Zum Buch

 

Die Dreifaltigkeit Gottes gehört zu den schwierigstenThemen des christlichen Glaubens. Kann sich ein vernünftiger moderner Mensch mit dem Bescheid zufrieden geben, es handle sich eben um ein „Geheimnis des Glaubens“? Werner Eizinger, Priester und langjähriger Religions- und Seminarlehrer an einem Gymnasium, sucht zwischen den Klippen dogmatischer Festlegungen nach einem neuen Zugang zum Thema und begibt sich dafür auf Spurensuche ins Neue Testament. Die Wahrnehmung der biblischen Aussagen über Vater, Sohn und Geist führt ihn zu einem Verständnis der Trinität, das den Glauben an den einen Gott betont, der auf unterschiedliche Weisen sich den Menschen zuwendet, in der Welt wirkt und erfahren wird.

 

 

 

Zum Autor

 

Werner Eizinger, geb. 1941, ist Priester und war Seminarlehrer am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Regensburg.

Werner Eizinger

 

 

 

DREIFALTIGKEIT -
EIN EWIGES MYSTERIUM?

 

Den Gott der Christen verstehen

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

 

Impressum

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6008-7 (epub)

© 2013 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

Umschlagbild: Josef Höttges, Symbolische Darstellung der Dreifaltigkeit (1957)

Kapelle des St.-Josef-Krankenhauses, Neuss

Satz und Layout: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a.d. Donau

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2534-5

 

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Kontakt und Bestellung: verlag@pustet.de

Vorwort

In den ersten Jahrhunderten gab es in der Kirche heftige Auseinandersetzungen, welche die Dreifaltigkeit Gottes betrafen. Im Lauf der weiteren Geschichte ebbte das Bemühen der Theologen, die Trinität des einen und einzigen Gottes einsichtig zu machen, allmählich ab. Bis auf wenige Ausnahmen beschränkte man sich darauf, die dogmatische Formel wiederzukäuen.

Neben meinem persönlichen Verständniswunsch wurde mir die Frage nach der Trinität Gottes immer drängender, je öfter ich in der gymnasialen Oberstufe und in Gesprächen mit Erwachsenen, die um ihren Glauben rangen, wahrnahm, mit welchem Unverständnis oder Kopfschütteln die Menschen heute der kirchlichen Dreifaltigkeitslehre begegnen bzw. sie ablehnen. Ich habe Christen kennengelernt, die durchaus an einen Gott glauben, dem Welt und Mensch ihr Dasein verdanken, der den Menschen nahe ist, dem wir Menschen verantwortlich sind, die aber aus der Kirche ausgetreten sind, weil sie an einen einzigen Gott, der zugleich in drei Personen existiert, nicht glauben konnten.

Dem heutigen Menschen ist kirchlicherseits nicht mehr damit geholfen, dass man ihm dogmatische Lehrsätze vorsetzt, die er glauben müsse, wenn sie ihm nicht einsehbar und nachvollziehbar gemacht werden.

Solche Erfahrungen waren neben meiner eigenen Suche der Anlass, mich mit dieser Thematik zu beschäftigen und schließlich dieses Buch vorzulegen – in der Hoffnung, fragenden und suchenden Menschen hilfreiche Antwort zum Verständnis des kirchlichen Gottesbilds zu geben.

Besonderen Dank sage ich Herrn Dr. Rudolf Zwank, dem theologischen Lektor im Verlag Friedrich Pustet, für seine Unterstützung, Ratschläge und die Förderung der Drucklegung.

 

Werner Eizinger

DIE FRAGESTELLUNG

Im Sommer 2011 fand im Minoritenkloster in Graz eine Ausstellung statt, die Philipp Harnoncourt initiiert hatte. Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler waren eingeladen worden, Werke zum Thema „Dreifaltigkeit Gottes“ einzusenden. Der Titel der Veranstaltung lautete: 1+1+1=1. Damit sollte wohl die Dreifaltigkeitstheologie und ihre Problematik sozusagen ‚auf den Punkt‘ gebracht werden.

Die Frage nach Gott beschäftigt die Menschen aller Kulturen und Religionen von jeher. Christen suchen Antwort darauf in der Bibel. Aus der Frage „Wer ist Gott?“ wird aber bald die Frage „Wie ist Gott?“

Die Kirche lehrt: Gott ist einer in drei Personen. Und da scheint der menschliche Verstand überfordert zu sein. Eins ist drei? Das ist weder mathematisch noch logisch akzeptabel. Die Theologen sprechen von einem Geheimnis, das der Mensch nicht ergründen kann, da er Gott nicht ergründen kann. Wir müssen es eben glauben. Regina Radlbeck-Ossmann schreibt dazu: „Selbst gebildete Christen geraten ins Stocken, wenn sie auf die göttliche Dreifaltigkeit angesprochen werden. Und nicht nur sie: Dem Großteil der Geistlichen scheint es nicht anders zu gehen. Aus den meist bemerkenswert kurzen Predigten zum Dreifaltigkeitssonntag hört man die Verlegenheit förmlich heraus. Angesichts dessen wirkt die Aussage, die Trinität sei Geheimnis im strengen Sinn des Wortes und bleibe dem menschlichen Verstand deshalb auf Dauer verschlossen, nicht selten wie eine billige Ausrede.“1

Es ist wahr: Gott übersteigt den Menschen so radikal, dass der Mensch ihn von sich aus nicht begreifen kann. Wir können von Gott nur so viel wissen, wie er selbst uns in der Bibel offenbart. Er offenbart sich uns im Alten wie im Neuen Testament, vor allem aber in Jesus Christus, den die Kirche als Gottes Sohn bekennt.

Was uns aber Jesus von Gott offenbart, muss derart sein, dass wir es auch verstehen können, sonst wäre seine Offenbarung weder hilfreich noch nutzbringend. Sie wäre dann für uns wertlos; sie wäre dann eben keine Offenbarung.

Jesus muss also bei seinem Sprechen über Gott einen Code benützen, den wir auch verstehen bzw. entschlüsseln können. In dem Moment, da wir dies vermögen, ist aber das, was er uns sagt, kein Geheimnis im umgangssprachlichen Sinn mehr. Wenn er uns also die Dreifaltigkeit Gottes offenbart, muss sie für unseren Verstand auch verständlich und nachvollziehbar sein.

Die Lehre von der Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit Gottes geht im Wesentlichen auf das Jesuswort im Sendungsauftrag an die Jünger bei Mt 28,19 zurück: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“

Zuvor spricht Jesus im Evangelium immer wieder vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist, aber an dieser Stelle und nur an dieser Stelle nennt er alle drei in einem Atemzug und im gleichen Rang. Wo sonst in der Bibel vom Geist Gottes oder vom Heiligen Geist die Rede ist, wird der Geist keineswegs als eigene göttliche Person verstanden.

Wie aber können wir verstehen, dass Gott einer ist in drei Personen des einen göttlichen Wesens? Die Juden schütteln den Kopf darüber, die Muslime sagen sogar, dass die Christen an drei Götter glauben.

Wir leben in einer Zeit, in denen es den Menschen, auch den Christen, nicht mehr genügt, zu hören: Das ist der Glaube der Kirche. Ihr müsst ihn nur annehmen. Dies hat in früheren Jahrhunderten wohl genügt, aber der heutige Mensch will verstehen können, was er glauben soll. Und diese Entwicklung im Selbstverständnis der Menschen ist unumkehrbar. Die Bibel, zumal das Evangelium, besitzt für die Christen unumstrittene Autorität. Aber die weitere Entwicklung der Glaubenslehre in dogmatischen Definitionen im Verlauf der Kirchengeschichte wird von Christen des 21. Jahrhunderts dann, wenn sie eine kirchliche Lehraussage nicht unmittelbar aus der Schrift erkennen bzw. ableiten können, kritisch hinterfragt. Darauf werden sich Kirche und Theologie stärker einstellen müssen, will die Kirche die Gläubigen und die Glaubensbereiten nicht verlieren. Der heutige Mensch ist aufgrund seines Selbstverständnisses nicht mehr bereit, selbstverständlich und kritiklos anzunehmen, was ihm von einer Obrigkeit gesagt wird. Nur stetes Wiederkäuen und Wiederholen von Lehrsätzen genügen heute nicht mehr, mögen sie auch noch so rechtgläubig sein. Zu unserem Thema will der Christ heute nicht nur wissen, was er glauben soll, sondern vielmehr, wie er es gedanklich nachvollziehen und verstehen kann. Optimistisch schrieb Karl Rahner: „… man wird sich da und dort in der Theologie selbst reflexer und angestrengter der Verpflichtung bewusst, die Trinitätslehre so zu begreifen und darzustellen, dass sie im konkreten religiösen Lebensvollzug des Christen eine Wirklichkeit wird …“2 Dies mag für seine Zeit zutreffend gewesen sein, lässt sich aber heute nicht mehr beobachten.

Wenn der Vater Gott ist, wenn Jesus Christus Gott ist, wenn der Heilige Geist Gott ist, diese drei aber nicht derselbe, sondern drei verschiedene Personen sind, wie können wir da von dem einen Gott des christlichen Glaubens sprechen?

Ist die Rede von der Dreifaltigkeit Gottes etwa eine Verführung zum Tritheismus oder zum Polytheismus? „Der belgische Kardinal Suenens hat einmal gesagt, dass die meisten Christen faktisch an drei Götter glauben.“3

Den hier aufgeworfenen Fragen wollen wir im Folgenden nachgehen und versuchen, eine Antwort zu finden, die der Lehre der Kirche, der Hl. Schrift und dem menschlichen Verstand gerecht wird.

Wenden wir uns zunächst der grundlegenden Frage zu, ob wir nach dem Befund der Evangelien dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, und zwar jedem von ihnen, überhaupt Gottheit zusprechen können.

I.
VATER, SOHN UND GEIST IN DEN EVANGELIEN

1. Abba – der Vater

Der Gott des Jesus von Nazaret: Abba = Vater

Jesus nennt Gott Vater, er nennt ihn seinen Vater (aramäisch abba): „Abba, alles ist dir möglich“ (Mk 14,36a). In anderem Zusammenhang nennt er ihn unseren Vater. So sollen wir nach den Worten Jesu Gott anreden: „Unser Vater“ (Mt 6,9) bzw. „Vater“ (Lk 11,2). Die Christen haben diese Gottesanrede rasch in ihren Wortschatz aufgenommen. So schreibt Paulus den Römern: „Ihr habt … den Geist empfangen, … in dem wir rufen: Abba (Röm 8,15), und den Galatern schreibt er: „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba (Gal 4,6)!

Mit seinem Abba hält Jesus ständigen Kontakt. Ihn preist er: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“ (Mt 11,25; vgl. Mt 14,19 oder Mk 6,41). Ihm dankt er: „Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie den Jüngern zum Verteilen“ (Mk 8,6; vgl. Joh 6,11). „In aller Früh, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten“ (Mk 1,35). „Nachdem er sie (die Leute) weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch auf dem Berg“ (Mt 14,23).

Jesus spricht vor wichtigen Entscheidungen mit seinem Abba, so in der Wüste vor seinem öffentlichen Auftreten oder vor den ersten Jüngerberufungen (Lk 6,12), bevor er die Jünger in das Geheimnis seiner Sendung einführt (Lk 9,18) und in der Nacht vor der Entscheidung über Leben und Tod im Garten Getsemani (MK 14,36 Par).

Manchmal nimmt er Jünger mit zum Gebet (Lk 9,28f). Auch für seine Jünger betet er. In Lk 22,32 sagt er zu Simon: „Ich habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht erlischt.“

Am Kreuz betet er den Psalm 22 (Mk 15,34). Ebenfalls am Kreuz betet er für seine Mörder: „Abba, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Und sein letztes Wort ist ein Gebet: „Abba, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46).

Das ganze Leben Jesu war geprägt von der Hinwendung zu seinem Abba und der inneren Gemeinschaft mit ihm.

Der Gott der Christen: Abba = Vater

Jesus lehrt seine Jünger und damit uns, Gott als unseren Vater zu verstehen und auch so anzusprechen. Wie wir gesehen haben, haben das die Christen zur Zeit der Apostel auch so verstanden.

In einer Familie zur Zeit Jesu war der Vater die Respektsperson schlechthin, zugleich aber der liebend für seine Familie Sorgende. So also sollen wir Gott begegnen: wissend, dass er uns über alle Maßen liebt, und wissend, dass wir ihm stets mit größtem Respekt begegnen müssen. Das steckt ja in dem Wort ‚Ehrfurcht‘. Ehrfurcht hat nichts mit Furcht vor jemand zu tun, sondern meint das Fürchten um dessen Ehre. Ehrfurcht vor Gott haben, meint also, besorgt sein um Gottes Ehre. Das Wort ‚Gottesfurcht‘ meint diesen Respekt vor Gott, um den wir fürchten, er könnte uns verloren gehen.

Dem entspricht auch das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat: Unser Abba, Gott, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe: Unser Vater, du sollst heilig gehalten werden, uns als heilig gelten, als der, der du bist: der Herr schlechthin. Und damit du als der Herr anerkannt bist, soll durch uns dein Wille geschehen. So zollen wir dem Abba jenen Respekt, der dem Vater der Menschheitsfamilie zukommt.

Was erwartet der Abba von uns?

Dieser Abba ist aber nicht damit zufrieden, dass wir ihn anerkennen, achten und preisen. Er richtet noch andere Forderungen an seine Kinder. Wir sollen in allem seinen Willen erfüllen (vgl. Mt 7,21).

Jesus sagt uns, wir sollen vollkommen sein wie unser Vater im Himmel es ist (Mt 5,48). Das können wir nur, soweit wir uns seine Gesinnung, sein Denken, sein Wollen zu eigen gemacht haben. Sein ganzes Sinnen, Denken und Wollen aber ist Liebe. „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16b). In Gott ist also nichts, was der Liebe zuwiderlaufen kann. Folglich sind wir vollkommen wie unser Abba, soweit die Liebe in uns lebt und wir sie verwirklichen. Darum kann Jesus alle Gebote in dem einen dreifachen zusammenfassen: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen … und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ (Lk 10,27 Par).

Menschen, die uns nahestehen und die uns sympathisch sind, zu lieben und ihnen Gutes zu tun, fällt uns nicht sonderlich schwer. Aber was ist mit den anderen? Dazu erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30–37). Samariter und Juden standen sich feindselig gegenüber. Sie waren zwar alle Nachkommen des Jakob-Israel, lebten aber in voneinander abgetrennten Staaten. Die Samariter gingen nicht zum Tempel in Jerusalem, sondern hatten sich auf dem Berg Garizim ein eigenes Heiligtum errichtet, um dort Gott anzubeten. Sie hatten ihren Jahweglauben mit heidnischem Götterkult vermischt, weshalb ihnen die Juden vorwarfen, den Gott der Väter verraten zu haben. Ein solcher Samariter sorgt sich nun vorbildlich und liebevoll um einen hilflosen Juden, der unter die Räuber gefallen war. Und dieses Verhalten ist nach den Worten Jesu Nächstenliebe.

In der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet“ (Mt 5,44f). Liebe, die Gott entspricht, setzt nämlich der Liebe keine Grenzen. Sobald wir unserer Liebe eine Grenze setzen, hören wir ja schon auf zu lieben. Dann aber sind wir nicht vollkommen wie unser Abba, denn er ist die Liebe schlechthin. Liebe ist ein grundsätzliches Ja zum anderen, das immer das Gute für ihn will.

Petrus hat Jesus einmal gefragt, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, wenn der sich gegen ihn versündigt. Petrus hält Vergebungsbereitschaft für selbstverständlich. Aber wie oft muss ich dazu bereit sein? Er fragt nach einem Höchstmaß. Und er schlägt vor: „Siebenmal?“ Doch die Antwort Jesu weist in eine andere Richtung: Siebzigmal sieben, das heißt: unbegrenzt, ohne Einschränkung (vgl. Mt 18,21–22).

Und dann erzählt Jesus das Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger (Mt 18,23–35). Ihm hat sein Herr, hier König genannt, auf sein Bitten hin eine unvorstellbare Geldsumme Schulden erlassen. Doch als er daraufhin einen anderen Angestellten des Königs trifft, der ihm eine vergleichsweise lächerliche Summe schuldet, lässt er diesen ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe, was natürlich unmöglich ist, da er im Gefängnis kein Geld verdienen kann. Daraufhin erklärt ihm der König, er hätte an seinem Mitknecht ebenso barmherzig handeln müssen, wie ihm selbst geschehen war, und übergibt ihn den Folterknechten, bis er seinerseits die ganze Schuld bezahlt habe, was wiederum nicht möglich ist, also lebenslang.

Das also erwartet der Abba von uns: dass wir den Menschen gegenüber ebenso barmherzig sind wie er es zu uns ist.

Wir erinnern uns an die Vaterunserbitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir sie unseren Schuldigern vergeben haben“ (Mt 6,12). Tatsächlich steht hier das Perfekt „vergeben haben“, nicht das Präsens, wie es uns die Kirche heute in verharmlosender Übersetzung beten lässt. Das aber bedeutet, dass wir Gott bitten, er möge unsere Schuld in dem Maß vergeben, wie wir den Menschen vergeben haben.

Bei Markus (11,25) lesen wir: „Wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.“

In der Feldrede fordert uns Jesus auf: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Also nicht irgendwie und ein bisschen oder gelegentlich barmherzig sollen wir sein, sondern so, wie unser Abba. Das aber heißt: immer, ohne Ausnahme und ohne Vorbehalt.

Wir sehen, der barmherzige Abba erwartet von uns tatsächlich, dass wir uns an seiner Liebe ein Beispiel nehmen und die Mitmenschen dementsprechend behandeln. Aber wir kennen uns doch. Wir wissen, dass wir diesem Anspruch nicht gerecht werden können. Wollte einer es dennoch behaupten, so hätte er damit nur gesagt, dass er sich selber nicht kennt. Wem wären denn all seine Verdrängungsmechanismen bekannt?

Wie aber wollen wir dann vor unserem Abba-Gott bestehen? Wie sollten wir hoffen, dass er uns, obwohl wir sind, wie wir sind, dennoch annimmt? Dazu müssen wir ihn vielleicht noch besser kennenlernen.

Wie ist unser Abba beschaffen?

Um an unserem Abba maßnehmen zu können, müssen wir wissen, wie er ist und handelt.

„Euer Abba will nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht“, hat Jesus gesagt (Mt 18,14). Er will vielmehr, dass alle, die Jesus sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben (Joh 6,40). Das also hat unser Abba im Sinn, das ist sein Plan mit uns: Barmherzigkeit und Liebe, Leben ohne Ende bei ihm, in unserer wahren Heimat. Unser Abba-Gott ist uns gut und will Gutes für uns. Keiner soll verloren gehen. Ist das nicht wunderschön?

In Gleichnissen beschreibt Jesus diese Liebe des Abba zu uns. Wählen wir einige davon aus:

Das scheinbar verlorene Schaf

In Lk 15,4–7 spricht Jesus in einer Parabel von einem Menschen, der sich vom Volk Gottes und dem Hirten dieses Volkes entfernt hat. Er scheint für den Hirten verloren zu sein. Er wollte seine eigenen Wege gehen, auf eigene Faust sein Glück finden, nach eigenem Geschmack leben. Und dann fand er nicht mehr zurück. Vielleicht aus Scham? Vielleicht aus Angst? Doch der Hirte gibt ihn nicht auf. Er sucht ihn, findet ihn und bringt ihn glücklich wieder „nach Hause“. Und der Abba? Im Text steht nur, dass im Himmel riesige Freude über die Rückkehr des scheinbar Verlorenen herrscht. „Im Himmel“ ist aber in der Diktion der Juden ein Synonym für Gott gewesen. Gott also ist voller Freude über die Heimkehr des Verlorenen. Er selbst hat ihn gesucht, gefunden und zurückgeführt. Und das Erstaunlichste: Keine Rede davon, dass jener, der sich vom Abba und seinem Volk entfernt hatte, zuerst Reue zeigen und Buße tun müsse. Nein, der Abba geht den ersten Schritt, sucht, vergibt und nimmt ihn wieder auf. Das Glück dieser Erfahrung mit dem barmherzigen Abba wird freilich dazu führen, dass der Verlorene dankbar ist und seine Liebe zum Abba gestärkt wird. So also ist der Abba-Gott: Er liebt uns vorleistungsfrei, wie Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika so schön geschrieben hat.

Der barmherzige Vater

In Lk 15,11–32 erzählt uns Jesus die Parabel von einem Vater und seinen beiden Söhnen. Der Jüngere der beiden Söhne lässt sich sein Erbteil frühzeitig auszahlen und verlässt das Vaterhaus, um in der Fremde ein Leben nach eigenem Geschmack zu führen. Dabei scheitert er und gerät in größte Not. In dieser Situation erinnert er sich an seine Jugend und sein Zuhause beim Vater. Er kehrt zurück, um dort wenigstens als Tagelöhner des Vaters hinreichend Essen und Kleidung zu haben. Doch der Vater? Er hält Tag für Tag Ausschau nach ihm, in der Hoffnung, dass er wiederkomme. Und als er ihn sieht, eilt er ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Da weiß der Sohn, was er für einen Vater hat, dass dessen Liebe so lebendig ist wie am ersten Tag. Er will seine Schuld bekennen, doch der Vater achtet gar nicht darauf, führt ihn als Sohn in sein Haus und will ein Fest der Freude feiern.

So, sagt Jesus, ist unser Abba-Gott. Er vergibt und vergisst, was war, aus lauter Freude darüber, dass sein Kind zurückgefunden hat.

Doch da ist noch der ältere Sohn. Er hat kein Verständnis für die Freude des Vaters und dessen Vergebung dem Bruder gegenüber. Aber der Vater lässt die Vorwürfe des älteren Sohnes nicht gelten. Er war ja immer in der Nähe des Vaters und durfte an allem teilhaben, was sein Vater hatte. Hier zeigt uns Jesus einen Unterschied zwischen der Gesinnung des Abba und unserer Gesinnung: Wir sind immer in Gefahr, anderen das Gute, das ihnen unverdient geschieht, zu neiden, statt uns mit ihnen und dem Abba über ihre Umkehr zu freuen.

Der Abba gibt jedem in Fülle

In Mt 20,1–15 erzählt Jesus von einem Weinbergbesitzer, der zur Erntezeit Tagelöhner beschäftigt. Immer wieder geht er im Lauf des Tages auf den Marktplatz, um Arbeiter anzuwerben. Während also die ersten den ganzen Tag über gearbeitet haben, waren die letzten nur eine Stunde beschäftigt. Mit denen, die er schon am Morgen eingestellt hatte, hatte er den üblichen Tageslohn vereinbart, und sie waren einverstanden gewesen. Als bei der Auszahlung am Abend alle den vollen Lohn bekamen, der mit den ersten abgesprochen war, regte sich unter diesen heftiger Unwille, weil jene, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, den gleichen Lohn bekamen. – Ja, so ist unser Abba: Er gibt allen den vollen Lohn, nämlich das Leben im Himmelreich, ganz unabhängig davon, wann sie zu ihm gekommen waren und sich von ihm in Dienst nehmen ließen: schon in der Jugendzeit, in der Mitte oder erst gegen Ende des Lebens. Es gibt nicht ein Himmelreich erster und eines zweiter Klasse. Allen wird die Fülle des Lebens geschenkt.

In Zusammenhang mit der Kreuzigung Jesu erzählt Lukas (23,39–43) von zwei Verbrechern, die zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden. Während einer der Verbrecher Jesus verhöhnt, bittet der andere Jesus, er möge in seinem Reich an ihn denken. Und ganz überraschend antwortet Jesus: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“