben zurückkehrten. Häufig begegneten sie dabei einem Wesen voller Licht und Liebe, das viele mit Gott identifizieren. Zwar können diese intensiven und nachhaltigen Erfahrungen nichts beweisen, sie sind aber ein starkes Indiz für eine geistig dominierte und leidfreie Welt, in die hinein Gott uns erlösen will.

5. Dieser Gott lebt nicht unnahbar in seinem Himmel und wartet geduldig, aber bis dahin unerreichbar für uns. Sondern wir können mit ihm in Kommunikation treten, etwa im Gebet. Aber auch durch die Meditation und gerade in dieser, auch im christlichen Sinne, schon etwas von Entgrenzung und einem Überschreiten der Barrieren unseres irdischen Daseins erfahren.

Mit diesen fünf Aspekten ist der inhaltliche Aufbau des vorliegenden Buchs im Wesentlichen abgesteckt. Das macht freilich manchen Abstecher in andere vorbereitende, angrenzende oder vertiefende Themengebiete nicht überflüssig, sondern geradezu notwendig. Vor allem müssen wir uns zunächst der Frage stellen:

Was eigentlich genau ist das Böse, das Leid und anderes Übel verursacht? Denn diese Thematik ist ja zusammen mit der Gottesfrage das Zentrum dieses Buches.

WAS IST DAS BÖSE?

Stellen Sie sich vor, jemand würde behaupten: In der Welt gibt es nichts Böses! Sie würden sicherlich heftig widersprechen. Denn es erscheint uns als nur allzu offensichtlich, dass das Böse und dessen Auswirkungen überall auf der Erde anzutreffen sind. Es ist auch hier nicht nötig, die zahlreichen Schrecken aufzuzählen, die wir direkt oder indirekt auf das Böse zurückführen. Sie stehen uns vor Augen, vom krebskranken Kind über den Terroranschlag oder Amoklauf bis zum verheerenden Tsunami mit Tausenden von Opfern.

Doch mit einer endlosen Aufreihung der Übel allein hätte man ohnehin nicht erklärt, was das Böse eigentlich ist. Vielleicht geht das auch gar nicht so exakt, weil es unendlich viele Facetten hat und es möglicherweise zu seiner „Natur“ gehört, dass man es nicht genau greifen und begreifen kann. Man versteht aber, dass es als Folge sehr viel mit Leiden unterschiedlichster Art zu tun hat, sei es durch Menschen bewirkt oder durch Naturmächte, die uns übel mitspielen. Wozu man im weitesten Sinne auch Krankheiten, beispielsweise durch Viren oder Zellwucherung, zählt, denn auch diese sind in der Regel „natürlicher“ Ursache.

Ob es zur näheren Eingrenzung des Begriffs hilft, sich einmal die Wortherkunft, also die sogenannte Etymologie von „dem Bösen“ anzusehen? Im Duden Herkunftswörterbuch wird das Wort „böse“ aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitet von Adjektiven wie „gering, wertlos, schlecht und schlimm“, noch weiter zurück aus dem Althochdeutschen von „hinfällig, nichtig, wertlos“. Im germanischen Sprachbereich weise es auch auf Eigenschaften wie „stolz oder heftig bzw. aufgeblasen und geschwollen“ hin4.

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia liest man: „Das Böse (althochdeutsch bôsi, von germanisch *bausja- ‚gering‘, ‚schlecht‘, genaue Etymologie unklar) ist der Gegenbegriff zum Guten“5.

Das ist interessant, trägt aber zum tieferen Verständnis nicht viel bei, sondern verstärkt an sich nur das etwas vage, jedoch prinzipiell düstere Empfinden, das man für diesen Begriff ohnehin schon hat. Offensichtlich fällt es schwer, das Böse auf erhellende, für jeden einsichtige Weise zu definieren. Hätte man es auch begriffen, könnte man das Böse im Kern erfassen, wäre es vielleicht auch schon gebannt. Es entzieht sich aber offensichtlich diesen zugreifenden Versuchen!

Der oder das Böse …?

Eventuell führt es ja weiter, wie das früher ohnehin allgemein verbreitet war, sich das Böse als Person vorzustellen, ähnlich wie es etwa mit der Vaterunser-Bitte möglich ist: „und erlöse uns von dem Bösen!“ Auch vom griechischen Urtext (Matthäus 6,13) her bleibt diese Zweideutigkeit bestehen6: Übersetzt man mit das oder der Böse? Früher hat man noch gebetet: „und erlöse uns von dem Übel.“ Das war aber im Grunde eine verengende, einseitig zugespitzte textliche Vorentscheidung, sodass die heutige Vaterunser-Bitte im Deutschen wieder näher am Urtext liegt, weil sie die beiden genannten Optionen offen lässt – das oder der Böse zu hören, das heißt das Böse als gesichtslose Macht oder als personhaftes (Un-)Wesen zu verstehen.

Was aber wäre denn, im letzteren Fall des personalen Verständnisses, der Böse? Speziell im biblisch-jüdisch-christlichen Sinne offensichtlich der Teufel/der Satan. Dieser wäre dann für das Böse in der Welt verantwortlich – oder würde es zumindest, wie im Buch Hiob im ersten Kapitel, in Gang setzen. Dort perfiderweise gegen den so untadelig Frommen auch noch mit der ausdrücklichen Zustimmung Gottes, um den armen Mann einmal mit allen Mitteln auf die Standfestigkeit seines Gottvertrauens und Glaubens zu prüfen.

Doch abgesehen davon, dass auch dieser Gedanke das Problem der Herkunft des Übels und Leidens in der Welt keinesfalls löst (denn wer oder was wäre denn dann die Ursache für die Existenz des Teufels?!) – wer glaubt heute noch ernstlich an einen Satan in Person, womöglich noch mit Hörnern, Schwanz und Dreizack ausgestattet?

Eine weitere Idee zu bestimmen oder zu erfassen, was das Böse denn nun eigentlich ist, hatten Theologen und Philosophen in der Geschichte, darunter Augustin und Leibniz, die, wie viele ihrer Kollegen, intensiv über das Thema nachdachten.

Sie meinten, dass man zwar die Auswirkungen des Bösen spüren und erleben könne – für Augustin etwa als „Verderbnis“. Dieses Böse an sich aber habe keine eigene Wirklichkeit, sondern es sei „ein Mangel an Gutem“. Das ist nicht etwa das Gleiche wie zu Anfang dieses Kapitels erwähnt, als ich darum bat, sich einmal vorzustellen, es gäbe gar nichts Böses. Doch, sagen diese Philosophen, das Böse ist vorhanden. Aber nur dadurch, dass es ihm an dem Guten fehlt, das alle anderen positiven – in diesem Sinne „guten“ – Dinge haben.

Diese Idee ist eigentlich genial. Denn dahinter steckt folgender Gedanke: Gott hat alles gut und schön erschaffen, so steht es in der Schöpfungsgeschichte, und dies entspricht auch dem philosophischen Begriff, den man sich von Gott und seinem Wirken macht.

Wenn Gott aber nur Gutes und nichts Böses erschaffen hat, woher sollte Letzteres dann kommen? Eben dadurch, dass das Böse in Wahrheit des Guten „beraubt“ ist – der Fachbegriff dafür heißt auf Lateinisch privatio boni – ein „Raub an Gutem“. So, als habe man dem Guten das Gutmachende weggenommen, gestohlen, und dadurch werde es erst schlecht.

Oder, mit einem Bild gesprochen, als hätte man einem schönen bunten Blumenstrauß mit roten, grünen, blauen und anderen Blüten sämtliche Farben entzogen. Was davon in unserer Fantasie zurückbliebe, wäre hässlich, grau, nichtig, wertlos, ja unheimlich. Im Sinne der obigen Definitionen also „böse“.

Mit diesem Gedanken läge dann immerhin kein Schatten mehr auf der Güte Gottes und seiner Vollkommenheit, so die Überlegung. Denn er hat ja das Böse demnach nicht (mit-) erschaffen, dieses entsteht demzufolge erst sekundär durch einen „Abfall“ vom Guten. Wie Müll der Schöpfung sozusagen.

Aber stimmt die Voraussetzung, dass das Böse an sich, trotz seiner „verderblichen“ Wirkungen, nichts Wirkliches ist? Letztlich hat man einsehen müssen, dass dieser zunächst so bestechende Gedanke an der Realität scheitert. Denn offenbar hat das Böse eine eigene Wirklichkeit, die sich nicht durch einen Mangel an irgendetwas Gutem oder Schönem beschreiben lässt.

Man kann schließlich einem Krebskranken kaum überzeugend darlegen, dass seine Krankheit einfach „ein Mangel an Gesundheit“ sei. Selbstverständlich und leider fehlt es ihm an Gesundheit, aber die Krankheit ist wie eine eigene Kraft oder Macht, die für sich selbst besteht. Man kann dem Erkrankten zwar versuchen zu helfen, indem man die gesunden Aspekte in ihm fördert, etwa das Immunsystem aufbaut. Doch letztlich wird man die krankmachenden, wuchernden Zellen auch direkt bekämpfen müssen, um über den Krebs zu siegen.

Oder wollte man dem Opfer eines Tsunami, das Familie und Besitz verloren hat und selbst gerade so mit dem Leben davon kam, erklären, das Böse, all das Leid und Elend, das es soeben erlebt hat, sei nichts anderes als „ein Mangel an Sonne und gutem Wetter“?! Nein, das Böse und was aus ihm folgt hat seine ganz eigene Realität. So sehen das inzwischen auch die meisten Philosophen und Theologen, die sich mit dieser Frage befassen.

Offensichtlich bleibt nichts anderes übrig, wenn man das Böse in seinem Kern so schwer fassen kann, als sein Wirken über die Folgen zu beschreiben, die es augenscheinlich überall hinterlässt. Also über Leid und Elend, die Übel, die dadurch in der Welt entstehen, wie Krankheit und Katastrophen. Doch auf welche Weise, unter welchen Voraussetzungen oder Bedingungen wirkt das Böse in dieser Welt, woran kann es anknüpfen? Und ist es vielleicht doch eine eigene, selbstständig-reale Macht, womöglich neben Gott als dem Prinzip des Guten?

Von Steinen, Pflanzen und Menschen

Doch zuerst zur Frage, woran das Böse in der Welt sichtbar und fühlbar wird beziehungsweise wie es in seiner Leid verursachenden Weise wie ein Virus an die Wirtszelle andocken kann.

Betrachtet man das genauer, wird schnell klar: Ein Stein beispielsweise empfindet keinen Schmerz, er fühlt kein Leid und macht sich keine Sorgen über seine womöglich gefährdete Zukunft. Er bietet schlicht keinerlei Stellen zum „Andocken“ für üble Wirkungen, und selbst wenn er in tausend Teile zerspringt oder zerschlagen wird, ist es ihm egal – er spürt nichts davon, ihm fehlt jede Wahrnehmung, gleich wofür.

Bei einer Pflanze glauben manche Menschen durchaus, dass diese emotional auf sie und ihre Umwelt reagiert – sie begießen ihre Blumen und Töpfe nicht nur, sondern sie sprechen sogar mit ihnen, singen etwas oder lassen eine Musik-CD laufen, wenn sie selbst nicht da sind, in der Überzeugung, dies habe eine positive Wirkung auf die „Stimmung“ ihrer Gewächse und würde diese besser gedeihen lassen. Nun, lassen wir das dahingestellt sein.

Sicher ist jedoch, dass Tiere, etwa unsere geliebten Haustiere wie Hunde und Katzen, Schmerzen und Leiden erdulden.

Menschen natürlich erst recht, die darüber zudem reflektieren und sich Gedanken machen. Und das schon im Vorhinein, etwa vor Operationen oder gefährlichen, lebensbedrohlichen Situationen, was manche Ereignisse oft erst schlimmer macht, als sie es dann werden – aber wer weiß das schon vorher?!

Das heißt zum Bösen und dessen Wahrnehmung gehört ein lebendes Subjekt, das – insbesondere über das Nervensystem – fühlen und, in höchsten Entwicklungen wie der menschlichen, denken kann. Dies immer in Kombination mit einem körperlichen Dasein, ohne das wir uns das Leben von Tieren oder Menschen auf der Erde gar nicht vorstellen können.

Genau dies scheint mir der entscheidende Aspekt zu sein: Alles Leiden, jedes Übel entsteht in Kombination mit, durch oder über das körperliche Dasein in dieser Welt. Nicht für einen Stein, diesem fehlt, wie gezeigt, das andere Kriterium, die Möglichkeit zu fühlen oder zu denken. Doch organische Lebewesen mit der Fähigkeit, bewusst oder vor-bewusst Schmerzen wahrzunehmen respektive in ihrer Vorstellung und Fantasie zu erwarten, erfahren diese Übel in Einheit mit ihrer leiblichen Existenz. Diese irdische, das heißt weltliche Kombination von Leib und Seele ist immer der Ausgangs- und Angriffspunkt auch des (wie auch immer definierten) Bösen, hier kann es wie gesagt „andocken“.

Exklusiv eins der beiden Elemente – nur ein „Körper“ (wie ein Stein) oder umgekehrt eine Seele ohne Leib, also bildlich gesprochen ein Wesen wie ein Engel – sind dagegen für Leid nicht empfänglich. Diese These der Körperzentriertheit von Leiden gilt sogar für seelische Qualen wie Trauer, nagende Sehnsucht oder Depression und andere vergleichbare Übel, die nur scheinbar nicht durch körperliche Umstände verursacht oder mitbetroffen sind – was ich im siebten Kapitel („Living in the Material World“) genauer darlegen werde. Nachdrücklich hinweisen möchte ich nochmals – und ich werde es explizit im entsprechenden Kapitel zum Thema ausführen – dass mit diesen Betrachtungen in keiner Weise eine Abwertung oder Geringschätzung unseres leiblichen Daseins als Menschen intendiert oder impliziert ist!

Früher galten ja etwa die Sexualität und die sinnlich-triebhafte Begierde als Urübel und Grund für den Sündenfall überhaupt. Damit war eine massive, auch moralische Abwertung des Körpers verbunden. Das lehne ich ausdrücklich ab.

Im Gegenteil, Sexualität ist prinzipiell etwas Gutes und „Reines“ – auch wenn sie selbstverständlich ebenso wie alles andere in dieser Welt missbraucht werden kann. Das zu betonen ändert jedoch nichts daran, dass unser leibliches Dasein in dieser durch Materie bestimmten Welt mit allem Übel fest verbunden ist. Wie das alles zusammenpasst, werden wir in dem späteren Kapitel genauer betrachten.

In einem weiteren kürzeren Kapitel werden wir uns auch der Frage stellen müssen, ob das Böse nicht letztlich erst und allein durch den Missbrauch des freien Willens durch den Menschen in die Welt gekommen ist und sich damit – auf welchen geheimnisvollen Wegen auch immer – „fortpflanzt“. So, dass Gott in dieser Hinsicht dafür gar keine Verantwortung trüge, weil ja der Mensch durch die Sünde Tor und Tür für das Wirken des Bösen öffnet, das sich dann in seinen Wirkungen zeigte. Dies ist in der Bibel wie auch in der Philosophiegeschichte eine äußerst populäre Überzeugung, nicht zuletzt beim Kirchenlehrer Augustin. Aber auch aktuellere Zeitgenossen wie etwa der ZDF-Journalist und Theologe Peter Hahne können sich für diese Betrachtungsweise erwärmen. Warum ich diese Auskunft als Lösung für das Problem des Bösen für völlig untauglich halte, werde ich in besagtem Kapitel erläutern.

Mit diesen noch vorläufigen Betrachtungen und Abgrenzungen ist zwar keine Definition von „dem Bösen“ erzielt. Aber doch zunächst eine klarere Eingrenzung aus der Beschreibung von Ursachen und Wirkungen in dieser Welt heraus.

Das Böse – doch eine eigene Kraft?

Unklar dabei bleibt weiterhin, ob das Böse, dessen Präsenz wir immer wieder als sehr real erleben müssen, tatsächlich eine eigene Macht ist, die also wirklich für sich existiert, sei es personell – als „Teufel“ etwa, was wir oben bereits angezweifelt haben – oder als eine Art düsterer, zerstörerischer Energie, die der Schöpfungskraft Gottes genau entgegengesetzt ist. Ich gebe zu, dass ich diese Frage nicht abschließend beantworten kann.

EinerseitsEmpfinden