Zum Buch

 

Anlaufschwierigkeiten, Weltkriege, Platzprobleme: Der Münchner Fußball musste viele harte Zeiten durchstehen. Robert Schöffel erzählt die über 100-jährige, turbulente Geschichte des runden Leders an der Isar – von den ersten Gehversuchen bis zu den jüngsten Erfolgen und Tragödien.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei natürlich auf den beiden bekanntesten Münchner Klubs: dem TSV 1860 und dem FC Bayern. Denn eines ist sicher: Die „Blauen“ und die „Roten“ können nicht miteinander – ohne einander aber noch viel weniger. Doch auch die anderen größeren und kleineren Vereine Münchens finden in diesem unterhaltsamen, informativen Band ihren Platz.

 

 

 

Zum Autor

 

Robert Schöffel,
geb. 1979, arbeitet als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk und als freier Journalist mit den Schwerpunkten Sport und neue Medien.

ROBERT SCHÖFFEL

Fußball in München
Eine Stadt zwischen Rot und Blau

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6037-7 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2607-6

 

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Kontakt und Bestellungen unter verlag@pustet.de

»MÜNCHEN WILL GAR NICHT ERÖRTERT, MÜNCHEN WILL GELEBT UND GELIEBT SEIN.« Wer möchte Ernst Heimeran (1902–1955), dem dieses so urmünchnerisch klingende Leitmotiv zugeschrieben wird, ernsthaft widersprechen? Doch vielleicht wird man ihn ergänzen dürfen, ihn, den großen Verleger und Autor, der in Schwabing das Gymnasium besuchte und wie viele als „Zuagroaster“ in München Wurzeln schlug: Die Liebe zur ersten oder zweiten Heimat schließt die Kenntnis über sie nicht aus – und umgekehrt.

Die Geschichte einer Stadt ist ebenso unerschöpflich wie die Geschichten, die in ihr spielen. Ihre Gesamtheit macht sie unverwechselbar. Ob dramatische Ereignisse und soziale Konflikte, hohe Kunst oder niederer Alltag, Steingewordenes oder Grüngebliebenes: Stadtgeschichte ist totale Geschichte im regionalen Rahmen – zu der auch das Umland gehört, von dem die Stadt lebt und das von ihr geprägt wird.

München ist vergleichsweise jung, doch die über 850 Jahre Vergangenheit haben nicht nur vor Ort, sondern auch in den Bibliotheken Spuren hinterlassen: Regalmeter über Regalmeter füllen die Erkenntnisse der Spezialisten. Diese dem interessierten Laien im Großraum München fachkundig und gut lesbar zu erschließen, ist das Anliegen der Kleinen Münchner Geschichten – wobei klein weniger kurz als kurzweilig meint.

So reichen dann auch 140 Seiten, zwei Nachmittage im Park oder Café, ein paar S- oder U-Bahnfahrten für jedes Thema. Nach und nach wird die Reihe die bekannteren Geschichten neu beleuchten und die unbekannteren dem Vergessen entreißen. Sie wird die schönen Seiten der schönsten Millionenstadt Deutschlands ebenso herausstellen wie manch hässliche nicht verschweigen. Auch Großstadt kann Heimat sein – gerade wenn man ihre Geschichte(n) kennt.

 

 

DR. THOMAS GÖTZ, Herausgeber der Buchreihe, lehrt Neuere/Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und forscht zu Stadt und Bürgertum in der Neuzeit.

„Rot“ und „Blau“ – es ist kompliziert

Schon Jean-Paul Sartre wusste: „Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ So gesehen ist die Situation in München besonders kompliziert, denn hier stehen mit dem TSV 1860 München und dem FC Bayern München zwei benachbarte Vereine in unmittelbarer Konkurrenz um die Gunst des Publikums. Die sportliche Situation ist heute eine klare Angelegenheit: Der FC Bayern ist der unangefochtene Krösus im deutschen Fußball; diesen Status zementierte der Rekordmeister im Jahr 2014 mit der frühesten Meisterschaft – bereits am 27. Spieltag – der 51-jährigen Bundesligageschichte. Der TSV 1860 dagegen durchlebt seit langem wechselvolle Zeiten. Doch für die Geschichte des Fußballs in der Stadt sind beide Vereine von großer Bedeutung, gerade durch ihre Konkurrenz haben sie die Entwicklung beständig vorangetrieben, und nicht nur auf dem Fußballplatz haben sich die Wege der „Roten“ und „Blauen“ immer wieder gekreuzt. Miteinander geht es zwar nicht, ohne einander aber noch viel weniger – so viel steht fest.

Die Geschichte des Münchner Fußballs ist aber nicht nur eine des FC Bayern und des TSV 1860 München, sondern auch eine der Menschen in der Stadt, die sich gegen alle Widerstände früh für diesen Sport begeisterten, auch zu Kriegszeiten nicht vom runden Leder lassen konnten und immer wieder für neue Rekordzahlen in den Stadien sorgten. Nicht nur einmal schlitterte die Stadt wegen des ungeheuren Zuschauerandrangs haarscharf an einer Katastrophe vorbei, die viele Menschenleben hätte kosten können. Zum Glück ist eine Tragödie wie im Hillsborough-Stadion von Sheffield oder im Heysel-Stadion von Brüssel in München bislang ausgeblieben. Wenn sich Dramen abspielten, dann waren sie meistens sportlicher Natur – und an bitteren Niederlagen ist der Fußball an der Isar mindestens genauso reich wie an großen Triumphen.

Eine Massensportart wie der Fußball prägt natürlich auch das Stadtbild: Mit dem Grünwalder Stadion, dem Olympiastadion und der Allianz Arena kann man in München gleich drei prägnante Spielorte besichtigen – jeder von ihnen steht für eine ganz bestimmte Ära und hat einen wichtigen Teil der Münchner Fußballgeschichte mitgeschrieben. Daneben gibt es aber noch andere Plätze, deren Schicksal weitgehend unbekannt ist oder die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind. Denn die Platznot in der boomenden Stadt München sorgte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts für Sorgenfalten in den Gesichtern der Fußballer. Dieses Problem hat sich bis heute noch verschärft; vor allem der Breitensport und der Frauenfußball müssen darunter leiden. Auch das ist Fußball in München.

Zweifellos, der deutsche Fußball wäre ohne die Münchner Vereine unvollständig, die Stadt München ohne sie um einiges ärmer an spannenden Anekdoten, bitteren Niederlagen und großen Triumphen. Und das Schöne ist, dass trotz aller Komplikationen in einer Stadt wie München am Ende alles auf die entscheidenden 90 Minuten auf dem Rasen hinausläuft. Und die sind wiederum recht einfach zu beschreiben, wie schon Franz Beckenbauer wusste: „Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage.“ Der „Kaiser“ muss es wissen, schließlich ist er ein Münchner.

Die „englische Krankheit“ infiziert München

Der Fußball hat eine Geschichte, die mehrere Tausend Jahre zurückreicht. Bis es zu einem gepflegten Spiel mit klaren Regeln kam, galt es aber viele Schwierigkeiten zu überwinden. Nach München schwappte der „englische Sport“ erst relativ spät herüber, und er hatte es zu seinen Anfangszeiten alles andere als leicht.

Von der Massenprügelei zum modernen Sport

„Football’s coming home“ – was die britische Band „Lightning Seeds“ 1996 anlässlich der Fußball-Europameisterschaft in England sang, wurde zwar zu einer der größten Hymnen des Sports überhaupt, war aber nicht ganz korrekt. Zwar lässt sich die Frage, wo das erste Mal Fußball gespielt wurde, nicht mehr eindeutig beantworten, denn fast jede alte Kultur ging ihrer eigenen Art des Ballspiels nach. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass der populärste Sport unserer Zeit in Fernost das Licht der Welt erblickte. Schon vor über 4000 Jahren, so nimmt man an, wurde im heutigen China einem Ball nachgejagt. So zeigen prähistorische Felsmalereien in der chinesischen Provinz Yunnan Personen bei der Ausübung eines Sports, dessen Ziel es war, eine mit Stoff oder Federn ausgestopfte Lederkugel mit dem Fuß in ein Tor zu befördern. So gesehen hat sich in den vergangenen Jahrtausenden am Grundprinzip des Fußballs wenig geändert.

Auch aus Ägypten, Mittelamerika, Griechenland, Japan, Rom und dem Florenz der Renaissance sind Spiele überliefert, die als Vorgänger des Fußballs gelten. Gemein hatten die Sportarten das Spielgerät – und oftmals einen Mangel an Regeln. Erlaubt war fast alles, um an den Ball zu kommen. Wie eine Variante des Spiels im Mittelalter ausgesehen haben könnte, zeigt der heute noch in der englischen Grafschaft Derbyshire zelebrierte „Royal Shrovetide Football“: Ein Spielfeld von mehreren Kilometern Länge wird von mehreren Hundert Spielern beackert; Körperkontakt ist ausdrücklich erwünscht, nur Mord und Totschlag sind verboten. Bisweilen glich das Spiel in der Vergangenheit mehr einer Massenprügelei denn einer Sportveranstaltung. Hinzu kamen Lärm, Zerstörungswut und Alkoholexzesse – testosterongeschwängerte Szenen, die man auch heute noch von den gefürchteten britischen „Hooligans“ kennt.

Den Herrschern auf der Insel war das brutale Treiben schon damals ein Dorn im Auge. 1314 ließ König Eduard II. den Fußball offiziell verbieten und sorgte damit paradoxerweise für die erste urkundliche Erwähnung des Spiels. Mehrere seiner Thronfolger versuchten ebenfalls, den Sport zu unterbinden, was die Frühgeschichte des Fußballs somit auch zu einer Geschichte von Verboten macht.

Diese blieben aber, wie man unschwer erahnen kann, erfolglos. Im Gegenteil: Über die Jahrhunderte wurde das Spiel in verschiedenen Varianten weiter ausgeübt und fand schließlich den Weg in die öffentlichen Schulen des Königreichs. Diese wurden zur idealen Brutstätte, um aus dem rohen, männlichen Treiben ein geregeltes Spiel zu formen. Immer mehr junge Briten waren von diesem Sport fasziniert, und nicht wenige von ihnen entdeckten eine Leidenschaft, die sie ihr ganzen Leben nicht mehr loslassen sollte.

Als im 19. Jahrhundert der Ruf nach einheitlichen Regeln laut wurde, traf sich 1863 eine Gruppe fußballbegeisterter Vertreter der Schulen in der Londoner „Freemasons Tavern“. Leidenschaftlich wurde in mehreren Sitzungen darüber diskutiert, wie ein allgemeingültiges, verbindliches Regelwerk aussehen könnte. Eine Einigung gestaltete sich allerdings schwierig, denn nicht alle waren damit einverstanden, dass der Ball in Zukunft nicht mehr mit der Hand gespielt werden sollte. Mehrere Männer verließen die Zusammenkunft, da sie nicht von den im Jahr 1846 im mittelenglischen Ort Rugby schriftlich fixierten Regeln abweichen wollten. Die elf verbliebenen Repräsentanten der Sportvereine verständigten sich schließlich auf eine Erweiterung des 1848 in Cambridge und 1858 in Sheffield entwickelten Katalogs, der unter anderem das Treten, Beinstellen, Halten und das Tragen des Balls mit der Hand untersagte. Zudem sorgten sie für einen festen organisatorischen Rahmen der Fußballspiele. Die Football Association (FA), der erste nationale Fußballverband der Welt, war somit gegründet – und England damit doch irgendwie zum Mutterland des modernen Fußballs geworden.

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Abb. 1:
Straßenfußball im London des 18. Jahrhunderts

Die Regeln von 1863 (Auszug)

• Die maximale Länge des Spielfeldes beträgt 200 Yards (183 m), die maximale Breite 100 Yards (91 m), die Länge und Breite werden mit Fahnen markiert, das Tor wird durch zwei senkrechte Pfosten gebildet, acht Yards (7,3 m) auseinander, ohne Band oder Latte zwischen ihnen.

• Zur Seitenwahl findet ein Münzwurf statt, das Spiel wird mit einem Anstoß von der Mitte des Platzes durch die Seite, die den Münzwurf verloren hat, begonnen; die andere Seite darf sich dem Ball nicht auf mehr als 10 Yards (9,1 m) nähern, bis der Anstoß erfolgt ist.

• Wenn ein Tor erzielt wurde, führt der Verlierer einen Anstoß durch, die beiden Mannschaften wechseln nach jedem erzielten Tor die Seiten.

• Ein Tor ist erzielt, wenn der Ball zwischen den Pfosten oder über dem Raum zwischen den Pfosten (egal in welcher Höhe) passiert, er darf hierbei jedoch nicht geworfen oder getragen werden.

• Es sind weder Beinstellen noch Treten erlaubt, zudem ist es keinem Spieler erlaubt, seinen Gegner mit den Händen zu halten oder zu stoßen.

• Kein Spieler darf den Ball mit den Händen werfen oder einem anderen Spieler weitergeben.

• Kein Spieler darf den Ball mit den Händen vom Boden aufheben, unter welchem Vorwand auch immer, solange er im Spiel ist.

• Kein Spieler darf Nägel, Eisenplatten oder Guttapercha (Naturlatex, Anm. d. Autors) auf den Sohlen oder Absätzen seiner Stiefel tragen.

Startschwierigkeiten an der Isar

Dank der einheitlichen Regeln entwickelte sich der Fußball rasch zu einer Sportart, die in England die breite Masse begeisterte. Bereits 1872 kam es zum ersten Länderspiel zwischen einer schottischen und einer englischen Auswahl; die Partie vor 4000 Zuschauern endete mit einem mageren 0:0. Britische Geschäftsleute und Studenten exportierten das Ballspiel bald auch nach Kontinentaleuropa, wo sich der Sport wie eine Epidemie verbreitete. Vor allem in der Schweiz, Dänemark und den Niederlanden fiel der Ball auf fruchtbaren Boden, und so ließen die ersten Vereins- und Verbandsgründungen dort nicht lange auf sich warten.

In Deutschland, und vor allem in München, hatte es der Fußball dagegen deutlich schwerer. Die konservativ eingestellten Turnvereine mit Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) als geistigem Vater betrachteten den neuen Sport als „Fußlümmelei“, „blutiges Spiel“ oder gar als „englische Krankheit“, die ganz und gar nicht geeignet war, „dem Vaterlande ganze, tüchtige Männer zu erziehen“, wie es im „Handbuch der Deutschen Turnerschaft“ (1884) heißt.

Hinzu kam der intensivierte Kampf um die Kolonien, der in Deutschland eine anti-englische Haltung hervorrief – und damit auch eine ablehnende Einstellung gegenüber dem englischen Sport. Die wenigen Fußballspiele, die ab den 1870er-Jahren auf deutschem Boden stattfanden, wurden deshalb zunächst fast ausschließlich von ausgewanderten Briten veranstaltet. Auch die ersten Vereinsgründungen waren oftmals den Zuwanderern von der Insel zuzuschreiben, wie die Klubnamen verrieten: So gilt beispielsweise der Dresden English Football Club (1874) als einer der ersten Fußballvereine in Kontinentaleuropa. Da es in München – anders als etwa in Hamburg oder Berlin – keine größeren Kolonien von Engländern gab, wurde die in vielen anderen Bereichen boomende Stadt in Sachen Fußball zum Spätzünder.

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Abb. 2:
Mitglieder von „Terra Pila“ auf der Theresienwiese, 1906

Der deutsche Fußballpionier Konrad Koch

Der Lehrer Konrad Koch (1846–1911) gilt als derjenige, der dem Fußball in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Am 29. September 1874 soll er an einem Braunschweiger Gymnasium ohne vorherige Erklärungen einen Rugby-Ball unter die Schüler geworfen haben. Sein Ziel war es, die Schüler mittels Bewegung an der frischen Luft von „Stubenhockertum“ und Kneipenbesuchen abzuhalten. Mitnichten wollte er eine Konkurrenz zum Turnsport aufbauen, vielmehr sah er den Fußball als dessen Ergänzung an. Ein Jahr nach dem ersten Fußballspiel unter seiner Leitung legte er das erste Regelwerk in deutscher Sprache vor. Zudem bemühte er sich, das „englische“ Spiel gegen deutsch-nationale Anfeindungen in Schutz zu nehmen. Er führte deshalb Begriffe aus dem Militär wie Verteidigung, Angriff, Stürmer, Strafstoß und Attacke ein. Sie werden bis heute in der Fußballsprache verwendet und ebneten dem Sport den Weg zum gesellschaftlichen Durchbruch in Deutschland.

Erst als 1889 in München das Deutsche Turnfest stattfand, hatte sich an der Isar die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit dem Fußball eine neue Sportart auf dem Vormarsch war. Im Rahmen der Festlichkeiten auf der Theresienwiese war deshalb ein Demonstrationsspiel geplant – bezeichnenderweise zwischen dem ATV Leipzig und Orion London, da es in München noch keinen einzigen Fußballverein gab. An den örtlichen Schulen wurde jedoch sehr wohl bereits Fußball gespielt, wenn auch auf ungewöhnliche Art und Weise. So stand für die ersten und zweiten Gymnasialklassen im Schuljahr 1879/80 ein Geschicklichkeitsspiel ohne Wettkampfcharakter auf dem Lehrplan, bei dem es galt, einen Ball durch gegenseitiges Zuspielen möglichst lange in der Luft zu halten.

Am 5. September 1896 – zu einem Zeitpunkt, als in Hamburg und Berlin schon erste Meisterschaftsrunden ausgespielt wurden und mit dem Bund Deutscher Fußballspieler sogar schon ein Verband existierte – bekam auch die bayerische Metropole endlich ihren ersten Fußballverein. Er trug den anspruchsvollen lateinischen Namen „Terra Pila“ („Erde“ und „Ball“) und wurde von Gymnasiasten und Studenten gegründet. Der Fußball in München entstammte also nicht, wie man vielleicht meinen könnte, dem Arbeitermilieu, sondern wie auch in England gutbürgerlichen Kreisen. Unter den zwölf Gründungsmitgliedern von „Terra Pila“ befanden sich lediglich zwei Personen mit handwerklichen Berufen.

Bis der Fußball in München zum Massenphänomen wurde, sollten noch mehrere Jahrzehnte vergehen. Zwar fand der Sport immer neue Anhänger, doch fast ebenso schnell, wie sie sich begeistert hatten, kehrten viele von ihnen dem Spiel mit dem Ball wieder den Rücken; „Terra Pila“ löste sich bereits zwei Jahre nach der Gründung wieder auf. Mit dem 1. Münchner FC 1896 wurde jedoch sogleich ein Nachfolgeverein ins Leben gerufen. Außerdem wurden mit dem FC Nordstern 1896 und dem FC Bavaria 1899 noch vor der Jahrhundertwende zwei weitere Klubs gegründet. Diese drei Vereine waren am 28. Januar 1900 auch die einzigen Münchner Vertreter unter den 86 Gründungsmitgliedern des Deutschen Fußballbundes (DFB). Noch war München Fußball-Diaspora.

Der Haxentoni – Münchens erster Fußballstar

Unter den Gründungsmitgliedern des ersten Münchner Fußballvereins „Terra Pila“ war auch Anton Hübel, genannt Haxentoni (1878–1954). Hübel sprach von sich als „leidenschaftlichem Fußballer“, die Süddeutsche Zeitung bezeichnete den ersten Stürmerstar der Münchner Fußballgeschichte als „Ballack der Gründerzeit“, der den Ball wie außer ihm nur noch Franz Beckenbauer beherrscht habe. Wie viele Tore der hauptberufliche Bankangestellte tatsächlich erzielte, ist nicht überliefert. Bereits 1900 hängte der Haxentoni seine Fußballschuhe wieder an den Nagel, um mit mehreren seiner Vereinskameraden den Alpenklub „Berggeist“ ins Leben zu rufen und sich fortan statt auf dem Fußballplatz in den Bergen sportlich zu betätigen.

Der Ball läuft endlich rund

Von den etablierten Turnvereinen öffnete sich als erstes der Männer-Turn-Verein München von 1879 (MTV München) dem neuen Sport. 1897 genehmigte der Vorstand die Gründung einer Fußballmannschaft, was keine Selbstverständlichkeit war, denn noch immer galt der Fußball vielen als unzivilisiertes, raues Ballspiel. Noch im selben Jahr trat die MTV-Elf beim traditionellen Deutschen Turnfest in Ansbach zu einem Demonstrationsspiel an und trug ihren Teil dazu bei, den Sport gesellschaftsfähig zu machen. Zudem brachte einer der Münchner Spieler ein wichtiges Hilfsmittel in das Spiel ein: Der Torhüter Dr. Cushing, ein junger Engländer, hatte mit Stacheln besetzte Rennschuhe aus seiner Heimat mitgebracht. Damit verschaffte er sich nicht nur auf dem Fußballplatz einen Vorteil, sondern verhalf ganz nebenbei auch der Münchner Leichtathletik zu einem Erfolg: Beim Oktoberfest 1897 verbesserte die 100-Meter-Staffel mit den MTV-Fußballern Cushing, Prager, Böhmke und Keyl den vier Jahre alten deutschen Rekord von Germania Berlin um zwei Sekunden. Auch im Fußball hatte sich der MTV bereits ein Jahr nach der Gründung der Abteilung einen Namen gemacht. Beim Turnfest in Hamburg 1898 schlugen die Münchner Kicker den Allgemeinen Turnverein Dresden mit 16:0 – eine völlig unerwartete Sensation! Spektakuläre Erfolge wie diese führten dazu, dass allmählich auch die konservativen Turnerkreise die Faszination des Fußballs entdeckten:

„Die Pflege der Turnspiele hat in den Kreisen der deutschen Turnerschaft […] einen bedeutenden Aufschwung genommen, und es ist hierbei noch besonders zu erwähnen, daß schon vieler Orten an die Stelle der Unterhaltungsspiele […] die an körperbildenden und erziehlichen Momenten reichen Kampf- und Parteienspiele getreten sind. Der Vorführung solcher Kampf- und Parteienspiele wird denn auch demzufolge in Hamburg ein breiter Raum gewährt werden; sie werden in großer Anzahl in Form von Musterspielvorführungen und Wettspielen zur Darstellung kommen.“

(Aus der Festzeitung für das neunte Deutsche Turnfest, Hamburg 1898)

Um der steigenden Nachfrage nach dem Fußball, aber auch anderen Ballsportarten wie Baseball und Rugby, gerecht zu werden, stellte die Stadt München um die Jahrhundertwende in mehreren Stadtteilen Plätze und Spielgeräte zur Verfügung. Und schon bald wurden weitere Vereine oder Ballsportabteilungen gegründet, so auch beim Turnverein München von 1860 (heute TSV 1860 München) und beim FC Bayern. Diese beiden Klubs sollten in ihren ersten Jahren den bereits etablierten Mannschaften noch hinterherlaufen – später aber die berühmtesten Kapitel der Münchner Fußballgeschichte schreiben und nebenbei ein völlig neues Lebensgefühl transportieren, nämlich das der Menschen, die sich von den starren Konventionen der Turnbewegung distanzieren und stattdessen dem modernen „English way of life“ nacheifern wollten.

Vom Schafmistacker zu den ersten Stadionbauten

Ausgesperrt, unerwünscht, vertrieben – in den Anfängen des Fußballspiels in München mussten die einheimischen Vereine um ihre Plätze bangen und feilschen. Der TV 1860 München brachte eine wahre Odyssee hinter sich, ehe er seine sportliche Heimat fand. Manche der um die Jahrhundertwende bespielten Plätze bestehen noch, andere sind komplett aus dem Stadtbild verschwunden. Einer der alten Fußballplätze entwickelte sich zu einem ganz besonderen Ort – zu einem Mythos, der bis heute nachhallt und einem ganzen Stadtteil eine Identität verleiht: das Grünwalder Stadion.

Anfänge auf der Schyren- und Theresienwiese

Zwei Grünflächen spielten bei der Etablierung des Fußballs in München Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle: die Schyrenwiese an der Isar und die Theresienwiese. So war auf diesen beiden Plätzen schon früh die Ausübung des englischen Sports erlaubt, was angesichts der größtenteils ablehnenden Haltung der konservativen Turnvereine gegenüber dem neuartigen Ballspiel keine Selbstverständlichkeit war. Der erste Münchner Fußballverein „Terra Pila“ und der ebenfalls Pionierarbeit leistende MTV München von 1879 trainierten und spielten hauptsächlich auf der Theresienwiese. Dort war am südlichen Ende ein Sportplatz errichtet worden, der die nötigsten Voraussetzungen zur Ausübung des Fußballspiels bot: eine ebene Rasenfläche und ein abgegrenztes Spielfeld.