Zum Buch

 

Lübeck, einstiger Hauptort des mächtigen Hansebundes, ist noch immer eine faszinierende Stadt. Die Gründung Heinrichs des Löwen und der Schauenburger Grafen war Ausgangs- und Stützpunkt der deutschen Ostkolonisation sowie Drehpunkt des Handels über die Ostsee. Kaiser Friedrich II. gewährte Lübecks Bürgern bereits 1226 die Reichsunmittelbarkeit. Im Rathaus, in dem die Mitglieder der Hanse tagten, wurde über Krieg und Frieden entschieden. Lübecker Recht hatte in rund 100 Städten Gültigkeit.

Die Kleine Stadtgeschichte gibt Gästen einen raschen Einblick und erinnert Bewohner an die große Vergangenheit und kulturelle Verpflichtung, die nicht zuletzt in der Auszeichnung der Altstadt als UNESCO-Welterbe zum Ausdruck kommt.

 

 

 

Zum Autor

 

Konrad Dittrich, B. A., geb. 1947, ist freiberuflich als Journalist und Autor tätig. Seit 1978 berichtet er aus Lübeck für Zeitungen und Agenturen. Er hat mehrere Bücher über Norddeutschland sowie über Griechenland verfasst.

Konrad Dittrich

Lübeck
Kleine Stadtgeschichte

Verlag Friedrich Pustet

Regensburg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6030-8 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2596-3

 

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Vorwort

Königin der Hanse, Freie Reichsstadt, Stadt der Sieben Goldenen Türme, Stadt der Buddenbrooks und dreier Nobelpreisträger, UNESCO-Welterbe, Hort der Backsteingotik – Lübeck hat viele Ehrentitel. Obwohl die Kriege Wunden geschlagen haben, bieten viele Straßenzüge der von Wasserläufen eingefassten Altstadtinsel noch immer ein Bild großer Geschlossenheit. Die Stadt ist Touristenmagnet für Kurzurlauber. Vorbei sind die Zeiten, da im Rathaus auf den Hansetagen nicht nur über Wirtschaftsfragen, sondern oftmals auch über Krieg und Frieden diskutiert wurde. Dennoch klingen die alten Zeiten an, wenn die Stadtführer Tagesbesucher durch das Rathaus, die Wohngänge oder die berühmten gotischen Gotteshäuser führen, und wie zur Blütezeit der Hanse erklingen in den Kirchen die Orgeln, an denen einst Dietrich Buxtehude präludierte und zusammen mit Besuchern wie Georg Friedrich Händel oder Johann Sebastian Bach musizierte. Zu alten kulturellen Aktivitäten sind neue getreten: Das Schleswig-Holstein Musik Festival hat hier seinen Sitz, und die Nordischen Filmtage bieten seit einem halben Jahrhundert ein Festival des skandinavischen und baltischen Films. Aber schließlich lebt man nicht im Museum.

Lübeck ist stolz auf berühmte Söhne und Töchter. Dazu zählen der einstige Bundeskanzler Willy Brandt, der im Dezember 1913 in einem Arbeitervorort das Licht der Welt erblickte, sowie Gustav Radbruch, Justizminister der Weimarer Republik. Jedem Literaturfreund fallen Heinrich und Thomas Mann ein, aber auch der Liederdichter Emanuel Geibel, die frühe Kämpferin für Frauenrechte, Ida Boy-Ed, Schauspieler wie Erich Ponto, Günther Lüders und Horst Frank, die Malerin Maria Slavona, Sängerin und Ordensfrau Isa Vermehren, der Begründer der Halleschen Stiftungen, August Hermann Francke, und mehrere Mitglieder der Rabbinerfamilie Carlebach sind zu nennen. Die Zeit bleibt nicht stehen: Hochschulen – Medizinische Universität, Musikhochschule, Fachhochschule – haben einen herausragenden Ruf. Schiffslinien verbinden die Stadt mit anderen Ostseeanrainern. Lübeck ist nicht zuletzt eines der beliebtesten Ziele für Tagesbesucher im norddeutschen Raum.

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Abb. 1: Lübecks Altstadt ist von Wasserläufen umgeben, seit 1900 tatsächlich eine Insel. Im Zentrum erhebt sich die Marienkirche, links am Bildrand die 1994 vollendete Musik- und Kongresshalle.

 

Zu Lübecks Geschichte gibt es zahlreiche Einzeldarstellungen, seit langem aber keinen Gesamtüberblick. Eine »kleine Stadtgeschichte« kann nicht auf jede Einzelheit eingehen, die berichtenswert wäre. Sie kann vieles nur andeuten. Das eigene Forschen erhält dadurch womöglich Anregungen, wie sie zum Beispiel auch die Jahresbände des verdienstvollen »Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde« bieten. Auf jeden Fall stimmt ein Satz, den der aus Kiel stammende frühere Bürgermeister Dr. Robert Knüppel formulierte: »Diese Stadt macht den vernünftigsten Menschen im Handumdrehen zum Lübecker.«

Lübeck, im Frühjahr 2014

Konrad Dittrich

Gründungen, Geburtswehen, Aufstieg

Alt-Lübeck in der Niederung

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, ehrt ihren Gründer, feiert ihre Jubiläen. Lübeck kann gleich mit mehreren Gründungen aufwarten. Die einstige »Königin der Hanse« hat zudem nicht nur einen Stadtgründer, sondern deren zwei: Graf Adolf II. von Schauenburg und Welfenherzog Heinrich den Löwen. Graf Adolf gründete den wichtigen Ostseehafen im Jahre 1143, der Löwe 16 Jahre später zum zweiten Mal. Nicht genug damit: Wesentlich älter ist eine Siedlung, 7 km vom späteren Stadtzentrum entfernt, die in den Geschichtsbüchern »Alt-Lübeck« genannt wird. Von ihr übernahm die spätere Stadt den Namen, die eingedeutschte Form des slawischen Liubice.

Alt-Lübeck entstand als Siedlung mit Herrscherburg auf einer Landzunge am Zusammenfluss zweier Flüsse, der Trave, die den Zugang zur Ostsee herstellte, und der Schwartau. Hier wurde Handel getrieben, lebten Handwerker, bemühten sich christlich gesonnene slawische Fürsten um die Verbreitung des neuen Glaubens. Aber der Ort lag ungeschützt im flachen Land. Mehrere Male wurde Liubice von See her überfallen und geplündert.

Die politische Lage in Nordelbien, im Nordosten des deutschen Reiches, war über Jahrhunderte von blutigen Auseinandersetzungen zwischen heidnischen Slawen und christlichen Sachsen bestimmt. Karl der Große, der die Sachsen zum Christentum bekehrte, wollte die Grenzen durch neue Marken schützen. Spätere Herrscher verfolgten ähnliche Ziele. Die Grenzen waren offen, Kämpfe zwischen Sachsen, die mit den Deutschen gleichgesetzt wurden, und Slawen verwüsteten und entvölkerten weite Landstriche. Durcheinander geraten waren die Stämme bei der Völkerwanderung. Ostgermanen zogen nach Westen und Süden, Angeln und Sachsen zum Beispiel in das von den Römern aufgegebene Britannien. Slawische Stämme, die insgesamt auch als Wenden bezeichnet werden, rückten nach. Im westlichen Mecklenburg, bis zur Trave hin, siedelten die Obotriten (Abotriten). Rund um Oldenburg lag das Gebiet der Wagrier. Südlich Lübecks, in der Gegend von Ratzeburg, waren die Polaben sesshaft geworden. Als Grenzlinie nennt Erzbischof Adam von Bremen in seiner »Hamburgischen Kirchengeschichte« 1070 den Limes Saxoniae. Dieser Limes teilte das heutige Schleswig-Holstein in Nord-Süd-Richtung, führte vom Meer bis an die Elbe. Östlich dieser Linie siedelten die heidnischen Wenden, westlich des Limes die christlich gewordenen Stormarner, Holsten und Dithmarscher.

Der Limes Saxoniae war keine exakte Linie, schon gar keine Mauer. Es war ein nicht genau definierter Landstreifen, in dem und an dem die Geschicke hin und her wogten. In der erwähnten Chronik des Bremer Erzbischofs begegnet uns erstmals der Name Liubice (Alt-Lübeck). Der kleine Ort am Ende des Fernhandelsweges Lüneburg-Bardowick-Ratzeburg sollte Bedeutung für die Wendenmission bekommen. In der Burg von Alt-Lübeck residierte in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, bis 1066, ein christlicher Obotritenfürst namens Gottschalk. An seinem Schicksal lässt sich die Situation des Christentums in Nordelbien gut aufzeigen.

Ein frühchristliches Familienschicksal

Gottschalks Vater Uto, slawisch Pribignew, wagte nicht, sich offen zum neuen Glauben zu bekennen. Seinen Sohn aber schickte er auf die Klosterschule im niedersächsischen Lüneburg. Als Uto um 1028 von einem sächsischen Adligen erschlagen wurde, vergaß Gottschalk seine christliche Erziehung und rief die Stammesgenossen zur Rache an den Christen auf. Gottschalks Mannen unternahmen grausame Streifzüge. Sachsenherzog Bernhard nahm Gottschalk gefangen, schenkte ihm aber das Leben. Gottschalk begleitete Dänenkönig Knut den Großen (1014–1035) auf dessen Feldzügen in England. Unter dem Einfluss der Dänen wandte Gottschalk sich wieder einer christlichen Politik zu. Mit Hilfe der Dänen wurden einige obotritische Stämme im Grenzland besiegt. Gottschalk wurde in die Rechte seines Vaters eingesetzt. Er schloss ein Bündnis mit dem seit 1043 amtierenden Erzbischof Adalbert von Bremen und Hamburg, der sich die Mission im Wendenland zum Ziel gesetzt hatte. Die von Gottschalk erweiterte Anlage Alt-Lübeck wurde Stützpunkt der Mission. Spätestens um 1050 wurde innerhalb des Ringwalls eine Feldsteinkirche errichtet, deren Grundmauern bei den seit 1852 erfolgten Ausgrabungen gefunden wurden.

Unter Gottschalks tatkräftiger Führung entwickelte sich der kleine Hafen zu einer Konkurrenz für Haithabu bei Schleswig. Am dänischen Hof genoss der Obotritenfürst Ansehen. König Sven Estridsen gab ihm seine Tochter Sigrid zur Frau. Gottschalk half um 1060 dem Erzbischof, das frühe, zwischenzeitlich von Slawen verwüstete Bistum Oldenburg neu zu errichten. In dem dünn besiedelten Gebiet hat sich die Diözese nie recht entfalten können. Größere Blüte erlangten die neuen Bistümer Ratzeburg und Mecklenburg. Im eigenen Volk stie-ßen Gottschalks Missionsbemühungen auf wenig Gegenliebe. Seine Stammesgenossen nahmen ihm ferner die guten Beziehungen zu Sachsen und Dänen übel.

Zu neuen Kämpfen kam es 1066. Hamburg wurde verwüstet, ebenso das Land um Oldenburg. Rund 1000 christliche Märtyrer starben in Wagrien, darunter 60 Priester, die verstümmelt und gefesselt durchs Land getrieben wurden. In Ratzeburg wurde am 15. Juli 1066 Abt Ansverus mit seinen Klosterbrüdern umgebracht. Der erneute Versuch einer Missionierung der Slawen endete wie ähnliche Bemühungen zuvor in einer Katastrophe. Während eines Gottesdienstes am 7. Juni 1066 in der Kirche zu Lenzen an der Elbe wurde Fürst Gottschalk ermordet. Die Siedlung Alt-Lübeck fiel den Flammen zum Opfer. Seine Frau Sigrid konnte sich mit den Söhnen Buthue (Bodivoj) und Heinrich nach Dänemark retten. Treibende Kraft hinter den Aufständen war Obotritenfürst Kruto, der in Oldenburg und auf dem späteren Lübecker Stadthügel Buku Burgen unterhielt. Von dort aus hatte er Alt-Lübeck in der Ebene gut im Blick. Kruto konnte seine Macht über weite Teile des Obotritenreiches ausdehnen.

Unterdessen wuchsen die Söhne Gottschalks am dänischen Hof heran. Natürlich war ihnen als Erziehungsziel vorgegeben, den Vater zu rächen und sein Erbe zu erringen. Buthue, der ältere Sohn, kam 1071 bei der Belagerung einer Burg Krutos ums Leben. Besser erging es seinem Bruder Heinrich zwei Jahrzehnte später: Er war zu einem Fest auf der Burg Plön geladen, an dem auch Kruto teilnahm. Angeblich wollte dieser sich des Konkurrenten durch List entledigen, da er ihn in offener Schlacht nicht besiegen konnte. Berauscht soll Kruto beim Fest aufs Lager gesunken sein, wo ein dänischer Knecht ihn mit der Streitaxt erschlug. Heinrich heiratete die junge Witwe des Obotritenfürsten, Slawina, die angeblich ihres wesentlich älteren Gatten überdrüssig war. Mit Unterstützung von Sachsenherzog Magnus und mit Hilfe der Holsten und Stormarner besiegte Heinrich die Anhänger Krutos 1093 bei Schmielau, unweit von Ratzeburg.

Heinrich errichtete die Residenz seines Vaters Gottschalk neu. Der alte Ringwall wurde durch einen höheren ersetzt und zusätzlich mit Palisaden verstärkt. Dieser Burgwall umschloss keine große Siedlung. Man schätzt das von ihm umschlossene Areal auf 100 m im Durchmesser. Nachgewiesen sind außer Burg und Kirche Blockbauten, Wege und Zäune.

Neue Erkenntnisse über Alt-Lübeck brachten in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Grabungen des dänischen Archäologen Hellmuth Andersen. Mit Hilfe der Dendrochronologie konnte er das Alter der verwendeten Hölzer bestimmen. Sie gehen zurück bis ins Jahr 817. Insgesamt lassen sich die Funde in Alt-Lübeck zwei Siedlungsperioden zuordnen, einer frühslawischen Siedlung des 9. und einer spätslawischen des 11. Jahrhunderts. Die Burg lag praktisch auf einer Insel, seit ein künstlich angelegter Graben die beiden Flüsse Trave und Schwartau verband. Außerhalb dieser Insel und zu Füßen der Burg hatten sich Handwerker, Fischer und Händler angesiedelt, die Waren von der See auf den Landweg umluden und umgekehrt. Zwischen 500 und 1000 Menschen mögen hier in ruhigen Zeiten gelebt haben. Nachdem Heinrichs Macht gefestigt war, nahm er die Missionspläne seines Vaters wieder auf. Erzbischof Adalbero II. (1123–1148) schickte den sächsischen Missionar Vicelin ins Land. Vicelin stammte aus Hameln an der Weser, 1126 besuchte er in Alt-Lübeck Heinrich, der sich inzwischen »König der Wenden« nannte. Aber die Pläne, Alt-Lübeck zum Ausgangspunkt neuer Missionsbemühungen zu machen, zerschlugen sich, als Heinrich am 22. März 1127 von heidnischen Priestern erschlagen wurde. Vicelin zog sich ins Kloster Faldera, das spätere Neumünster, zurück. Allerdings schickte er zwei seiner Mitbrüder als Priester nach Alt-Lübeck, wo Heinrichs Sohn Sventipolk die Nachfolge angetreten hatte.

 

HINTERGRUND

 

Ein slawischer Name

An der Stelle des heutigen Lübeck stand in slawischer Zeit die Burg Buku. Auf den neuen Ort an dieser Stelle wurde nach 1143 der Name des untergegangenen Alt-Lübeck, Liubice, übertragen, zunächst Lubeke geschrieben, später eingedeutscht. Der Name Liubice wird in älteren Geschichtswerken als »Die Liebliche« gedeutet. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass Liubice ebenso gut vom slawischen Vornamen Ljub oder Ljuba abgeleitet sein könnte, dem die deutsche Endung -ici oder -ice angehängt wurde. Dann würde der Siedlungsname die Nachfahren eines Stammesfürsten dieses Namens meinen oder, noch romantischer, die Angehörigen einer slawischen Fürstin. Die Schreibweisen Liubice, Lubike, Lubika, Lubeka ließen sich durch niederdeutschen Einfluss erklären, denn »bek« oder »beke« bedeuten Bach. Eine weitere Deutung, die im 15./16. Jahrhundert viele Befürworter fand, leitet sich vom polnischen Liubice = Krone her. Damit wurde auf die Führungsrolle Lübecks in der Zeit der Hanse hingewiesen. So sang man damals: »Lubeke, aller Steden schone, van rieken eren dragestu de Krone« (Lübeck, aller Städte schöne, von reichen Ehren trägst du diese Krone). Kaiser Wilhelm II. nannte Lübeck bei einem Besuch im Jahre 1891 die »deutscheste aller deutschen Städte«. Das einzige, was wirklich fest steht: Der Name Lübeck ist nicht germanischen Ursprungs.

 

Friede war nicht in Sicht. Die deutsche Reichsmacht konzentrierte sich auf den Süden Europas. Die Grenzregion im Norden geriet erst später, mit dem Aufblühen des Seehandels, in den Blickpunkt des Interesses. Auf das offen im flachen Land liegende Alt-Lübeck sind weitere Angriffe verübt worden. Dabei zeichneten sich die wilden Ranen, die Bewohner der Insel Rügen, aus. 1129 verwüsteten sie die Siedlung, die ihr Anführer Race 1138 endgültig zerstörte. In den feuchten Niederungen wuchs Gras über die alten Geschichten aus der Zeit des ersten Lübeck.

Graf Adolf als Stadtgründer

Eine neue Phase der Entwicklung an der deutschen Nord-Ost-Grenze setzt mit der Erhebung Lothars von Süpplinburg zum Herzog der Sachsen ein. 1106 wurde Lothar Nachfolger von Herzog Magnus, 1110 belehnte er die Grafen von Schauenburg, deren Stammschloss bei Rinteln an der Weser lag, mit den Grafschaften Holstein und Stormarn. Auf Adolf I. folgte 1130 Adolf II., der im Grenzland ein Fernhandelszentrum gründen wollte. Er entschied sich 1143 gegen Alt-Lübeck und für den Hügel, auf dem Kruto seine Burg hatte. Die Flüsse Trave und Wakenitz umgreifen hier einen etwa zwei Kilometer langen, damals von Buchenwald bestandenen Hügel. Lediglich im Norden bei der Burg Krutos gab es eine Landverbindung, die sich leicht schützen ließ. Das neue Lübeck, auf das die alte Bezeichnung Liubice beziehungsweise Lubeke übertragen wurde, lag einige Meter über dem Meeresspiegel, war dadurch vor Hochwasser geschützt. Die Entfernung zur See betrug auf dem gewundenen Lauf der Trave 24 km, über Land fast 10 km weniger. Die Trave hatte für damalige Schiffe genügend Tiefgang. Der Platz war schon von der Lage her geradezu zum Erfolg bestimmt.

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Abb. 2: Jahrhundertelang wurde in Lübeck gebaut. Dieser Holzschnitt stammt aus der Weltgeschichte »Rudimentum Novitiorum« des Lucas Brandis.

 

Über die Vorgänge in Wagrien und im Lübecker Gebiet sind wir durch die sog. Slawenchronik des Bosauer Priesters Helmold (ca. 1120–1177) gut unterrichtet. Helmold war Schüler Vicelins, wurde um 1150 Mönch in Neumünster (Faldera), kam nach Bosau am Plöner See. Hier verfasst er seine Cronica Slaworum, in der er die Ereignisse bis 1171 schildert. Er beschreibt darin u.a. die für die Entwicklung wichtigen Werbemaßnahmen des Schauenburger Grafen: »Da das Land verlassen war, schickte der Graf Boten nach Flandern und Holland, Utrecht, Westfalen und Friesland, dass jeder, der zu wenig Land hatte, mit seiner Familie kommen sollte, um den schönsten, geräumigsten, fruchtbarsten, an Fisch und Fleisch überreichen Acker nebst günstigen Weidegründen zu erhalten. Den Holsten und Stormarnern ließ er sagen: Habt ihr euch nicht das Land der Slawen unterworfen und es mit dem Blute eurer Brüder und Väter bezahlt? Warum wollt ihr als Letzte kommen, es in Besitz zu nehmen? Seid die Ersten, wandert in das liebliche Land ein, bewohnt es und genießt seine Gaben, denn euch gebührt das Beste davon. Darauf brach eine zahllose Menge aus verschiedenen Stämmen auf, nahm Familien und Habe mit und kam zu Graf Adolf.« Woher sie kamen, lässt sich an Familiennamen erkennen. Westphal, Westfehling, Fehling deuten auf Vorfahren in Westfalen hin, Reimers, Reimer, Reimann, Rinsche auf Menschen vom Rhein. Sass oder Sasse hatten Vorfahren in Sachsen. Die Flemmings stammen aus Flandern, die Familien Holst oder Hülst aus dem benachbarten Holstein.

Die neue Stadt des Grafen entwickelte sich zu einem erfolgreichen Handelsplatz. Aber noch immer herrschte kein Friede. 1147 drangen feindliche Schiffe des Obotritenfürsten Niklot in die Trave ein. Sie hatten sich für ihren Überfall die Nacht nach dem Johannisfest ausgesucht und überraschten die Bürger im Schlaf. Zwar wurde von der Burg ein Reiter in die civitas der Kaufleute und Handwerker geschickt, um die Bürger zu wecken. Trotzdem vernichteten die Obotriten zahlreiche Schiffe im Hafen. Die aus Holz gebauten Häuser fingen Feuer. An die 300 Menschen, so berichtet Helmold, fanden den Tod. Niklot belagerte zwei Tage lang die Burg, konnte sie aber nicht einnehmen. Lubeke wurde wieder aufgebaut. Graf Adolf errichtete in der Nähe der Travemündung einen Wachturm, um Feinde früher auszumachen. Handel und Handwerk, Fischerei und Landwirtschaft erholten sich von Niklots Überfall.

Heinrich der Löwe als neuer Stadtherr

Der wirtschaftliche Erfolg der neuen Stadt war bald so groß, dass der Lehnsherr der Schauenburger Grafen, Welfenherzog Heinrich der Löwe (1129–1195), das am Rückgang seines Handelsplatzes Bardowick zu spüren bekam. Bardowick liegt am linken Elbeufer, unweit von Lüneburg. Salz war damals ein begehrter Artikel. Große Mengen des weißen Goldes wurden benötigt, um den nordischen Hering zu konservieren, der in christlichen Landen als Fastenspeise gefragt war. Hering wurde in den Laichgründen vor Rügen und Schonen massenweise gefangen und eingesalzen auf die Märkte geschickt. Da es in Skandinavien kein Steinsalz gibt, wurde über Lübeck Salz exportiert, das aus den Salinen von Lüneburg kam. Inzwischen aber waren in Oldesloe in der Nähe Lübecks Salinen erschlossen worden, so dass die Lübecker den umständlichen Weg nach Lüneburg nicht mehr brauchten.

 

BIOGRAFIE

 

Adolf II.

Lübecks Stadtgründer, Graf Adolf II. von Schauenburg, tritt 1130 unvermittelt in die Geschichte ein. Manche halten 1130 für sein Geburtsjahr. Andere Werke nennen das Jahr 1128. Beides kann nicht stimmen, weil Adolf dann als Kind Lübeck gegründet, vor allem sich mit dem mächtigen Sachsenherzog Heinrich dem Löwen gestritten hätte. Die Chronisten interessierten sich nicht für seine Jugend, weil er als Herrscher nicht vorgesehen war. Sein Vater Adolf I. schickte ihn zum Studium ins Kloster. Regieren sollte später der Erstgeborene, Hartung. Der starb unerwartet 1126. Dadurch wurde Adolf ins politische Leben geholt. Am 13. November 1130 stirbt der Vater, der Unerfahrene tritt die Nachfolge an. Die erste Schlacht im Spätsommer 1131 gegen die Dänen misslang gründlich. Schuld wird seinen Soldaten gegeben, die vor dem Feind Reißaus nahmen. Adolf rettete sich, indem er die Eider durchschwamm. Seinen Wohnsitz nahm er auf der Burg von Segeberg.

Seine bedeutendste Tat war die Gründung Lübecks auf dem Hügel Buku 1143. Wegen der neuen Kaufleute- und Hafenstadt hatte er Streit mit Heinrich dem Löwen. Schließlich gab Adolf nach, er war stets zuverlässige Stütze des sächsischen Herrschergeschlechts. Da er Verhandlungslösungen kriegerischen Auseinandersetzungen vorzog, war er gegen den von Bernhard von Clairvaux propagierten Kreuzzug gegen die Wenden. Die Folgen des Beschlusses bekam er zu spüren. Obotritenfürst Niklot, der von dem Vorhaben erfahren hatte, brannte 1147 Lübeck nieder. Adolf war Heerführer, als Heinrich der Löwe 1164 zum Rachefeldzug rüstete. Bei Gefechten am Kummerow-See in Mecklenburg wurde Adolf II. am 6. Juli 1164 tödlich verwundet. Nach dem Bericht des Chronisten Helmold von Bosau brach Heinrich in Tränen aus, als er vom Tod Adolfs erfuhr und sorgte dafür, dass der Leichnam im Dom zu Minden neben dem des Vaters beigesetzt wurde. Adolf III., des Grafen einziger Sohn, folgte ihm als Herscher nach.

 

Herzog Heinrich verlangte von Graf Adolf II. die Abtretung der Stadt Lübeck oder doch 50 Prozent der Einnahmen. Der Graf lehnte ab. Als Antwort belegte Heinrich die Stadt mit einem Handels- und Marktverbot. Die Oldesloer Salinen ließ er zuschütten. Lübecks Kaufleute forderte er auf, in eine von ihm neu gegründete Stadt umzuziehen. Diesem Ort gab Heinrich den Namen Löwenstadt. Er lag einige Kilometer wakenitzaufwärts und wurde, wirtschaftlich gesehen, ein Flop. Die Wakenitz war zu flach für größere Schiffe. Ladungen von See mussten auf Kähne umgeladen oder lange Strecken über Land befördert werden. Aus der Konkurrenz zu Lübeck wurde jedenfalls nichts.

Da traf den Handelsplatz des Grafen eine neue Katastrophe: Große Teile wurden 1157 ein Raub der Flammen. Stadtbrände waren damals, als hauptsächlich mit Holz gebaut wurde, keine Seltenheit. Die Kaufleute wandten sich an Herzog Heinrich und fragten, ob sie mit einer Aufhebung der Handelsverbote rechnen konnten. Es hätte sich sonst nicht gelohnt, die Stadt wieder aufzubauen. In dieser Situation einigten sich Herzog und Graf. Adolf gab nach und überließ Heinrich den Siedlungsplatz zwischen Trave und Wakenitz. Lübeck entstand neu, wurde praktisch zum zweiten Mal gegründet, diesmal von Heinrich dem Löwen, der seine Löwenstadt so schnell aufgab, dass heute nicht sicher ist, wo genau sie eigentlich gelegen hat.

Heinrich förderte die neue Stadt großzügig. Er erlaubte den Kaufleuten, einen Rat zu bilden, der die eigenen Angelegenheiten regelte, verlieh dem Ort Münz- und Zollrechte, nahm die Schifffahrt unter seinen Schutz und gestattete den Kaufleuten aus Gotland, Partnern der Lübecker, in seinen übrigen Territorien Handel zu treiben. Mit Dänemark erfolgte reger Warenaustausch; Heinrich der Löwe und Dänenkönig Waldemar I. kamen gut miteinander aus.

Im Jahre 1149 war der bereits erwähnte Prediger Vicelin zum Bischof von Oldenburg ernannt worden. Der durch häufige Überfälle fast bedeutungslos gewordene Ort war nicht das Richtige für einen begabten Kirchenpolitiker. So verlegte Vicelin seine Residenz nach Eutin. Vicelins Nachfolger Gerold bat 1160 den Welfenherzog, seinen Bischofssitz ins aufstrebende Lübeck verlegen zu dürfen. Herzog Heinrich konnte das nur recht sein, wertete es doch die Bedeutung seiner jungen Stadt auf. 1163 wurde in Anwesenheit Heinrichs und des Bremer Erzbischofs Hartwig der Grundstein für ein oratorium, ein hölzernes Bethaus gelegt, Vorgängerbau des Domes. Im gleichen Jahr starb Bischof Gerold.

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Abb. 3: Der Braunschweiger Löwe vor dem Lübecker Dom erinnert daran, dass Welfenherzog Heinrich den Grundstein zu diesem Gotteshaus legte.

 

Auf der Ostseite der Stadt, zur Wakenitz hin, gründete Bischof Heinrich, der Nachfolger Gerolds, 1177 das Benediktinerkloster St. Johannis. Mönche wurden aus dem Aegidien-Kloster Braunschweig berufen. Damals war die Aufteilung der Stadt klar umrissen. Die landesherrliche Burg bewachte den Zugang zum Stadthügel im Norden. In entgegengesetzter Richtung, nach Süden, waren der Dom und die Kurien entstanden. Die civitas, die Bürgersiedlung, befand sich dazwischen, im heutigen Bereich von St. Petri und dem Markt, wo eine der Gottesmutter Maria geweihte Kirche entstand. Der älteste Hafen lag zu Füßen der Kaufleutestadt, wahrscheinlich zwischen Alf- und Braunstraße, beim Straßenzug An der Untertrave. Eventuell wurden die Schiffe in der Frühzeit etwas weiter südlich be- und entladen, unterhalb des Petrihügels. Unter Heinrich dem Löwen könnte der Hafen weiter traveabwärts entstanden sein. Nach der Errichtung einer ersten Holstenbrücke konnten die Schiffe nur in den nördlichen Teil einlaufen. Helmold erwähnt neben der civitas ein Forum, eine Gruppe öffentlicher Gebäude.

 

HINTERGRUND

 

Johannes auf dem Sande

Den Grundstein zum Backsteindom legte Heinrich der Löwe 1173. Da diese Backsteinkirche eine lange Bauzeit erfordern würde, war schon um 1170 eine Kapelle errichtet und dem Evangelisten Johannes geweiht worden. Sie trug den Namen »Johannes auf dem Sande«. Die merkwürdige Bezeichnung rührt von einer hellen Sandschicht her, die seit der letzten Eiszeit weite Teile des Stadthügels bedeckte und bis zu fünf Meter mächtig war. Die Kapelle diente während der Bauzeit des Domes als Provisorium. Auf dem Stadtstich von Elias Diebel (1552) ist ihr die Bezeichnung »Erste Kirche in Lübeck« beigegeben. Es war das erste aus Stein errichtete Gotteshaus. Als der Bau später nicht mehr genutzt wurde, verfiel er, stürzte 1648 teilweise ein und wurde 1652 abgebrochen.

Kaiserlicher Besuch