Zum Buch

 

Über Jahrhunderte hinweg gab es immer wieder Versuche, in Bayern Seidenzucht zu betreiben. Meist waren es Kurfürsten und Könige des Hauses Wittelsbach, die diese Aktivitäten maßgeblich beeinflusst und mitgetragen haben. Die Vorstellung, dieses edle und wertvolle Gewebe selbst zu erzeugen, war einfach zu verlockend! Wiederholt unternahm man daher gigantische Anstrengungen, den Weißen Maulbeerbaum, die Futtergrundlage der Seidenraupe, in Bayern anzusiedeln.

Dieses Buch schildert die vielfältigen Pläne, Aktivitäten, Hoffnungen und Enttäuschungen beim wiederholten Versuch, den Seidenbau in Bayern zu etablieren. Beteiligt waren dabei alle Landesteile, insbesondere aber München, Landshut, Regensburg, Augsburg und Würzburg. So entsteht ein facettenreicher Blick auf ein ungewöhnliches Kapitel der bayerischen Landesgeschichte!

 

 

 

Zum Autor

 

Theodor Häußler,
geb. 1941, Landwirtschaftsdirektor i. R., leitete die Abteilung für Pflanzenbau in der Oberpfalz am Amt für Landwirtschaft und Bodenkultur. Er publizierte u. a. Erdäpfelpfalz, Der Baierwein, Weinbau in Altbayern und Zucker aus Regensburg.

Theodor Häußler

 

 

 

Bayerische Seide

 

Ein schöner Traum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Friedrich Pustet
Regensburg

Impressum

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

eISBN 978-3-7917-6046-9 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Atelier Seidel, Teising

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2629-8

 

Weitere Publikationen aus unserem Programm

finden Sie auf www.verlag-pustet.de

Informationen und Bestellungen unter verlag@pustet.de

Vorwort

Über Jahrhunderte gab es immer wieder Versuche, in Bayern die begehrte und wertvolle Seide selbst zu erzeugen. Damit ist die Seidenzucht Teil der bayerischen Kulturgeschichte, auch wenn diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt waren. Über lange Zeit waren es die Kurfürsten und Könige des Hauses Wittelsbach, die diese Aktivitäten maßgeblich beeinflusst und mitgetragen haben.

Einerseits war es eine schöne Herausforderung, dieses edle Gewebe selbst herzustellen. Zum anderen sollte der Kapitalabfluss bei der Einfuhr der sehr beliebten Seide zum Wohle des Volksvermögens eingedämmt und eine zusätzliche Erwerbsquelle für die ärmere Bevölkerung geschaffen werden.

Dazu wurden wiederholt gigantische Anstrengungen unternommen, in Bayern den Weißen Maulbeerbaum als Kulturpflanze zu etablieren, dessen Blätter das Futter der gefräßigen Seidenraupen darstellen. Leichter zu erlernen war dagegen die Gewinnung und Verarbeitung der Seide, denn dazu hatte man in den Nachbarländern Italien und Frankreich bereits Erfahrung.

Der vorliegende Band schildert nun die vielfältigen Pläne, Aktivitäten, Hoffnungen und Enttäuschungen bei der Einführung der Seidenzucht in Bayern. Nur durch das wunderbare Material, das man sich erhoffte, durch die Aussicht auf den Stoff, aus dem die Träume sind, lassen sich die vielen vergeblichen Anläufe erklären.

Beteiligt waren an diesen Anstrengungen alle Landesteile, allerdings mit deutlichen Schwerpunkten in München, Landshut, Regensburg, Augsburg und Würzburg. Vielfältig waren auch die Bezeichnungen der von der Obrigkeit eingesetzten Organisationen: Seidenbau-Deputation, -Compagnie, -Direktion, -Commission, -Gesellschaft, -Inspektion und -Verband. Über alle Zeitepochen hinweg gab es unter den beteiligten Personen immer edle, selbstlose, ehrliche, treue und fleißige Leute, denen die Seidenzucht ein echtes Anliegen war. Stets gab es aber auch betrügerische, eigennützige, missgünstige, streitsüchtige und faule Vertreter – wie in jeder anderen Zunft auch. Dass mit den von den jeweiligen Landesherrn bereitgestellten Geldbeträgen dabei meist großzügig umgegangen wurde, scheint in der Natur von Fördermitteln zu liegen.

Vielleicht reizt es den interessierten Leser am Schluss sogar, ein paar Maulbeerbüsche zu pflanzen, um aus selbst erzeugter Seide ein paar feine Seidentaschentücher zu weben. Zu Risiken und Nebenwirkungen bietet der Band ausreichend Informationen!

Bei der Erstellung des Manuskripts und der Sammlung des Bildmaterials habe ich von Archiven, Museen, Bibliotheken und Einzelpersonen vielfältige Hilfe erfahren, wofür ich mich herzlich bedanke.

Pentling, im August 2014

“Nicht leicht ein anderes deutsches Land

kann sich solcher Ausdauer,
man möchte fast sagen Hartnäckigkeit,

in der Verfolgung des Zieles, die Seidenzucht
zu einem landesüblichen Betriebszweig zu machen,
rühmen wie Bayern.“

 

PROF. DR. CARL NIKOLAUS FRAAS (1810–1875), UNIVERSITÄT MÜNCHEN

Einführung

Die Seide, ein edles Gewebe, der Stoff der Könige, der Inbegriff von Luxus, war lange Zeit den Mächtigen und Reichen dieser Welt vorbehalten. Die chinesischen Kaiser schätzten den außergewöhnlichen Stoff mit seiner elastisch-weichen und glänzenden Beschaffenheit ebenso wie die Modeschöpfer unserer Zeit und ihre kapitalkräftige Kundschaft. Archäologen datieren die Anfänge der Seidenkultur in China bereits in die Jungsteinzeit, ins 3. Jahrtausend vor Christus.

Über Jahrhunderte war es den Chinesen gelungen, das Geheimnis der Seidenproduktion zu bewahren. Die kostbaren Seidenstoffe gelangten meist über die rund 8000 Kilometer lange Seidenstraße aus dem Reich der Mitte an die Küsten des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres. Diesen uralten Handelsweg quer durch Zentralasien kennzeichnen bedächtig dahinziehende Kamelkarawanen in der Wüste Gobi, karge tibetische Hochebenen, schneebedeckte Berge des Karakorum und geheimnisvolle Städte wie Taschkent und Samarkand, fremde Kulturen und Zeugnisse einstiger Macht und Pracht – aber auch Abenteuer und Gefahr. Die Seidenstraße war aber auch immer Inbegriff von Freiheit und dem Austausch zwischen verschiedenen Kulturen. Chinesen, Mongolen, Türken und Araber kontrollierten die einzelnen Abschnitte der weit verzweigten Handelsroute. Im Abendland gehörte das antike Rom zu den Hauptabnehmern chinesischer Seide.

Die Chinesen wussten um den Wert ihres Monopols und verboten bei Todesstrafe die Ausfuhr der Seidenraupe. Wollte man im Abendland selbst Seide herstellen, um die teuren Importe aus China zu vermeiden, mussten daher zunächst das Geheimnis der Chinesen gelüftet und die nützlichen Raupen beschafft werden. Dies gelang schließlich zwei persischen Mönchen aus der christlichen Sekte der Nestorianer um 550 n. Chr. unter dem byzantinischen Kaiser Justinian I. Sie hatten sich in China die nötigen Kenntnisse angeeignet und Eier der Seidenraupe wie auch Maulbeersamen in ihren ausgehöhlten Pilgerstäben nach Byzanz (Konstantinopel) geschmuggelt. Nach der ersten Jahrtausendwende entwickelte sich die Seidenraupenzucht von Griechenland ausgehend in Süditalien und Sizilien, in Frankreich und – durch die Araber – auch in Spanien. Aber noch im 15. Jahrhundert wurde, jetzt über den Seeweg, Seide aus China importiert, da diese als hochwertiger galt und europäische Fabrikate den Bedarf nicht decken konnten. Man importierte nun jedoch meist Rohseide, denn Arbeitskräfte zum Weben und Verarbeiten gab es genug.

Italien und Frankreich blieben vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit die wichtigsten Seidenproduzenten in Europa. In Italien etablierte sich die Seidenproduktion besonders in Lucca, in Frankreich entwickelte sich Lyon zum Zentrum.

„Mit Geduld, Müh’ und Zeit

wird ’s Maulbeerblatt zum Atlaskleid.“

SPRICHWORT

Die Seide

Unter den Textilfasern nimmt die Seide seit jeher eine Sonderstellung ein. Sie ist die einzige in der Natur vorkommende textile (Fast-)Endlosfaser und besteht hauptsächlich aus Protein. Die Faserdicke beträgt 12–25 µm (Mikrometer, 1 Millionstel Meter); zum Vergleich: Das menschliche Haar ist 6-mal stärker. Da der Einzelfaden sehr zart und nicht sonderlich reißfest ist, werden je nach gewünschter Verwendung drei bis sechs Einzelfäden miteinander versponnen.

Seide isoliert gegen Kälte und Wärme und kann ein Drittel ihres Gewichtes an Wasser aufnehmen. Die aus ihr gefertigten Kleidungsstücke tragen sich äußerst angenehm, sind passend für jedes Klima, jedes Land und jedes Wetter. Dabei können Seidenstoffe herrlich glänzend oder matt, naturfarben, weißlich oder in allen Farbtönen hergestellt werden, da sie sich sehr gut färben lassen.

Möglich sind reine, gemischte, gewebte, gestickte oder gehäkelte Stoffe jeder Qualität, vom zartesten Seidentüchlein über derben, gemusterten Brokat bis zum Seidenteppich. Die große Kunstfertigkeit der Seidenweber brachte in China und anderswo die kompliziertesten Muster und Farbstellungen hervor. Große Roben zeigen ihr charakteristisches, elegantes Rauschen. Gerne wird Seide auch für modische Schmucktextilien wie Blusen, Hauben, Bänder oder für Paramente verwendet. Die Stoffe sind sehr haltbar, neigen wenig zum Knittern und sind zudem unempfindlich gegen Mottenfraß. Kein Wunder also, dass sie stets sehr begehrt und ihrer Verwendung nur durch den hohen Preis gewisse Schranken gesetzt waren.

Haeussler_Abb

Abb. 1
Seide – der Stoff aus dem die Träume sind

In Anlehnung an das kostbare Material gilt im Sprachgebrauch ein Mensch „aus Samt und Seide“ als sanftmütig, edel und kostbar. So hörte man früher oft das in froher Studentenrunde gesungene Lied „Ein Heller und ein Batzen“ mit dem Schluss der letzten Strophe: „Ein Kerl wie Samt und Seide, nur schade dass er suff.“

Im 19. Jahrhundert gelang es, Kunstseide mit ähnlich guten Eigenschaften herzustellen. Für diese chemisch aus Polymerlösungen erzeugten Textilfasern ist der Sammelbegriff Rayon gebräuchlich. Umgangssprachlich werden auch Nylon und andere Polyamidfasern als Kunstseide bezeichnet.

 

 

Die Qualitätsbezeichnungen und Eigenschaften der Seide sind sehr vielgestaltig. Die wichtigsten und am weitesten verbreiteten sind dabei die folgenden:

Rohseide – nach dem Abhaspeln der Kokons gewonnene Seide, auch Grège genannt.

Reinseide – in Seifenlauge vom Seidenleim, dem Sericin, befreite Seide.

Strangseide – zu handlichen Portionen oder Zöpfen gebündelte Seide.

Floretseide – kurzfaserige Seide von den äußeren und inneren Schichten der Kokons, von beschädigten Kokons durch das Schlüpfen der Falter und von Abfällen in der Produktion, auch als Chappe / Schappe oder Flockseide bezeichnet, für einfachere, rauere Gewebe wie Socken, aber auch für Nähseide.

Organsin, Orgenzino – zwei- oder mehrfach gezwirntes, stark gedrehtes Garn, auch Gewebe mit mehrfach verzwirntem Kettgarn; fest, geschlossen und mit dezentem Glanz. Der Begriff Organza steht aber auch für feines, durchsichtiges Seidengewebe.

Tramé – Schussseide (quer gerichtete Fäden), feiner gezwirnt und weniger gedreht als Kettseide (Längsfäden); wirkt luftig, weich und geschmeidig, edel glänzend.

Crêpezwirn – zwei- oder mehrfach gezwirntes Seidengarn, sehr hoch gedreht für feste, dichte Stoffe mit typischem Kräuseleffekt.

Pedolette, Cuisir – Nähseide.

 

 

 

 

Je nach Webverfahren, Verzwirnung, der Verwendung verschieden starker Kett- und Schussfäden etc. ergeben sich die unterschiedlichsten Seidenqualitäten. Ohne näher auf die Feinheiten der Seidenherstellung einzugehen, sind hier nur die wichtigsten, in den verwendeten Quellen vorkommenden Begriffe genannt:

Atlas, Satin – dichte, geschlossene Oberfläche, dezent bis hochglänzender Seidenstoff.

Taft, Tafent, Taffet – einfache und enge Bindung, leichtes, glattes Seidenzeug mit mattem Glanz und typischem Rauschen und Knistern; Kette aus Organzin, Schuss aus Tramé.

Gros de Tours – schwerste und hochwertigste Art des Tafts.

Chiffon, Gaze, Tüll – feines, leichtes, netzartig-durchsichtiges Gewebe aus stark gedrehten Kreppgarnen.

Crêpe-Georgette-Seide – ganz aus hochgezwirntem Seidengarn gefertigt, zart, durchscheinend. Der Krepp-Charakter entsteht durch unterschiedlich gedrehte Kett- und Schussfäden.

Crêpe de Chine – teilweise aus hochgezwirntem Garn, weich und glänzend, besonders für Modeartikel.

Habotai-Seide – feine, glatte Webstruktur, besonders für die Seidenmalerei geeignet.

Damast – Gewebe mit durch die Webart erzeugten großen Mustern (auf Atlasgrund).

Brokat, Brocadelle – Gewebe mit Mustern aus eingewebten Gold- und Silberfäden (die reichen Stoffe).

Flor – veraltet für Gaze, heute Fadenenden, die vom Grundstoff abstehen, auch für Samtgewebe.

Halbseide – Gewebe aus Seide und einer anderen Faser (Baumwolle, Leinen), z. B. Satinade, halbseidener Atlas.

 

 

Schon im Mittelalter gab es in Bayern wie in ganz Deutschland eine bedeutende Seidenverarbeitung. Vor allem Krefeld entwickelte sich zum Zentrum der deutschen Seidenindustrie, seit sich dort 1656 die Mennonitenfamilie des Adolf von der Leyen niederließ. In Krefeld gibt es auch ein Haus der Seidenkultur mit einem sehenswerten Museum und einem Industriedenkmal zur Seidenverarbeitung.

Die weltweit größten Seidenproduzenten sind heute traditionell natürlich nach wie vor die ostasiatischen Staaten China, Indien und Japan. Ein weiterer Großproduzent ist Brasilien.

Der Seidenspinner

Lieferant des kostbaren Materials ist die Raupe des Seidenspinners Bombyx mori (Seidenwickler, Seidenschmetterling, Maulbeerspinner), ein im östlichen Asien beheimateter nachtaktiver Schmetterling.

Der Seidenspinner durchläuft während seines Lebenszyklus vier Stadien – vom Ei über die Raupe zur Puppe und schließlich zum Schmetterling. Im Frühjahr, wenn die Blätter des Weißen Maulbeerbaumes Morus alba, ihre Hauptnahrung, austreiben, schlüpfen aus den Eiern die nackten Raupen. Dabei fressen die Tiere, auch Seidenwürmer genannt, nur die weichen Blattteile, ca. 50 % der Blattmasse; das Gerüst der Blätter lassen sie zurück. Nach vier bis sechs Wochen Fraßtätigkeit, nur unterbrochen durch viermaliges Häuten, ist die Raupe bei einer Länge von 7–9 cm ausgewachsen und beginnt sich einzuspinnen. Aus Spinndrüsen am Mund sondert sie zwei Speichelfäden ab, die sich zu einem Seidenfaden verfestigen. Innerhalb von drei bis vier Tagen spinnt sie sich in einem Kokon1, einer Schutzhülle, ein und erzeugt dabei mit ihren Spinndrüsen den Seidenfaden. Im Kokon verpuppt sie sich anschließend. Innerhalb von zwei Wochen vollzieht sich dann die Metamorphose, der Gestaltswandel von der Puppe zum fertigen Imago, dem Schmetterling. Beim Ausschlüpfen des Schmetterlings aus dem Kokon wird allerdings der wertvolle Seidenfaden weitgehend zerstört. Der unscheinbar mehlig graue Falter hat eine Flügelweite von 40–45 mm. Seit Tausenden von Jahren zur Seidenproduktion genutzt, ist er der einzige zum „Haustier“ gewordene Schmetterling. Aus dem Reich der Insekten wird lediglich die Honigbiene auf ähnliche Weise genutzt. Zur Weiterzucht wurden dabei immer die größten Kokons ausgewählt, wobei man Kokons mit männlichen und weiblichen Puppen äußerlich gut unterscheiden kann. Diese Auslesezüchtung führte dazu, dass der domestizierte Falter nicht mehr flugfähig ist und in der freien Natur nicht bestehen kann.

Haeussler_Abb

Abb. 2:
Seidenspinnerweibchen inmitten ihres Eigeleges

Seine kurze Lebensdauer nutzt der Schmetterling ohne Nahrungsaufnahme nur zur Fortpflanzung. Die Verbreitung des Sexualduftstoffs (Pheromons) Bombykol zum Anlocken der Männchen besorgt das Weibchen durch Flügelschwirren. Nach der Paarung im Frühsommer legt es 300–500 mohnkorngroße, leicht abgeflachte, blassgelbe Eier, meist als Raupeneier oder Brut bezeichnet. Nachdem die Falter mit Paarung und Eiablage ihre Aufgabe zur Arterhaltung erfüllt haben, sterben sie innerhalb weniger Wochen. Soweit der natürliche Lebenszyklus des Seidenspinners.

Haeussler_Abb

Abb. 3:
Der Seidenspinner in seinen vier Entwicklungsstadien Ei, Raupe, Puppe und Schmetterling

Die Seidenzucht

Um durch gezielte Zucht die begeh rte Seide zu produzieren, sind erhebliche Eingriffe in den natürlichen Lebenszyklus erforderlich. Dabei gilt es, die Lebensbedingungen des Seidenspinners so zu optimieren, dass er in möglichst kurzer Zeit ein Höchstmaß an Seide bester Qualität produziert.

Bei kühlen Temperaturen sind die eingetrockneten Eier beliebig lange lagerfähig. Im Frühjahr werden die Eier angefeuchtet und in kleinen Behältern bebrütet, um das Ausschlüpfen der Raupen zu beschleunigen. Das Bebrüten der Eier war schon in der Antike üblich, wobei Frauen die Eier in kleinen Säckchen unter der Kleidung, auf dem Busen oder unter den Achseln trugen bzw. nachts mit unter die Bettdecke nahmen. In der Neuzeit geschieht dies in Brutkästen bei zunächst 10–15 °C, später bei 20–25 °C. Nach ca. acht Tagen schlüpfen die winzigen, ca. 3 mm langen Räupchen, die sofort einen nahezu unstillbaren Appetit entwickeln. Das Ausbrüten der Eier erfolgt zeitlich zweckmäßigerweise in Abstimmung mit dem Austrieb der Maulbeerbäume.

In luftigen Räumen auf hölzernen Stellagen oder Regalen untergebracht, erhalten die Raupen nun zu drei bis fünf Mahlzeiten pro Tag frisch gepflückte Blätter des Weißen Maulbeerbaumes. Als Nahrung kommen zwar auch Blätter des Schwarzen Maulbeerbaumes und der Eiche in Frage, hochwertige Seide entsteht jedoch nur, wenn die Lieblingsspeise der Raupe, die Blätter des Weißen Maulbeerbaumes, zur Verfügung steht. Da die jungen Tiere die ganzen Blätter nicht anschneiden können, müssen diese fein geschnitten werden. Dabei genügen für eine Charge von z. B. 20 000 Raupen anfangs 250 g Blätter, während in der fünften Woche ca. 750 kg Blätter nötig sind. Die ausgewachsene Raupe wiegt 3,5 bis 4 g. Ihr Anfangsgewicht hat sich damit auf das 8000-Fache erhöht. Da die Chitinhülle der Raupen nicht mitwächst, häuten sie sich um den vierten, elften, 17. und 25. Tag. Nach der letzten Häutung fressen die Raupen nahezu ununterbrochen, um sich um den 32. Tag ihres Lebens einzuspinnen.

Haeussler_Abb

Abb. 4:
Seidenspinnerraupen, 21 Tage alt, auf Maulbeerblättern

Die Seidenraupen sind übrigens sehr anspruchsvoll und reagieren empfindlich auf ungünstige Einflüsse. Wichtig sind eine gleichmäßige Raumtemperatur und trockenes Futter. Chinesischem Volksglauben nach müssen sie vor Nässe und Schmutz bewahrt werden, außerdem sollen sie weder Lärm, Tränen, starke Gerüche noch schwangere Frauen vertragen. Noch heute gilt, dass Frauen bei der Betreuung der Seidenraupen weder rauchen, sich schminken noch Knoblauch essen dürfen.

Gefährlich ist für die Raupen auch die Flecksucht oder Pébrine-Krankheit2, eine durch Sporozoen der Gattung Nosema verursachte parasitäre Erkrankung, welcher durch gute Hygiene vorgebeugt werden kann.

Haeussler_Abb

Abb. 5
Hürdengestelle zur Aufzucht der Seidenraupen

Haeussler_Abb

Abb. 6
Hürdengestell mit Spinnhütten aus Reisig

Ausgewachsen hat die Raupe einen durchscheinenden Körper. Sie stellt das Fressen ein und beginnt sich einzuspinnen. Sie verankert sich dazu mit Seidenfäden in bereitliegendem Reisig bzw. in Spinnhütten aus Stroh oder Zweigen, in der Neuzeit auch in speziellen „Igeln“ aus Kunststoff, wobei den Raupen möglichst viele Befestigungspunkte geboten werden. Jetzt beginnt die eigentliche Produktion der Seide: Das aus zwei Spinndrüsen an der Unterlippe abgesonderte proteinhaltige Sekret, das Fibroin, erhärtet an der Luft sofort und bildet einen hauchdünnen, wasserunlöslichen Faden. Die Seide besteht im Wesentlichen aus vier Aminosäuren: Alanin, Glycin, Serin und Tyrosin. Durch Kopfbewegungen in Form einer Acht und durch Drehen spinnt sich die Raupe innerhalb von vier Tagen in einem Kokon ein, um anschließend einzuschlafen und zur Puppe zu werden. Die eiförmigen, weiß bis gelblich gefärbten Kokons sind drei bis vier Zentimeter lang bei einer Fadenlänge von 3000 bis 4000 m. Davon sind aber nur ca. 1000 m der Mittelschicht gute Seide, während die äußere wirre Fadenschicht, die Flockseide, und der Innenteil keinen regelmäßigen Faden liefern. Für 1 kg Rohseide benötigt man ungefähr 7–9 kg Kokons, das sind ca. 4000 Stück.

Herstellung der Seide

Vor dem Abhaspeln des Seidenfadens muss die Puppe im Kokon mit Dampf oder heißem Wasser abgetötet werden, denn beim Schlüpfen des Falters wird der Kokon von innen durch Enzyme aufgeweicht, durchbohrt und dabei der lange Faden zerstört. Tierschützern in Seidenkleidern ist diese Tatsache wohl nicht bewusst.

Nachdem die wirre äußere Faserschicht von den Kokons abgebürstet und der Fadenanfang gefunden ist, kann das Abhaspeln in der sog. Filanda beginnen. Die Kokons schwimmen dabei in heißem Wasser, wobei sich schon etwas vom Seidenleim (Serizin) löst. Die Fäden werden auf Haspeln aufgewickelt, getrocknet und als Rohseide in Strängen (Zöpfen) gebündelt. Für die weitere Verarbeitung im sog. Filatorium werden durch Filieren und Doublieren (Drehen, gemeinsames Aufwickeln) und Verzwirnen (Wahl von Drehzahl und Drehrichtung) je nach gewünschter Fadenstärke drei bis acht Kokonfäden zu einem Faden vereinigt. Auch dies geschieht in noch feuchtem Zustand, damit sich die Einzelfäden innig miteinander verbinden. Vor der weiteren Verarbeitung im Webstuhl, zum Teil aber auch am fertigen Gewebe, erfolgt dann das vollständige Entbasten in einer heißen Seifenlösung. Dabei wird der Seidenleim oder Seidenbast völlig entfernt, wodurch die Seide ihre weiße Farbe, Glanz und Geschmeidigkeit erhält. In der Neuzeit wird sie häufig chemisch weiter veredelt.

Haeussler_Abb

Abb. 7
Durchschnittener Kokon mit Puppe

Da die Zucht der Seidenraupen früher meist im häuslichen Bereich erfolgte, wurden die Kokons zur weiteren Verarbeitung an dafür eingerichtete Betriebe (Filanda, Filatorium) abgegeben.

 

 

Einige, häufig erscheinende Fachbegriffe aus der Seidenproduktion sollen vorab noch erläutert werden:

Magnanerie – Seidenraupenzuchtanstalt, nach der provençalischen Bezeichnung magnan für ver de soie, wörtlich „Seidenwurm“.

Filanda – Nach ital. filo = Faden (pl. fili), Gerät zum Abhaspeln des Seidenfadens vom Kokon auf eine Haspel.

Filatorium Nach ital. filatoio = Spinnmaschine zum Verzwirnen mehrerer Seidenfäden zu der gewünschten Fadenstärke, auch Spinnmühle (Moulinage) genannt.

Incanatorium – Gerät zum Aufspulen, nach ital. incannare = spulen, aufspulen. Letzter Verarbeitungsschritt vor dem Weben.

 

Haeussler_Abb

Abb. 8:
Maulbeerblätter, Raupe und Kokons im Naturkundemuseum Ostbayern, Regensburg

Haeussler_Abb

Abb. 9:
Strangseide, ca. 170 Gramm

Der Weiße Maulbeerbaum

Die Raupe des Seidenspinners ist in ihrer Ernährung auf die Blätter der Maulbeere aus der Familie der Maulbeergewächse Moraceae spezialisiert. In der Seidenzucht steht der Weiße Maulbeerbaum Morus alba deutlich im Vordergrund, denn nur er garantiert Seide von höchster Feinheit. Er ist in China heimisch und dort seit 4500 Jahren in Kultur. Im Mittelmeergebiet wird er seit dem 11. Jahrhundert kultiviert; im Jahr 1340 soll er erstmals in die Toskana gekommen sein. 1416 erscheint er in Rovereto in Oberitalien. Der Schwerpunkt der Morus-Kultur lag in der Folgezeit am Nordsaum der Mittelmeerländer. In Deutschland dürften die ersten Pflanzungen im 16. Jahrhundert erfolgt sein. Jakob Theodor Tabernaemontanus (1522–1590), ein bedeutender Botaniker des 16. Jahrhunderts, hat in seinem „Neu Vollkommen Kräuterbuch“, Erstausgabe 1588, die Weiße Maulbeere Morus alba beschrieben und abgebildet.

Haeussler_Abb

Abb. 10:
Der Weiße Maulbeerbaum im „Neu Vollkommen Kräuterbuch“ des Botanikers Jakob Theodor Tabernaemontanus (1522–1590), Ausgabe Basel 1664

Haeussler_Abb

Abb. 11:
Zweig des Weißen Maulbeerbaumes mit den typisch glänzenden Blättern ...

Haeussler_Abb

Abb. 12:
... und mit ungeteilten und buchtig-gelappten Blättern

Haeussler_Abb

Abb. 13:
Weiße Maulbeere mit brombeerartigen weißen bis hellrosafarbenen Früchten ...

Der Weiße Maulbeerbaum bevorzugt geschützte Lagen; strenge Winter können ihm, vor allem in den Jugendjahren, erheblich zu schaffen machen. Auf die Frostempfindlichkeit von Morus alba wird in botanischen Werken stets hingewiesen. Für diese von Seidenzucht-Enthusiasten gerne verdrängte Tatsache sollte in Bayern und anderswo über die Jahrhunderte viel Lehrgeld gezahlt werden.

Haeussler_Abb

Abb. 14
... und Sorten mit dunklen, schwarzroten Früchten in verschiedenen Reifestadien

Die sommergrüne Maulbeere wächst als Baum mit einer Wuchshöhe bis zu 15 Metern, sie wird aber auch als Strauch oder Hecke genutzt. Die Triebe sind relativ dünn, die Blätter 6–18 cm lang, eiförmig-zugespitzt, mit ungleich grob gesägtem Rand. Die Blattoberseite ist meist glatt und kahl, die Nerven sind an der Blattunterseite häufig behaart, die Blattstiele ca. 2,5 cm lang. Ein besonderes Kennzeichen ist die variable Blattform, wobei an ein und demselben Baum zugleich ungeteilte und buchtig-gelappte Blätter vorkommen. Kennzeichnend ist auch ein weißlicher Milchsaft. Die männlichen Blütenstände sind 2–4 cm lange, hängende Kätzchen, die weiblichen stehen in runden oder ovalen Köpfchen. Die Weiße Maulbeere trägt brombeerartige, 1–2,5 cm lang gestielte, weißliche bis rosafarbene Fruchtstände. Es gibt aber auch Sorten mit dunkel schwarzroten Früchten. Die weißlichen Früchte schmecken eher fade, dunkle Früchte sind im Geschmack kräftiger. Das gelbliche Holz ist leicht und dauerhaft, es eignet sich gut für Drechsler- und Tischlerarbeiten.

Die Schwarze Maulbeere

Morus nigra, die Schwarze Maulbeere, in Westasien heimisch und für die Seidenzucht weniger gut geeignet, wurde schon in biblischer Zeit in Kanaan kultiviert, wohin sie wahrscheinlich aus dem Norden Persiens kam. Sie trägt purpurfarbene, bei voller Reife dunkel schwarzrote Fruchtstände und kam wahrscheinlich ihrer schmackhaften, brombeerartigen Früchte wegen schon vor der weißen Art nach Mitteleuropa. Die saftigen Früchte fallen bei beiden Arten während der verzettelten Abreife nach und nach vom Baum und sind wegen der geringen Haltbarkeit keine Marktfrüchte. Im Mittelalter stellte man aus den Früchten auch Saft und Wein her. Die bittere Wurzel diente darüber hinaus als Arzneimittel.

Der Schwarze Maulbeerbaum ist größer und robuster als die Weiße Maulbeere. Kennzeichnend sind – im Gegensatz zu Letzterer – die oberseits rauen, unterseits auf der ganzen Fläche fein behaarten Blätter und die kurz gestielten bis sitzenden Früchte.

„Es lässt sich nicht von allem Flachs

feine Seide Spinnen.“

SPRICHWORT

Seidenzucht in Bayern

Innerhalb Deutschlands kommt Bayern das Verdienst zu, sich als erstes Land für die Seidenzucht interessiert zu haben. Bei der Schilderung dieser Anstrengungen ist es allerdings zweckmäßig, hier und da auch einen Blick in die Nachbarländer zu werfen bzw. die gesamtdeutschen Entwicklungen mit einzubeziehen.

Die Seidenzucht ist zweifelsohne Bestandteil der Wirtschafts- und Kulturgeschichte Bayerns. Über Jahrhunderte hielten die diesbezüglichen Bemühungen an. Wie die Entwicklung zeigt, hing der Erfolg jedoch nicht am sprichwörtlichen „seidenen Faden“; die Aktionen waren vielmehr von Anfang an auf lange Sicht aussichtslos.

Erste Meldungen im Mittelalter