ZUM BUCH

 

Als Delegierter des Bayerischen Roten Kreuzes betreute Carl-August Graf von Drechsel im Ersten Weltkrieg den Frontabschnitt hinter Verdun. Ihm unterstanden zahlreiche Ärzte, Schwestern, Pfleger und Helfer, dazu die Mannschaften mehrerer Lazarettzüge. Allein die Bayerische Armee hatte im Verlauf des Krieges über 400 000 Verwundete zu versorgen.

Drechsels privates Tagebuch gewährt einen direkten Einblick in das Räderwerk der Kriegsmaschinerie – aber aus der Sicht der verletzten Soldaten. So liefert es ein faszinierendes Dokument der Rotkreuzarbeit, und zugleich ein Sittengemälde aus den letzten Jahren der bayerischen Monarchie.

 

 

ZUM AUTOR

 

CARL-AUGUST GRAF VON DRECHSEL (1874–1963), Dr. iur. utr., war als Rotkreuz-Delegierter fast über die gesamte Kriegsdauer hinweg an der Westfront im Einsatz und führte während dieser Zeit Tagebuch. Sein Vater Karl war Präsident des Landeskomitees der freiwilligen Krankenpflege, sein Sohn Max-Ulrich wurde 1944 als einer der Mitverschwörer des 20. Juli hingerichtet.

 

 

ZUM HERAUSGEBER

 

STEFAN SCHOMANN, geb. 1962, arbeitet als freier Autor und Journalist, u. a. für GEO, Die Zeit und die FAZ. 2013 erschien seine umfassende Geschichte des Roten Kreuzes „Im Zeichen der Menschlichkeit“.

 

 

»So geht das Morden täglich weiter«

 

 

 

 

 

 

 

Erinnerungen des Rotkreuzdelegierten Carl-August Graf von Drechsel

1914–1919

 

 

herausgegeben von Stefan Schomann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6044-5 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2632-8

 

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„Ich schreibe nur, um mich wach zu halten.“

Aus dem Tagebuch der Rotkreuzschwester Helene Mierisch von 1914

Vorwort

von Stefan Schomann

Wohl zu keiner Zeit wurden in Europa so viele Tagebücher begonnen wie im August 1914. Ihre Autoren eint das Bewusstsein, dass nun Geschichte geschrieben würde, und sie nehmen sich vor, ihren Beitrag daran festzuhalten. Der Krieg ist das große Novum, ein düsteres Abenteuer.

Auch für Carl-August Graf von Drechsel wird das Tagebuch zu einem wichtigen Halt im Wirbel des Kriegsgeschehens, zum Partner eines stummen Zwiegesprächs. Als Delegierter des Bayerischen Roten Kreuzes betreut er einen etwa 50 Kilometer langen Abschnitt hinter der Westfront, auf halber Strecke zwischen Metz und Verdun. Ihm unterstehen zahlreiche Ärzte, Schwestern und Pfleger, dazu die Mannschaften mehrerer Lazarettzüge, eines Desinfektionszuges sowie einer Sanitätshundeabteilung. Seine Aufzeichnungen gewähren einen detaillierten Einblick in die Abläufe der Rotkreuzarbeit und in das gigantische Getriebe des Krieges. Im Hinterland der Front werden die Helfer Zeugen von Geschehnissen, von denen die meisten Soldaten wenig mitbekommen. Ungeschönt schildert Drechsel die Lage der geschundenen Bevölkerung im besetzten Gebiet oder die prekären Machtverhältnisse in einer gespaltenen Stadt wie Metz.

Auch wenn die Rotkreuzkräfte meist in vermeintlich sicherem Abstand zur Kampfzone stationiert sind, geraten sie doch fast regelmäßig unter Beschuss. Das Schutzzeichen, das die vom Roten Kreuz initiierte Genfer Konvention weltweit etablierte, erweist sich oft genug als wirkungslos. Die Kriege wie auch die Politik des 20. Jahrhunderts sind mit den noch nahezu idyllisch erscheinenden Verhältnissen des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu vergleichen. Mit brachialer Gewalt führt der Erste Weltkrieg ein neues Zeitalter herbei, in dem die tradierte Ordnung, für die Graf Drechsel exemplarisch steht, keinen Bestand mehr hat.

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Abb. 1:
Carl-August Graf von Drechsel in Rotkreuz-Uniform mit seiner Gattin

 

Er entstammt einer alten Oberpfälzer Adelsfamilie, die ihren Sitz auf Schloss Karlstein bei Regenstauf hat. 1874 geboren, leitet Carl-August, studierter Jurist und Doktor beider Rechte, bis Kriegsausbruch die Güter der Familie. Während er selbst nicht aktiv nach öffentlicher Geltung strebt, sind andere Mitglieder der Familie landesweit bekannt geworden: Sein Vater Karl amtierte über zwei Jahrzehnte hinweg als Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes, hatte zahlreiche politische Ämter inne und zählte zu den führenden Repräsentanten der Monarchie. Hugo Graf von und zu Lerchenfeld, ein Cousin seiner Frau, war dann in den 1920er-Jahren bayerischer Ministerpräsident, dazu Außen- und Justizminister. Das heute bekannteste Mitglied der Familie ist Carl-Augusts Sohn Max-Ulrich, der, geprägt vom christlich-humanistischen Geist des Elternhauses, 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet worden ist.

Auch Drechsels Kriegstagebuch besaß zunächst rein privaten Charakter. Jahrzehnte später ließ er seine Aufzeichnungen abtippen und einige Exemplare im Familienkreis verteilen. Eine Veröffentlichung hat er jedoch nie angestrebt, daher musste es für die vorliegende Publikation noch redigiert werden. Die damals gebräuchliche Rechtschreibung wurde weitgehend beibehalten, der Text gekürzt und stilistisch behutsam überarbeitet. Das komplette Typoskript kann bei näherem Interesse im Rotkreuzmuseum Regenstauf eingesehen werden.

Der dortige Museumsleiter, Gerhard Hofbauer, war die treibende Kraft bei der Herausgabe des Tagebuches. Stellvertretend für die Familie hat Ferdinand Graf von Drechsel die Publikation begleitet und tatkräftig unterstützt.

Der Bericht fügt sich ein in eine ganze Reihe bemerkenswerter Selbstzeugnisse, die während des Ersten Weltkriegs aus der Arbeit des Roten Kreuzes hervorgegangen sind. Er lässt die seelische Zerreißprobe erahnen, die sich zwischen den gesellschaftlichen Verpflichtungen und dem freiwilligen Sanitätsdienst auf der einen und dem auch in Zeiten eines weltumspannenden Krieges fortdauernden Streben nach Glück und Seelenfrieden auf der anderen Seite abgespielt hat. Und er führt das grundlegende Dilemma vor Augen, welches das Rote Kreuz von Beginn an begleitet hat: den Widerspruch zwischen der Ausrichtung an den politischen Zielen des jeweiligen Staates und den Idealen einer übergeordneten Humanität.

 

 

 

 

 

Tagebuch des Rotkreuzdelegierten Carl-August Graf von Drechsel

I. Tage der Entscheidung
1914

Kriegsbeginn

„Wir stehen vor einem furchtbaren Abgrund, über den hinüberzukommen nur ganz wenig Aussicht besteht“, rufe ich aus, als am 31. Juli 1914 abends der Zustand der Kriegsbereitschaft verkündet wird. Bis dahin wollte ich nicht an die Möglichkeit eines Krieges glauben; all die unheilschwangeren Vorzeichen, der grausame Mord von Sarajewo, das Ultimatum an Serbien, hatten mich noch nicht abgebracht von der Überzeugung, daß ein europäischer Krieg heutzutage nicht mehr möglich sei. Und nun stehen wir am Vorabend dieses fürchterlichsten Ereignisses!

Wie wirkt mein Leben im Rückblick so sonnig, froh und glücklich, wie schwinden die bisherigen Sorgen in unbedeutende Abendwolken gegen diese tiefschwarze Gewitterwand, die sich vor uns auftürmt. Wie empfinde ich jetzt erst ganz, welchen Schatz ich an meiner Frau und an meinen Kindern besitze. Wie erscheint mir das alte Schloß, das waldumrauschte Tal so lieb und heimlich – und nun soll der Kriegssturm dies alles hinwegwehen! Tiefbekümmert gehen wir zur Ruhe. Am 1. August erwache ich zum ersten Mal mit dem Gefühl des auf uns lastenden Alps.

Am Morgen wandere ich nach Kirchberg. Ich lege eine Lebensbeichte ab und suche den einzig möglichen Trost am Tisch des Herrn. Wenn alles wankt, diese Stütze bleibt bestehen. Dann gibt es tagsüber viel Geschäftliches zu besprechen, der Inspektor kommt herüber, die Möglichkeit einer feindlichen Invasion muß ins Auge gefaßt werden. Ich entwerfe eine Liste der wertvollsten Sachen, auf deren Rettung man bedacht sein sollte. Die wichtigsten Gutsakten stecken wir in ein Faß und bergen sie in der dicksten Dickung des Fuchsschübels!

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Abb. 2
Die Familie um 1925: Marie-Wilhelmine, Max-Ulrich, Helene, Vater Carl-August, Karl-Ludwig, Mutter Caroline

 

Meine eigene Zukunft ist mir auch recht unklar. Wohl habe ich mich seit sechzehn Jahren zur Übernahme einer Delegiertenstelle beim Roten Kreuz verpflichtet, aber die Dienstbücher sind bisher im hintersten Winkel des Bücherschrankes verstaubt. Jedenfalls will ich mich sofort zur Verfügung stellen. Gegen Abend wandere ich mit Karlitz [Kosename seiner Frau Karoline] und den Kindern hinauf auf die Drackensteiner Höhe, wo man weit das ganze Land übersieht. Rings eine herrliche Ernte in vollem Gang. Alles arbeitet fieberhaft, wer weiß, was der morgige Tag bringen wird!

Die beiden großen Kinder merken, daß es sich um etwas Ernstes handelt und sind ziemlich still, die beiden kleinen aber ahnungslos lachend und heiter. Alle die bekannten Gesichter der Dorfbewohner schauen uns fragend an, ob wir eine neue Kunde haben. Noch ist ja der Mobilmachungsbefehl nicht ergangen, vielleicht wird doch noch eine friedliche Lösung gefunden? Wir haben uns eben zum Abendessen gesetzt, da telefoniert es: „Der Mobilmachungsbefehl ist ergangen, alle Gemeinden sind sofort zu verständigen.“

Jetzt gibt es kein Zurück mehr! In tiefernsten Gesprächen verbringe ich den Abend mit meiner lieben Frau. Da liegt unser friedliches Familienleben zerbrochen vom Weltorkan am Boden, unser Heim wie Millionen andere. Endlich löst sich weher Schmerz in bittere Tränen. Dann gewinne ich etwas mehr Ruhe; noch am späten Abend lege ich meinen letzten Willen nieder und ordne meine Papiere.

Sonntag, der 2. August: erster Mobilmachungstag! In Kirchberg vor dem Wirtshaus eine unbeschreibliche Aufregung, in der Kirche dann überall verhaltenes Schluchzen. Die Predigt des Pfarrers geht zu Herzen, so aufmerksame Zuhörer hat er selten gehabt. Der Tag vergeht mit unendlich viel Besprechungen, Ordnen, Packen. Am Abend wandern wir wieder über die Felder zum Forstenberg, die Kinder helfen Kornmandln [Getreidegarben] aufladen und lachen und spielen dabei.

Inzwischen ist mein Entschluß gefaßt: Am nächsten Morgen mit dem letzten fahrplanmäßigen Zug nach München fahren. Ein letzter Abend bei meinen Lieben – wie möchte ich jedes noch so ganz besonders segnen! Und dann kommt die wehe Stunde des Abschieds, wir wollen es möglichst kurz machen. Nur Karl-Ludwig geht noch mit bis zum Forstenberger Kreuz, dort beten wir, und ich umarme ihn unter Tränen. Da wird auch er weich und schwenkt noch, so lange er mich sehen kann, sein grünes Hütl. Mein lieber großer Bub – welche Zukunft wird dir beschieden sein?

In Regenstauf strömt alles zu Fuß zur Bahn, die meisten Wagenpferde mußten bereits abgeliefert werden. Wo man hinhört Abschied von Gatten, Vätern, Söhnen, Brüdern! Am Bahnhof ist eine Bürgerwache postiert, ebenso an den Regensbrücken. Im Ort ist schon Blut geflossen: Einer der Wächter hat sein Gewehr unvorsichtig gehandhabt, ein Schuß ging los – den Nachbarn hat es gottlob nur das Ohrläppchen gekostet, und der Wartesaal hatte ein Kriegsmerkmal! Es gehen die wildesten Gerüchte: gesprengte Brücken, vergiftete Wasserleitungen, feindliche Flieger über Nürnberg. Ein gegnerisches Lager soll im Bayerischen Wald entdeckt worden sein, und bei Pettenreuth wurde ein nicht näher festzustellendes Flugzeug gesichtet. Von der Post wurde an Förster Gumbert telefoniert, er solle es abschießen, etwa wie ein Rebhuhn!

Der Landsturmschein1 ersetzt die Fahrkarte. In Neufahrn erreiche ich den letzten fahrplanmäßigen Schnellzug, der fast leer nach München fährt. Dort ist alles militärisch abgesperrt, unglaubliche Mengen von Gepäck stauen sich, das Heer der Sommerfrischler eilt bestürzt heimwärts. Heinrich v. Spreti als stellvertretender Bahnhofskommandant empfängt mich freundlich.

Die Eltern sind eben erst zur Kur nach Aibling abgefahren, Papa noch sehr behindert vom Gelenksrheumatismus, der ihn seit Wochen plagt. In ihrem Haus in der Brienner Straße 4 sind die Leute bestürzt und ratlos; geradezu komisch der alte Kutscher Ferdinand, der mir Vorwürfe machen will, als ich ihm sage, unsere Pferde müßten genauso gut wie alle anderen zur Musterung.

Ich eile ins Büro des Roten Kreuzes in der Finkenstraße 3. Dort wird mir der enttäuschende Bescheid, daß meine Delegiertenstelle nur als Ersatz gedacht sei, wenn ein anderer Herr ausfalle. So bitte ich um eine beliebige Büroarbeit.

Auf Schritt und Tritt begegnet man Bekannten, zum Teil in alten Uniformen, aber alle voll Tatendrang. Schließlich lande ich bei Freybergs, wo ich mitfühlende Herzen finde. Maritzl natürlich in fieberhafter Erregung und gespickt mit den abenteuerlichsten Erzählungen: Die Franzosen seien durch die Schweiz im Allgäu eingefallen, heißt es. Die Sage von der Vergiftung der Münchener Wasserleitung hat gerade Panik verursacht. Jede größere Frau gerät unter Spionageverdacht, da man einen verkleideten Mann vermutet. So mußten sich Walburga Lerchenfeld und Hilda Aretin auf der Polizei ausweisen. Als Gustav Adelmann als Chevauxlegersrittmeister mit langem, grauem Vollbart sich nicht gleich legitimieren konnte, wies er auf seine Uniform. Darauf der Schutzmann: „Die Uniform ist recht, aber der Kopf paßt nicht dazu!“ Schon verschwinden alle fremdsprachigen Aufschriften; zahlreiche Hotels ändern ihre Namen. Neben großzügiger Begeisterung macht sich auch viel kleinliche Ängstlichkeit bemerkbar.

Am 4. August bin ich zum Frühstück bei Sodens, um die Vettern Alfred und Josef vor ihrem Ausmarsch noch zu sehen. Es herrscht eine weiche, bewegte Stimmung. Alfred läßt seine Frau mit fünf kleinen Kindern zurück, das sechste ist unterwegs. Die Erzieherin erklärt stolz, sie sei neutrale Belgierin – um tags darauf zu erfahren, daß auch ihre Heimat mit uns im Kriege stehe.

Wieder im Landeskomitee, erhalte ich Bescheid, daß ich bis auf weiteres in der Delegiertenabteilung bei Baron Lupin als Hilfsarbeiter eingestellt bin. So kann auch ich meinen winzig kleinen Teil beitragen im Riesenbetrieb des beginnenden Weltkrieges.

Das bayerische Landeskomitee

Das Landeskomitee, durch meinen Vater für mich seit Jahrzehnten ein Begriff,2 hat im Frieden drei mäßig große Zimmer als Büroräume innegehabt. Nun befindet sich hier die Zentrale für die umfassende Kriegstätigkeit des Roten Kreuzes für ganz Bayern. Neue Büros müssen konstituiert und mit Hilfsarbeitern und Schreibkräften versehen werden. Es herrscht eine fürchterliche Enge; dabei kommen immerfort Leute mit dringenden Anliegen und vertraulichen Fragen. Glücklicherweise steht bald die andere Halbwohnung mit weiteren drei Zimmern zur Verfügung, und im Parterre wird noch eine Wohnung dazugemietet.

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Abb. 3
Würdenträger: Karl Graf von Drechsel-Deuffstetten, der Vater des Autors, Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes, um 1890

 

Mit Baron Lupin finde ich mich schnell zurecht und gewinne sein Vertrauen, vielleicht durch meine ziemlich großen Personalkenntnisse, die nützlich verwendet werden können, um beim ersten großen Andrang die Spreu vom Weizen zu scheiden. Neben den ehrlichen Hilfskräften gibt es allerhand Abenteurer, die hoffen, unter dem Schutz des Roten Kreuzes Geschäfte machen und möglichst viel in der Welt herumfahren zu können. Unsere Hauptaufgabe ist, die schon zur Friedenszeit bestimmten Delegierten einzuberufen, sie mit den nötigen Aktenkästen, Dienstbüchern, Wagen, Pferden, Personal, eiserner Ration zu versehen, sie zu instruieren und in Marsch zu setzen.

Da tauchen zum ersten Mal die neuen Felduniformen auf: Georgiritter feldgrau mit hellblauen Aufschlägen, Malteser hechtgrau mit schwarzem Samt, Johanniter grau mit roten Patten und dem Ordenskreuz darauf. Dieser erste Aufmarsch der Delegierten hat ein tragisches Opfer gefordert. Ein älterer Oberst war für die Krankentransportabteilung bestimmt. Bei der Mobilmachung fing er an, die ungezählten im Lauf der Jahre eingelaufenen Deckblätter in die Eisenbahnordnung einzukleben. Nach drei Tagen sah er das Vergebliche seines Bemühens ein, kam zu uns und teilte uns mit, er könne den Posten nicht antreten. Alles Zureden unsererseits half nichts; er blieb ablehnend; wir mußten daher seinen Ersatzmann einberufen. Da redete sich der unglückliche Mann ein, er sei dadurch fahnenflüchtig geworden, und in der Nacht darauf erschoß er sich. Er war wohl schon vorher geistig nicht ganz normal gewesen.

Da mein Vater wenigstens einige Wochen die Kur in Aibling gebrauchen soll, führte Exzellenz v. Landmann zunächst den Vorsitz und außerdem das Mobilmachungsreferat. In der Form manchmal etwas kurzangebunden, aber klar und bestimmt, ist er mir von Anfang an sympathisch. Generalleutnant Ratzinger hat das arbeitsreichste Referat: Kolonnen- und Rettungswesen. Bei ihm geht es zu wie in einem Taubenschlag. Eine große Arbeitskraft, mitunter militärisch barsch, daher von manchen eher gefürchtet. Doch auch mit ihm stehe ich bald auf gutem Fuß. Regierungsrat Krais führt die Depotabteilung mit Genie, weiß überall Quellen aufzudecken und leitet die Sammeltätigkeit in geordnete Bahnen. Trotz seiner scharfen Zunge hat er überall Freunde und ist immer orientiert. In der Lazarettabteilung ist Generalarzt Helferich ein liebenswürdiger Vorstand. Es entstehen noch weitere Abteilungen: für die Presse, für Unterstützungswesen, für Gefangenenfürsorge. In unsere Delegiertenabteilung nehmen wir Ende August, da die Arbeit sich mehrt, Wenzel v. Deym auf. Die Kanzlei hat der bewährte Obersekretär Rittinger unter sich. Mit Ausnahme des Unterpersonals arbeiten alle Herren ehrenamtlich.

Die ersten Kriegstage in München

Die gewaltigen Ereignisse kommen überstürzend: Die unvergeßliche Reichstagssitzung, in welcher die Kriegskredite einstimmig genehmigt werden und der Kaiser das schöne Wort prägt „ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur mehr Deutsche“; unser Einmarsch ins neutrale Belgien, daraufhin die Kriegserklärung Englands an uns; die verdächtige Haltung des Dreibundgenossen Italien; die Einnahme der gewaltigen Festung Lüttich in wenigen Stunden; das Auftauchen der legendären „dicken Berta“, der kein Wall und kein Panzerfort standhält – man fühlt sich mitgerissen vom mächtigen Schritt der Geschichte.

Die Kriegsnachrichten sind überall angeschlagen und dicht umlagert, die Zuversicht wächst mit jedem Tag. Unsere alten Offiziere im Landeskomitee ziehen Vergleiche mit 1870: „Damals ging es auch so, ein Sieg reihte sich an den anderen.“ Unausgesetzt ziehen die Reservisten und Landwehrmänner in langen Reihen herein von der Bahn, noch im bürgerlichen Gewand, prächtige Burschen in der ledernen Wichs aus dem Gebirge, kräftige, schwerfällige Bauern aus der Ebene, Handwerksleute, Studierte, Angehörige aller Berufe. Es ist ein endloses Grüßen und Winken, und der Gesang will bis in die Nacht hinein nicht verstummen. Neue Melodien werden schnell zu Volksliedern: „Die Vöglein im Walde, die singen so wunderschön – in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn.“ Oder: „Wir fürchten nicht den Donner der Kanonen, ob er uns gleich zum Untergange droht.“ In der Kirche drängen sich die Feldgrauen zum Tisch des Herrn, darunter so manche, die schon lange nicht mehr den Weg dorthin gefunden haben. Dazu die vielen Kriegstrauungen, die den Inhalt eines ganzen Lebens für so manche auf wenige schmerzlich-süße Stunden beschränken.

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Abb. 4
Bekleidung und Ausrüstung in der freiwilligen Krankenpflege waren durch die Dienstanweisung genau geregelt. Wobei durch Engpässe in der Ausstattung schon ab 1915 so mancher Kompromiss in Kauf genommen werden musste.

 

Da und dort treffe ich einen Freund, der auch bald fort muß, und so manchem drücke ich da zum letzten Mal die Hand. So Otto de la Rosée, der in den ersten Wochen gefallen ist, ebenso wie seine Brüder Rudolf und Emanuel, auch Karl Moreau, eben jungverheiratet, am Beginn einer schönen Laufbahn.

Die Truppen werden nachts nach Laim hinausgeführt und dort verladen, so daß keine Gelegenheit zu öffentlichen Verabschiedungen ist. Es macht einen tiefernsten Eindruck, wenn mitten in finsterer Nacht endlose Kolonnen die Straßen hinabziehen. Wie viele von ihnen werden zurückkehren? Wieviele als Krüppel? Alle Schulen und viele öffentliche Gebäude sind in Kasernen verwandelt worden, überall wimmelt es, und nach des Tages Mühen klingen vaterländische Lieder in den Sommerabend. Man hört den Pulsschlag einer großen Zeit.

Zwei neue Waffen kommen schnell zu großer Bedeutung: Flugzeug und Automobil. Von Letzterem sausen unzählige tagein, tagaus mit schrillen Signalen durch die Straßen und erhöhen so die kriegerische Stimmung. Nach dem naßkalten Juli haben strahlend wolkenlose Tage eingesetzt, vor unserem Büro blühen noch ein paar Akazien. Sie duften so süß, daß man die Augen schließen und sich zurückträumen möchte in die gute alte Zeit, die nun endgültig zu Grabe getragen wird.

Ein großer Trost ist es für mich, daß Freund Heini Aretin aufgetaucht ist. Er wirkt zwar sehr unglücklich über sein Kommando zur Ersatz-Eskadron, aber allabendlich kommt er, und dann sprechen wir unsere Hoffnungen und Befürchtungen aus. Er, der nichts erwarten kann, meint, in einigen Wochen würde alles entschieden sein, und wir zwei kämen wohl nicht mehr aus München heraus. Ich rechne bis zum Spätherbst, länger aber gewiß nicht. Oft wandern wir dann zu Sodens, wo die arme Tante sich in Sorge um ihre Söhne zermartert. Man legt jetzt alle Bücher beiseite und liest in den blutigen Schriftzügen der Weltgeschichte.

Der Fall von Lüttich am fünften Mobilmachungstag stellt ein so unerhörtes Ereignis dar, daß von nun an ein felsenfestes Vertrauen zu unserer Heeresführung Platz greift. Bald nach Lüttich fällt Namur, dann die Festung Maubeuge, und mit rasender Eile gelingt der Vormarsch durch Belgien. Freilich ist der Feind ins Oberelsaß und nach Lothringen eingedrungen. Unsere Heeresberichte sagen zwar nicht die Unwahrheit, doch sie verschweigen manches, und erst allmählich lernt man, zwischen den Zeilen zu lesen. So erscheinen die Kämpfe um Mühlhausen daheim als bedeutende Erfolge, während tatsächlich dort vieles nicht geklappt hat und kostbares Blut umsonst geflossen ist. Aus Lothringen vernimmt man von kleinen Gefechten, in denen namentlich bayerische Regimenter sich rühmlich hervorgetan haben. Wobei man eben auch zum ersten Mal vom Heldentod guter Bekannter hört.

Am 22. August sitze ich vormittags im Büro. Da dringt das Rauschen einer großen, sich stauenden Volksmenge herauf, mit Hochrufen und Musik. An den Häuserreihen erscheinen Fahnen über Fahnen. Ich eile hinüber zum Wittelsbacher Palais. Auf dem Balkon die königliche Familie. Der König hat eben mitgeteilt, daß der Kronprinz in Lothringen einen entscheidenden Sieg errungen hat, die französischen Truppen sind in voller Auflösung auf dem Rückzug! Immer neue Scharen drängen sich vor, bringen Hochrufe aus, winken mit Hüten und Tüchern, Musikkapellen ziehen auf.

Tatsächlich ist in viertägigem Ringen auf einer Front von hunderten von Kilometern der Feind zurückgeworfen worden und ganz Elsaß-Lothringen vom Feinde gesäubert. Nun dringen die Armeen des deutschen Kronprinzen und des Herzog Albrecht von Württemberg über die Argonnen tief nach Frankreich hinein. Man hofft, in der Lothringer Schlacht einen Wendepunkt sehen zu können, der uns den Weg nach Paris öffnet. Nun hält man unsere Heeresleitung jeder Großtat für fähig. Wenn nicht sogleich etwas Besonderes zu berichten ist, sagt man: „Irgendeine schöne Überraschung wird uns aufgespart, bis der Erfolg ein ganz unbedingter ist.“

Und wirklich nehmen wir schnell nacheinander Brüssel ein, fallen die Festungen Antwerpen und Lille, Reims kommt in unsere Hände. Schon sind unsere Vortruppen der Pariser Bannmeile nahegerückt und die Regierung nach Bordeaux geflohen – „alles wie anno 1870“, sagen unsere alten Offiziere. Da kommt die Nachricht von einem planmäßigen Zurückziehen vorgeschobener Truppen. Wir denken, wenn es planmäßig ist, dann kann ja nichts fehlen. Wir ahnen noch nicht, daß hier bereits die unglückliche Wendung eintritt, die uns den nahen Erfolg aus den Händen reißt. Als Vetter Josef Soden aus der Lothringer Schlacht mit einem Granatsplitter in der Schulter nach München kommt, ist er nur darüber traurig, daß er den Einmarsch in Paris nicht mitmachen wird können!

Im Osten haben allerdings Ostpreußen und Galizien den Einmarsch der Russen erdulden müssen. Schon hieß es, daß auch Westpreußen geräumt werden müsse, die Weichseldämme sollten angestochen werden, Schlesien galt als bedroht. Da erklang der Name Hindenburg, und mit einem Male hat nun alles ein anderes Gesicht. Mit starker Hand weiß er unsere Kräfte so meisterlich zu führen, daß die Russen an den masurischen Seen eine beispiellose Niederlage erlitten haben. Eine ganze Armee ist vernichtet, und die Gefangenen werden zu Hunderttausenden nach Deutschland gebracht. Hindenburg ist ein Volksheld, ihm vertrauen wir, daß er unsere Sache zu einem guten Ende führen wird!

Am Ludwigstag mache ich mich für vierundzwanzig Stunden frei, um zu den Eltern nach Aibling zu schauen. Es gibt ein bewegtes Wiedersehn nach fünf Wochen, die das Bild der Erde völlig umgestaltet haben! Das freundliche Bad ist von Fremden fast ganz verlassen, desto angenehmer der Aufenthalt für die wenigen Zurückgebliebenen. Die träumerische Ruhe des Vorherbstes liegt über dem Land, und die Gebirgskette zieht ihre Grenzwacht gegen Mittag. Ob wir wohl auch in dieser Richtung einen Schutzwall brauchen werden? Zusammen gehen wir ins festliche Hochamt. Die Beamten kommen in ihren Ziviluniformen, die Honoratioren begrüßen sich, alles folgt dem althergebrachten Kleinstadtzeremoniell. Die Glocken klingen, die Kinder singen. Und doch, im Osten und im Westen morden sich die Millionen!

Da wir in der Zentrale des Roten Kreuzes sind, erreicht uns dort der erste Ansturm. In hellen Scharen melden sich Pfleger und noch mehr Pflegerinnen, alle wollen sofort hinaus an die Front. Die eine hat einen Bruder, die andere einen Bräutigam, den sie im Fall einer Verwundung sofort pflegen will. Selbst eine hohe Frau des Königshauses läßt es sich nicht nehmen, sofort hinauszugehen, um ihrem Sohn näher zu sein. Nach der Vorbildung dieser Kriegshelferinnen darf man freilich nicht viel fragen. Und doch sind aus ihnen mit der Zeit manch tüchtige Schwestern hervorgegangen.

Viele kommen auch mit bahnbrechenden wirtschaftlichen Vorschlägen: Eine Dame will sofort zentnerweise Gemüsesamen erhalten, um noch in diesem Herbst in sämtlichen Münchener Anlagen Gemüse anzubauen. Sie rechnet anscheinend mit einem tropischen Klima! Schriftsteller und Schauspieler haben schon in den ersten Tagen angeboten, an die Front zu reisen, um unsere Soldaten durch Aufführungen und Vorträge zu erheitern. Der Mehrzahl ist es Ernst mit ihren Vorschlägen, manche wollen aber nur Eindruck schinden oder schlachtenbummeln. Dazu gehören auch jene Liebesgabenonkel, die in ihrem Auto die Fronten absausen und höchstens ein paar Zigarrenkisten dabeihaben!

Die Gebefreudigkeit ist überwältigend. Neben großen Geldspenden erhalten wir wertvolle Schmuckstücke und Kunstwerke, dazu viele Orden der feindlichen Mächte, welche ihre Inhaber abgelegt haben. Auch rührende Gaben von kleinen Leuten, Eheringe nach hunderten! An den Abnahmestellen reichen die Räume bei weitem nicht aus. In der Türkenkaserne stecken die Gänge voll, Unmengen von Lebensmitteln, Wäsche, Kleidung, und ganze Möbelwägen voll mit Betten.

In der Lazarettabteilung häufen sich die Angebote für Vereinslazarette und Genesungsheime.3 Jeder, der ein paar Zimmer freimachen kann, will Verwundete aufnehmen. Es zeigt sich aber bald, daß die Verwundeten und Kranken, die gottlob zum großen Teil schnell wiederhergestellt werden, nicht jeder militärischen Disziplin und Kontrolle entrückt werden dürfen.

Eine Frage, die mich beschäftigt, betrifft die Feldseelsorge. Ursprünglich hatte nur jede Division einen Geistlichen. Für unsere drei bayerischen Lazaretttrupps waren zwei katholische und zwei evangelische Geistliche vorgesehen, das war natürlich unzureichend. Ich habe mit Freund Konrad Preysing4 verhandelt, der als Sekretär des Kardinal-Feldprobstes Bettinger großen Einfluß hat.5 Die Zahl der Geistlichen wurde mittlerweile erhöht, und künftig erhält jeder Lazarettrupp, ebenso jeder Vereinslazararettzug je einen katholischen und evangelischen Geistlichen. Als Löhnung sollten sie anfangs wie die Pfleger 21 Mark pro Monat erhalten;6 dies war ein unwürdiger Zustand. Ein Antrag von mir auf zehn Mark Tagegeld ist vom Landeskomitee ohne weiteres angenommen worden.7