Zum Buch

 

Die Wittelsbacher waren Pfalzgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige in Bayern. Sie stellten sogar zwei deutsche Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Auch außerhalb von Bayern und der Pfalz, im europäischen Raum, verwirklichten sie ihre dynastischen Ambitionen. Von den acht Wittelsbachern auf fremden Thronen haben einige tiefe Spuren hinterlassen und herrschten Jahrzehnte. Andere regierten nur kurze Zeit und markieren monarchische Episoden, zuweilen königliche Abenteuer. Manchmal aber setzten die Regenten historische Zäsuren und gaben Epochen ihren Namen. Ihre Throne standen in Ungarn, Böhmen, Skandinavien und Griechenland. Vereinzelt ist das politische Vermächtnis der Wittelsbacher dort noch zu spüren und ihr bauliches Erbe bis heute zu bewundern.

 

Der Band behandelt folgende Wittelsbacher und ihre Regierungszeit:

Ungarn: König Otto III. (1305–1307) ♦ Skandinavien: König Christoph III. (1400–1448), König Karl X. Gustav (1654–1660), König Karl XI. (1660–1697), König Karl XII. (1697–1718) ♦ Böhmen: König Friedrich V. (1619–1622), König Karl Albrecht (1741–1743) ♦ Griechenland: König Otto (1832–1862) ♦ Holland: Herzog Wilhelm I. (1356–1389), Herzog Albrecht I. (1358–1404), Herzog Wilhelm II. (1404–1417), Herzog Johann und Herzogin Jakobäa (1414–1428)

 

 

 

Zum Autor

 

Engelbert Schwarzenbeck, Dr. phil., geb. 1946, langjähriger Leiter der Redaktion Geschichte beim Bayerischen Fernsehen; Autor zahlreicher Dokumentationen zu Personen und Epochen bayerischer und europäischer Geschichte.

Engelbert Schwarzenbeck

 

 

 

 

 

 

Wittelsbacher

 

 

auf Europas Thronen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Friedrich Pustet

Regensburg

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6036-0 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Heike Jörss, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2606-9

 

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Kontakt und Bestellungen unter verlag@pustet.de

Einleitung

Was wäre Bayern ohne Wittelsbach und Wittelsbach ohne Bayern? Auf der Suche nach Antwort kann man die Frage als „rhetorische“ auffassen oder sich auf das Feld der Spekulation begeben und mit Unbekannten jonglieren. Bei diesem Versuch wird man sich wohl darauf verständigen können, dass gegenseitige Bedingtheit und Abhängigkeit so groß sind, dass das Eine ohne das Andere nur schwer vorstellbar ist.

So haben wir Feststellungen, die zwar plakativ, aber doch etwas falsch sind, die von der öffentlichen Wahrnehmung unterschiedlich geprägt und doch nicht ganz richtig sind. Sie spiegeln nur Teilbereiche, ohne das Ganze zu erfassen. Da mag es auch legitim erscheinen, weitere Facetten des historischen Wirkens der Wittelsbacher zu beleuchten, die über die hinlänglich bekannten hinausweisen.

Die Wittelsbacher waren Pfalzgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige und stellten sogar manchen Kaiser. Allein die Dauer ihrer Herrschaft seit der Mitte des 11. Jahrhunderts machte sie zu einem der bedeutendsten Adelsgeschlechter im Heiligen Römischen Reich. Auch außerhalb von Bayern und der Pfalz, im europäischen Raum, verwirklichten sie ihre dynastischen Ambitionen.

Von den Wittelsbachern auf fremden Thronen haben einige tiefe Spuren hinterlassen, sie herrschten Jahrzehnte und gründeten eine Dynastie. Andere regierten nur wenige Monate und sind fast vergessen; nicht selten markieren sie nur monarchische Episoden ohne prägende Kraft, zuweilen auch königliche Abenteuer mit bizarren Zügen. Einzelne aber setzten historische Zäsuren und gaben Epochen ihre Namen.

Ihre Throne standen in Ungarn, Böhmen, Skandinavien und Griechenland. Gelegentlich ist ihr politisches oder kulturelles Vermächtnis dort noch zu spüren und das bauliche Erbe bis heute zu bestaunen.

Warum waren einige Wittelsbacher erfolgreich, andere nicht? Eine generelle Antwort ist nicht möglich; zu unterschiedlich sind die Gründe, Umstände und Entwicklungen.

Betrachtet man die Auftritte der Wittelsbacher auf der europäischen Bühne im zeitlichen Kontext, fallen zwei Schwerpunkte ins Auge: Der Zeitabschnitt von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, sowie der Abschnitt vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

Im Spätmittelalter ist die starke Präsenz der Wittelsbacher an der Nordsee auffallend, die fast ein Jahrhundert anhielt. Als Folge der Heiratspolitik Ludwigs des Bayern konnten sich am Rande des Reichs niederbayerische Herzöge als Grafen von Hennegau, Holland, Seeland und Herren von Friesland etablieren. Trotz starker innerer Konflikte und einer fragilen machtpolitischen Konstruktion demonstrierten sie Kontinuität und Stärke, bis sie an den Hürden der Erbfolge scheiterten.

Auch Christoph III. gelang ein beispielloser Aufstieg, vom Pfalzgrafen aus der Oberpfalz zum Archirex von Dänemark, Schweden mit Finnland und Norwegen. Er war der letzte Monarch, der dieses skandinavische Riesenreich zusammenhielt. Doch sein früher Tod und fehlende Nachkommen verhinderten eine dauerhafte dynastische Entwicklung.

 

Erst im 17. Jahrhundert bestieg wieder ein Wittelsbacher einen nordischen Thron. Drei schwedische Könige (Karl X. Gustav, Karl XI., Karl XII.), die aus der Pfalz stammten, regierten eine europäische Großmacht, die den gesamten Ostseeraum beherrschte. Der letzte dieser machtbewussten Herrscher zerbrach nicht an der Übermacht seiner vielen Feinde, sondern wurde Opfer seiner eigenen Hybris.

Auch die ungarische Stephanskrone und die böhmische Wenzelskrone schmückten die Häupter von Wittelsbachern, allerdings nur für kurze Zeit. In diesen Wahlmonarchien fehlten ihren Trägern meist beständige Mehrheiten, um ein solides Herrschaftsfundament zu schaffen.

Im 19. Jahrhundert fiel mit Prinz Otto, dem Zweitgeborenen von König Ludwig I., wieder einem Wittelsbacher eine prägende Rolle in einem europäischen Land, nämlich Griechenland, zu. Die Erwartungen an ihn waren jedoch zu hoch, die Unterstützung durch die Großmächte zu gering, die innenpolitischen Fehler zu eklatant. Zwar wurde Großes und Bleibendes geschaffen, aber der Erfolg ließ auf sich warten. So nahm dieses Experiment, trotz zahlreicher Verdienste, ein vorzeitiges Ende.

 

Meine Beschäftigung mit Regenten aus dem Haus Wittelsbach hatte zunächst berufliche Gründe. Als Redaktionsleiter Geschichte beim Bayerischen Fernsehen war ich bei der Suche nach attraktiven Themen gut beraten, den Blick auch über die weiß-blauen Grenzen hinaus schweifen zu lassen. Bei diesen Recherchen verstärkte sich der Eindruck, dass die Forschungsschwerpunkte der Geschichtswissenschaft fast ausschließlich landesgeschichtlich ausgerichtet waren. Erst in jüngster Zeit richtete sich der Fokus der Forschung auf Themenfelder, die außerhalb Bayerns liegen.

Lange Zeit beschränkte sich die Vermittlung historischer Inhalte durch das Fernsehen nur auf Personen und Epochen deutscher und bayerischer Geschichte. Als jedoch filmische Dokumentationen über Bayerns Beziehungen zu seinen europäischen Nachbarn bei einer historisch interessierten Öffentlichkeit auf große Resonanz stießen, war dies auch ein ermutigendes Zeichen, neue Wege zu beschreiten.

In der Folge entstanden mehrere Dokumentationen über Herrscher aus dem Haus Wittelsbach, die in europäischen Ländern regiert hatten, so in Skandinavien, den Niederlanden und Griechenland. Bei den Produktionsvorbereitungen bot sich mir die Gelegenheit, die Schauplätze und Erinnerungsorte ihres Wirkens in Augenschein zu nehmen. Auf dieser Spurensuche beeindruckten mich besonders die stupende Präsenz und der Stellenwert einiger Wittelsbacher Herrscher im kollektiven Gedächtnis der jeweiligen Länder.

Dieser Eindruck lebendiger Geschichte und die Fülle des gesammelten Materials bewogen mich, die Lebensbilder einzelner Wittelsbacher in angemessener Breite darzustellen. Nach dem Ende meiner beruflichen Laufbahn trug ich die Idee für dieses Buch dem Verlag Friedrich Pustet vor, der sich sehr aufgeschlossen zeigte und meinen Vorschlag unterstützte. Für diese Bereitschaft und die produktive Zusammenarbeit möchte ich ihm meinen besonderen Dank aussprechen.

 

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Abb. 1: Fürstenfigur mit ungarischem Wappen, vermutlich Otto III. König von Ungarn; ca. Mitte 14. Jh., Zisterzienserinnenabtei Seligenthal

Das ungarische Fiasko

Otto III., König von Ungarn
Herzog von Niederbayern

Im kollektiven Gedächtnis der Ungarn ist sein Name eng mit einem Missgeschick verbunden, dem Verlust der Heiligen Krone. Obwohl Otto die Stephanskrone, das mythenumrankte Symbol der ungarischen Monarchie, am Ende wiederfand, wurde dies von seinen Zeitgenossen als böses Omen gewertet. In der Tat standen die Königsjahre des Niederbayern unter einem schlechten Stern und blieben eine Episode in der ungarischen Geschichte.

Als König Andreas III., der letzte männliche Vertreter des Arpadengeschlechts, im Januar 1301 starb, ging auch eine Ära zu Ende, die drei Jahrhunderte überdauert hatte. In Ungarn bestand zwar immer schon eine Wahlmonarchie, aber Ansehen und Einfluss der Arpadendynastie waren so bedeutend, dass die Wahl eines Königs aus einem anderen Fürstengeschlecht undenkbar erschien. So machten nun die ungarischen Stände den Versuch, die Herrschaft der Arpaden über die weibliche Linie fortzusetzen. In Frage kamen drei Kandidaten, die über ihre Mütter mit dem Königshaus verbunden waren: Karl Robert von Anjou (1271–1295), König Wenzel II. von Böhmen (1271–1305) sowie Herzog Otto III. von Niederbayern (1261–1312).

Die Suche nach einem König

Das Ringen um den ungarischen Thron vollzog sich vor dem Hintergrund eines zerrissenen Landes. Dieses Interregnum war geprägt von Rechtsunsicherheit und Gewalt. Immer stärker nutzten regionale Potentaten das Machtvakuum und rückten ihre Sonderinteressen an die Stelle einer starken Zentralgewalt. Ausgestattet mit gewaltigem Grundbesitz und zahlreichen Privilegien hatten einige Familien herausragende Positionen erlangt. Diese Kleinfürsten unterhielten eigene Truppen, bauten Burgen und leisteten sich eine aufwändige Hofhaltung. Kirche und Kleinadel gerieten in immer größere Abhängigkeit von diesen Adelsfamilien, deren Machtansprüche die Stellung des Monarchen gefährdeten. Ohne die feste Klammer eines Königtums drohten die verschiedenen ethnischen Gegensätze aufzubrechen, die sich durch vermehrte Migrationen seit dem 12. Jahrhundert entwickelt hatten. In dieser instabilen Situation sorgte die Suche nach einem Thronprätendenten für weitere Unruhe.

Obwohl nur ein Teil des ungarischen Adels für Karl Robert zu gewinnen war, kam der Anjou-Kandidat 1301 nach Ungarn und ließ sich in Gran (Esztergom) krönen. Da die Krönung nicht mit der Stephanskrone vollzogen wurde, zahlreiche Vertreter des Hochadels und des Klerus fehlten, war dieser Akt der Inthronisation in den Augen vieler Ungarn ungültig. Nicht wenige ungarische Magnaten und einige Bischöfe sahen Karl Robert deshalb auch nicht als ihren rechtmäßigen König an und stießen sich an der massiven Einmischung des Heiligen Stuhles in ungarische Angelegenheiten.

Diese Fraktion schickte Boten nach Niederbayern zu Otto III. und Stephan I., beide Söhne der Arpadin Elisabeth, um ihnen die Stephanskrone anzubieten. Doch die Brüder lehnten das ehrenvolle Angebot ab, nachdem sie sich mit ihren Beratern ausgetauscht hatten. Daraufhin zog eine ungarische Gesandtschaft nach Prag zu König Wenzel II. von Böhmen-Polen. Doch auch dieser Arpadenenkel wollte das Angebot für sich nicht in Anspruch nehmen, schlug aber seinen zwölfjährigen Sohn als Thronfolger vor. Man einigte sich und mit ungarischer Zustimmung wurde der junge Premyslide zum Gegenkönig gewählt. Im August 1301 erfolgte dann in Stuhlweißenburg unter dem Beifall des Volkes die Krönung, anders als bei Karl Robert von Anjou mit der Stephanskrone. Der neue Regent führte den Namen Ladislaus.

Als der Jubel über den gelungenen Schachzug abgeebbt war, formierte sich die Anjou-Partei und sammelte Anhänger. Die anfänglich große Partei des Gegenkönigs, auch die Mehrheit des Klerus zählte dazu, bröckelte. Karl Robert konnte mit päpstlicher Unterstützung rechnen und warb erfolgreich um die Gunst der mächtigen Feudalherren, die an der Bildung großer unabhängiger Territorialherrschaften nach westlichem Muster interessiert waren.

Außerdem hielt sich Karl Robert durch ein Bündnis mit Rudolf von Österreich (1282–1307) den Rücken frei. Schon seit längerem beobachteten die Habsburger die ganze Entwicklung in Ungarn mit Misstrauen. Das neu geschaffene Machtgebilde der Premysliden aus Böhmen, Mähren, Polen und Ungarn erschien ihnen gefährlich.

Als sich die Kräfteverhältnisse immer deutlicher zum Nachteil von Ladislaus verschoben und die Situation immer brenzliger wurde, zog König Wenzel im Sommer 1304 nach Ungarn. In Ofen ließ er seinen Sohn im Krönungsornat vor dem ungarischen Hochadel auftreten, dann holte er ihn mitsamt den Reichskleinodien überraschend nach Böhmen zurück. Mit diesem listigen Manöver sicherte er sich einen wichtigen Trumpf, denn ohne die Kroninsignien konnte Karl Robert nicht als legitimer Herrscher der Ungarn gelten. In Prag waren sie vor dem Zugriff der Anjou-Partei sicher und König Wenzel konnte in Ruhe die weitere Entwicklung abwarten.

Bei den Ungarn wuchs indes die Empörung über den dreisten Raub der Stephanskrone und es wurden Stimmen laut, welche die gewaltsame Rückholung der Insignien forderten. Für alle, die der Anjou-Partei nicht angehörten, stellte sich die Königsfrage jetzt erneut. So machten sich ungarische Magnaten 1305 wieder auf den Weg nach Niederbayern, um dem Wittelsbacher erneut die Krone anzutragen. Auch dieses Mal warnten die Berater am bayerischen Hof den Herzog vor den Risiken einer Thronkandidatur, aber jetzt entschied sich der 45-Jährige anders: Otto, der noch vor vier Jahren das Angebot ausgeschlagen hatte, nahm die Herausforderung an. Vorerst gelang es ihm, seinen einsamen Entschluss geheim zu halten. Reich beschenkt zogen die ungarischen Gesandten nach ihrer erfolgreich durchgeführten Mission wieder nach Hause.

Was aber waren die Motive für seinen Gesinnungswechsel? Warum beurteilte er die Konstellation von 1305 günstiger als die von 1301? Wollte Otto III. den jahrhundertealten bayerisch-ungarischen Beziehungen noch ein Glanzlicht aufsetzen?

Zuverlässige Antworten auf diese Fragen sind nur schwer zu finden. Die Quellen sind dürftig und oft widersprüchlich. Chroniken und Annalen berichten meist nur in wenigen Worten über Ottos Werdegang. Allein die österreichische Reimchronik befasst sich ausführlicher mit dem Bayernherzog, ist aber ungenau und spekulativ. So hilft nur eine kritische Betrachtung der außenpolitischen Situation im Jahre 1305.

Blickt man auf die zurückliegenden Jahre, zeigt sich in Ottos Außenpolitik – bei allen Drehungen und Wendungen – eine antihabsburgische Konstante. Zwar hatten die niederbayerischen Herzöge Otto und Stephan im März 1304 ihr Bündnis mit den Habsburgern erneuert, sich einem Truppenkontingent gegen Böhmen angeschlossen und im Oktober 1304 gemeinsam Kuttenberg belagert. Nachdem das großangelegte Unternehmen kläglich abgebrochen wurde, weil sich die Böhmen nicht zur Schlacht stellten, riet Otto dem Habsburger zum Rückzug. Es kam zum Seitenwechsel. In der Folge erneuerte er sogar seine antihabsburgische Haltung, verlangte Kostenerstattung für den böhmischen Feldzug und Entschädigung für den Durchzug fremder Truppen durch Niederbayern. Mittlerweile hatte Otto auch Kontakt mit König Wenzel aufgenommen und reiste nach Prag. Mit einem ansehnlichen Geldgeschenk gewann ihn Wenzel als Bundesgenosse und machte ihn sogar zu seinem obersten Kriegshauptmann und Ratgeber.

Zurückgekehrt nach Niederbayern, erreichte Otto das Angebot der ungarischen Magnaten und nun erschien es ihm verlockender als vor vier Jahren. König Wenzel, der einstige Konkurrent um die ungarische Thronfolge, war nun sein Verbündeter geworden und war zudem im Besitz der Stephanskrone. Das Spiel mit der ungarischen Karte war jedoch nicht ohne Risiko. Wie würde sich der habsburgische Nachbar verhalten? Würde König Albrecht hinnehmen, dass durch eine bayerisch-ungarisch-böhmische Allianz seine Spielräume immer enger und die Bedrohung an den Flanken größer wurden? Wohl kaum. Sicher würde sich Habsburg gegen diese Umklammerung zu wehren wissen und dann könnte sich die ungarische Option schnell zu einem Abenteuer auswachsen.

Als Otto im Juni 1305 wieder nach Prag reiste, traf er einen todkranken König. Er unterbreitete ihm seine Pläne und fand bei Wenzel volle Unterstützung. Nachdem die Ambitionen der Premysliden überholt waren, erschien ein wittelsbachisch regiertes Ungarn für Böhmen vorteilhafter als ein Ungarn, das von einem Anjou zwar regiert, von Habsburg aber gelenkt wurde.

 

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Abb. 2: Ab dem 12. Jahrhundert wurden die Könige mit der Stephanskrone gekrönt. Seit dem Jahr 2000 befindet sie sich im Parlamentsgebäude in Budapest.

 

Nach dem Tod König Wenzels II. setzte sein Sohn Wenzel III. (Ladislaus) die Politik seines Vaters fort und verzichtete am 9. Oktober 1305 auf dem Landtag zu Brünn offiziell auf den ungarischen Thron. In Anwesenheit zahlreicher Adelsvertreter aus Ungarn übergab er dem Bayernherzog Stephanskrone und Kroninsignien. Dieser war sich der Symbolkraft und verfassungsrechtlichen Bedeutung der Heiligen Krone bewusst und ließ sie nicht aus den Augen. Ein Drechslermeister soll einen Behälter aus Holz gefertigt haben, in dem das Kleinod auf Reisen sicher und bequem mitgeführt werden konnte.

Otto machte sich nun auf den Weg nach Ungarn, doch der war mit Hindernissen gepflastert. Durch die öffentliche Übergabe der Insignien wurde allgemein bekannt, was vorher nur vermutet worden war. Die Habsburger zeigten sich entrüstet über diesen „Verrat“ und Herzog Rudolf, der älteste Sohn Albrechts, machte die Grenzen nach Österreich dicht. Otto, der die Regierung seines Herzogtums seinem Bruder Stephan übertragen hatte, führte im Gefolge eine Schar niederbayerischer Ritter. Da man gezwungen war, österreichisches Territorium zu durchqueren, erfolgte der Ritt von Mähren nach Ungarn bei Nacht und Nebel. Das Risiko, von den Mannen Herzog Rudolfs gefangen zu werden, war nicht gering. So musste sich Otto als Kaufmann verkleiden, als er durch Feindesland zog. Es spricht für seinen Mut, dass er das Abenteuer wagte. Unterstützt wurde er dabei von einem Schützenmeister aus Wien, der ortskundig war und ihn vor den habsburgischen Wachposten warnte. Ein bestochener Freisinger Ministeriale, Freising hatte in Niederösterreich Besitzungen, setzte Otto unterhalb von Wien über die Donau.

 

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Abb. 3: Auffindung der Stephanskrone; Buchmalerei 2. Hälfte 14. Jh.; Nationalbibliothek Széchényi, Budapest

 

Während eines Nachtrittes soll dann, so berichtet die Sage, südöstlich von Wien das Missgeschick passiert sein: Der Behälter, der die Stephanskrone barg, hatte sich aus der Lederhalterung gelöst und war mitsamt seinem kostbaren Inhalt in der Dunkelheit verschwunden. Erst Stunden später bemerkte man den Verlust, musste den ganzen Weg zurückreiten und fand, es klingt wie ein Wunder, die Stephanskrone wieder.

Nach dem glücklichen Ausgang dieser misslichen Episode setzte Otto seinen Weg fort und erreichte Anfang November das ungarische Ödenburg. Dort erwartete ihn bereits sein Parteigänger Iwan von Güssing auf seiner Burg und unterrichtete den neuen Herrscher über die ungarischen Verhältnisse. Nach einigen Tagen zog Otto weiter nach Ofen, wo man ihn unter großem Jubel empfing. Die Bürger dieser Stadt waren größtenteils Deutsche, die seine stärkste Stütze bildeten.

Zur Partei Ottos gehörten der Adel Westungarns und der Tiefebene zwischen Donau und Theiß, auch die Magnaten und Landadeligen im nordöstlichen Teil des Landes, besonders die mächtigen Adelsfamilien Borsa und Akos, ein kleiner Teil der Bischöfe und des Klerus sowie die Königsstädte Gran, Buda, Ofen und Stuhlweißenburg. Auch die Siebenbürgener Sachsen waren auf seiner Seite. All diese Parteigänger Ottos hielten einen Reichstag ab, an dem die Königswahl durchgeführt werden sollte.

Am 6. Dezember 1305 wurde Otto von zwei Bischöfen zum König gesalbt und mit der Stephanskrone gekrönt. In feierlichem Zug ging es dann nach Buda, wo sich Otto mit Prunkgewand und Krone als rechtmäßiger König von Ungarn zeigte und sich bei einem Umritt durch die Straßen der Stadt feiern ließ. Später sollten noch weitere Umritte im ganzen Land folgen. Bei allem Jubel lag über den Krönungsfeiern doch ein Schatten: Die beiden Bischöfe, die König Otto salbten, waren dazu nicht legitimiert. Zudem stand die Mehrzahl der kirchlichen Würdenträger gemäß der päpstlichen Weisung auf Seite des Anjou-Königs.

Die Partei Karl Roberts blieb nicht untätig. Sie versuchte mit allen Mitteln, dem Bayern die Krone zu entreißen. Zur Abschreckung der Parteigänger Ottos wurden die Besitztümer des mächtigen Magnaten-Geschlechts der Güssinger verwüstet. Von den Kirchenkanzeln hetzte der Klerus gegen den Wittelsbacher und belegte seine Anhänger mit dem Kirchenbann.

Der Widerstand schien Otto zu irritieren, ließ er sich doch zu einem einjährigen Waffenstillstand überreden. Er wollte wohl seine Herrschaft konsolidieren und neue Anhänger werben. Doch die Zeit arbeitete gegen ihn: Ottos Machtbasis begann zu erodieren. Nach Ablauf der Frist bannte der Erzbischof von Gran erneut Ottos Parteigänger. Viele der ehemaligen Anhänger Wenzels, die sich später zu Otto bekannt hatten, schwenkten jetzt um und schlossen sich Karl Robert an. Papst Clemens V. untersagte Otto die Ausübung seiner Königsgewalt und verbot ihm, den Königstitel zu führen. Der Wittelsbacher verlor die wichtigen Städte Ofen und Gran. Die permanente und massive Einflussnahme von Papst und Klerus blieb nicht ohne Wirkung. Die Anjou-Partei erstarkte, Otto geriet zusehends in die Defensive. Ratlos und planlos gab er eine Position nach der anderen auf. So trennte er sich sogar auf Drängen der Ungarn von seinen bayerischen Begleitern und schickte sie nach Hause, ein verhängnisvoller Fehler.

Abenteuer in Transsylvanien

Im Frühjahr 1307 machte sich König Otto auf den Weg nach Siebenbürgen, um dort in eigener Sache dynastische Ehebande zu knüpfen. Er folgte dabei dem Rat seiner ungarischen Entourage und suchte die Unterstützung des Woiwoden Lazlo Kan, dem mächtigsten Magnaten im Südosten. Gefördert wurde das Unternehmen wohl von dessen Gemahlin, mit der Otto verwandt war. Der Wittelsbacher, seit über zwanzig Jahren verwitwet, war einer neuerlichen Brautwerbung nicht abgeneigt.

Die Reise nach Siebenbürgen begann recht vielversprechend. Schon in der ersten Stadt, in Bistritz, bejubelten die Siebenbürgener den königlichen Besuch und luden ihn nach Hermannstadt ein. Als sie von den Heiratsplänen Ottos erfuhren, mahnten sie zur Vorsicht. Der Woiwode war nicht nur bekannt wegen seines Reichtums und gewaltigen Grundbesitzes, sondern war auch berüchtigt als skrupelloser Machtmensch, listenreich und unberechenbar. Otto jedoch schlug die Warnungen in den Wind und setzte unbeirrt seinen Weg fort.

Die Geschichte nahm jetzt fast tragikomische Züge an. Ausführlich befasst sich die Österreichische Reimchronik mit den dramatischen Ereignissen, die sich in Transsylvanien zutrugen:

 

„nu begunde ringenals simanigem man
mit kunic Otten sinnehat gesiget an.“
diu gewaltige minne,

 

König Otto war begierig, die Tochter Lazlo Kans kennenzulernen, von deren Schönheit er viel vernommen hatte. So zog er von Siebenbürgen zu Lazlo Kan weiter, um mit ihm die Regularien der anstehenden Vermählung zu besprechen. Ob der Woiwode zu diesem Zeitpunkt schon in Verbindung mit König Albrecht stand, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Jedenfalls ist der Verdacht, dass Habsburg seine Hand im Spiel hatte, nicht unbegründet.

Beim ersten Zusammentreffen huldigte Lazlo Kan dem König, zog sein Obergewand aus und warf sich zu Boden. Otto hob ihn auf, begrüßte und küsste ihn und erteilte ihm die Belehnung. Den Wunsch des Königs, Lazlo solle ihm die Tochter zuführen, beschieden die ungarischen Begleiter, dass dies gegen die Landessitte sei. Er, der Bräutigam, müsse die Braut bei ihren Eltern abholen.

Als Otto, dem diese ungarische Landessitte fremd war, zögerte, die Burg des Woiwoden aufzusuchen, warf man ihm vor, seinen Untertanen zu misstrauen. Bischof Peter von Siebenbürgen wollte vermitteln und schlug vor, der König könne bei ihm Quartier nehmen bis zum Vollzug der Vermählung und dann zu seinem Heer zurückkehren. Der König folgte diesem Vorschlag nicht, sondern befahl den Siebenbürgenern zu warten, bis er wiederkomme. Seines militärischen Schutzes weitgehend entblößt, nur in Begleitung weniger Ungarn, setzte Otto seinen Weg fort. Dieser führte durch unwegsames Gelände, weitab vom bischöflichen Machtbereich, durch das wilde Transsylvanien zur abgelegenen Burg des Woiwoden.

Die Ungarn witterten Verrat. Als die Burg Lazlo Kans in Sichtweite kam, machten sie sich aus dem Staub. Nicht ahnend, was man im Schilde führte, tappte Otto in eine Falle. Denn der Woiwode setzte seinen verräterischen Plan ungehindert in die Tat um und ließ König Otto kurzerhand gefangen setzen. Anstelle des Brautgemachs wartete nun der Kerker, wobei Otto in dieser Zeit gut verpflegt wurde, wie der Chronist erwähnt.

Die Reimchronik schilderte den weiteren Ablauf:

 

„do hiez der ungetriu boeswihtund diu andern kleinat;
Im sagen algeriht,undob er daz niht taete drat,
er wold, daz balde erso wurde sinem leben
die krone gaebe herschier ein ende geben.“

 

Mehrere Monate hielt der Woiwode den König auf seiner Burg gefangen. Aufgrund der massiven Bedrohung von Leib und Leben musste Otto die Stephanskrone, die er immer bei sich geführt hatte, übergeben. Damit hatte er das Unterpfand seines Königtums verloren. Das ungarische Abenteuer endete in einem Fiasko.

Wurde Otto das Opfer eines abgekarteten Spiels? Vielleicht. Später stellte sich heraus, dass einige Begleiter, denen Otto vertraut hatte, Anhänger der Anjou-Partei waren und eingeschleust wurden, um sein Vertrauen zu erringen. Der vermeintliche Schwiegervater pflegte Kontakte zu König Albrecht und handelte in dessen Interesse. Er war aber gerissen genug, auch auf eigene Rechnung zu agieren. Von seiner Beute trennte er sich erst nach langem Hin und Her und lieferte die Stephanskrone erst im April 1310 an Karl Robert aus, nachdem sich dafür der päpstliche Legat energisch eingesetzt hatte. Offenbar war Otto von einem Gespinst aus Intrigen und Täuschungen umgeben, das er nicht durchblickte. Er scheiterte in einem Machtkampf, dem er nicht gewachsen war, weil er dessen Akteure und Regeln nicht einschätzen konnte.

Am 10. Oktober 1307 wurde Karl Robert von der Mehrzahl der ungarischen Magnaten, darunter auch den früheren Anhängern Ottos, zum König gewählt.

Es war wohl die Gattin des Woiwoden, die für den gefangenen König im Sommer 1307 die Freilassung erreichte. Wahrscheinlich musste sich Otto auch zur Zahlung eines immensen Lösegeldes verpflichten, ehe er frei kam. Da ihm der direkte Weg über Böhmen nach Bayern verwehrt wurde, musste der gedemütigte und entthronte Monarch nach Osten ausweichen, ehe er über Schlesien nach Niederbayern gelangte.

Ende Februar 1308 traf er in seinem Herzogtum ein und wurde mit Jubel begrüßt. Der Heimkehrer trug nach ungarischem Brauch einen langen Bart und kam nicht mit leeren Händen zurück. Otto konnte mit einer frohen Kunde aufwarten. Bei seinem Aufenthalt am schlesischen Hof hatte er sich mit der Tochter Herzog Heinrichs verlobt. Die Hochzeit mit Agnes von Schlesien feierte Otto in Straubing an Pfingsten 1309.

Das ungarische Abenteuer war für Otto abgeschlossen. Auf einen steilen Aufstieg war ein jäher Sturz gefolgt, doch bei allen Blessuren war er noch glimpflich davongekommen. Beim Volk hatte sein Ansehen nicht gelitten. Seinen Lösegeldverpflichtungen musste Otto nachkommen. Um seine immense Schuldenlast zu tilgen, führte er eine Notsteuer ein. Doch diese hatte ihren Preis: Mit der Ottonischen Handfeste von 1311 musste er die niedere Gerichtsbarkeit dem Adel und der Geistlichkeit überlassen, die bis dahin nur dem Landesherrn zugestanden war. Damit begann der Aufstieg der bayerischen Stände.

Bis zu seinem Tod trug Otto den Titel „König von Ungarn“ und führte das Doppelkreuz in Siegel und Wappen. Am 9. September 1312 starb er im Alter von 51 Jahren in Landshut. Seine letzte Ruhestätte fand er im Kloster Seligenthal, der Grablege der niederbayerischen Wittelsbacher.

 

 

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Abb. 4: Jakobäa, letzte Herzogin von Niederbayern-Straubing-Holland; Holzstich, Antwerpen 1578

Am Rande des Reichs

Wittelsbacher Herzöge an der Nordsee

Wer in der niederländischen Hauptstadt Den Haag das historische Regierungsviertel, den Binnenhof, besucht, wird wohl kaum ahnen, dass ein Wittelsbacher die Fundamente dieses Machtzentrums schuf, als er hier seine Residenz nahm. Heute ist der Binnenhof die politische Herzkammer des Landes, Sitz der Ersten und Zweiten Kammer. Inmitten des Binnenhofs befindet sich der größte gotische Profanbau Europas, der den Namen „Rittersaal“ trägt. Er wurde von den Wittelsbacher Grafen als Fest-, Empfangs- und Gerichtssaal genutzt. An den Wänden des Rittersaals sind die Wappen der wichtigsten Städte und bedeutender Herzöge und Grafen des Landes angebracht. Wenn einmal im Jahr am „Prinsjesdag“ das Staatsoberhaupt seine Thronrede hält, blickt es auch auf die Rautenwappen der Grafen von Holland und Herzöge von Niederbayern, die hier fast ein Jahrhundert herrschten.

Die Wurzeln dieses dynastischen Ablegers der Wittelsbacher an der Atlantikküste gehen zurück auf Herzog Ludwig IV., den späteren Kaiser Ludwig den Bayern. Dieser betrieb nicht nur eine energische Hausmachtpolitik, die weit nach Norden und Süden ausgriff, er war auch in zweiter Ehe mit Margaretha aus dem Hause Avesnes verheiratet, mit der er zehn Kinder hatte. Mit dieser dynastischen Verbindung gewann Ludwig wichtige Bundesgenossen und einflussreiche Fürsprecher in Westeuropa, die seine Machtposition stärkten.

Margarethas Bruder Wilhelm IV., letzter Graf von Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, starb im September 1345 während eines Feldzugs gegen die aufständischen Friesen. So erbte Margaretha nicht nur das „Frauenlehen“ Hennegau, wo die weibliche Erbfolge möglich war, sondern ihr kaiserlicher Gemahl übertrug ihr auch noch die Reichslehen Holland, Seeland und Friesland. Bereits kurz nach der Huldigung in ihren Grafschaften ernannte sie ihren zweiten Sohn Wilhelm zum Stellvertreter und künftigen Regenten.

Die Grafschaft unter Herzog Wilhelm I.

Zwei Jahre nach dem Tod Kaiser Ludwigs des Bayern kam es 1349 im Landsberger Vertrag unter seinen sechs Söhnen zu einer Erbteilung. Ludwig V. erhielt zusammen mit Ludwig VI. und Otto V. Oberbayern mit Tirol und die Mark Brandenburg, während die Brüder Stephan II., Wilhelm I. und Albrecht I. Niederbayern bekamen.

Im Juni 1353 einigte man sich im „Regensburger Vertrag“ auf eine weitere Aufteilung: Stephan sollte den südwestlichen Teil Niederbayerns mit Landshut als Residenz erhalten, der nordöstliche Teil Niederbayerns mit Straubing als Residenzstadt ging an Wilhelm und Albrecht, die zudem seit 1346 Erben der Grafschaften Hennegau, Holland, Seeland und Friesland waren. Wilhelm und Albrecht vereinbarten eine weitere Aufteilung der Machtsphären: Wilhelm sollte in den nördlichen Grafschaften, Albrecht in Niederbayern mit Straubing regieren. Damit war das Herzogtum „Niederbayern-Straubing-Holland“ entstanden, ein etwas seltsames Konstrukt aus Landesteilen, die über 700 Kilometer voneinander entfernt waren.

 

Doch was als fragiles Gebilde erscheint, ein „Machtdreieck“ quer durch Europa, bewies eine erstaunliche Vitalität. Fünf Grafen aus dem Hause Wittelsbach behaupteten sich an der Peripherie des Reichs, verteidigten ihre Unabhängigkeit und prägten nachhaltig ihre Territorien an der Nordsee. Bald verschoben sich die Gewichte und das „Straubinger Ländchen“ wurde zum Nebenland. Die niederländischen Besitzungen versprachen mehr Einkünfte durch wirtschaftlich erstarkende Städte wie Middelburg, Dordrecht, Rotterdam, Delft, Leiden, Haarlem und Amsterdam sowie durch einen florierenden Handel an den Mündungen großer Flüsse wie Rhein, Maas, Ems und Schelde.

Die Machtaufteilung zwischen Mutter und Sohn funktionierte nur in der Anfangszeit. Zwischen Margaretha und dem sechzehnjährigen Mitregenten Wilhelm entwickelten sich bald heftige Konflikte, in die neben England auch die Parteien der „Kabeljaus“ und „Hoeks“ verwickelt waren. Letztere war die Interessenvertretung des alten Adels, der um seinen Einfluss fürchtete. Die „Kabeljaus“ dagegen vertraten die Positionen der aufstrebenden Handelsstädte, die eine angemessene politische Partizipation forderten. Im Sommer 1351 konnte Wilhelm mit Unterstützung der „Kabeljaus“ in der Seeschlacht von Zwartewaal an der Maasmündung seine Vorherrschaft in Holland und Seeland durchsetzen. Seine Mutter Margaretha musste sich in die Grafschaft Hennegau zurückziehen. Es dauerte Jahre, bis sich Mutter und Sohn aussöhnten. Zu tief waren die Narben, die der ungewöhnliche Kampf hinterlassen hatte. Nach dem Tod seiner Mutter am 25. Juni 1356 regierte Wilhelm, nach holländischer Zählung Wilhelm V., neben den Grafschaften Holland und Seeland und der Herrschaft Friesland jetzt auch die Grafschaft Hennegau (Hainaut).

Schon 1352 hatte er in London Mechteld von Lancaster geheiratet, die von königlichem Geblüt war. So schlug er zu seinem ehemaligen Gegner eine dynastische Brücke und gewann einen neuen Bundesgenossen. Nachdem der Streit zwischen den verfeindeten Parteien in Holland abgeflaut war, verlegte Wilhelm seine Machtzentrale in den Hennegau, residierte in Mons, Valenciennes und Le Quesnoy.

Im August 1357 kehrte der Wittelsbacher schwererkrankt von einer Englandreise zurück. Er litt vermutlich an einer psychotischen Erkrankung als Folge eines Gehirnschlags. Als immer deutlicher wurde, dass er in diesem Zustand nicht mehr regieren konnte, suchte man nach einem neuen Regenten. Wilhelm fristete indes über 30 Jahre ein erbärmliches Dasein auf Schloss Le Quesnoy, wo er bis zu seinem Tod 1389 in einer Kammer eingesperrt war. Als „doller“ Graf ging er in die holländische Geschichte ein.

Herzog Albrecht I. als Landesherr

Die Suche nach einem Ersatz für den unheilbar Erkrankten führte die Vertreter der holländischen Stände zu Wilhelms Bruder Herzog Albrecht nach Straubing. Dieser stimmte zu, die Stelle seines kranken Bruders einzunehmen. Nachdem er seine Vertretung im Herzogtum Niederbayern – Straubing geregelt hatte, brach Albrecht 1358 nach Holland auf. Er ahnte nicht, dass dies der Anfang einer fast fünfzigjährigen Regierungszeit werden sollte.

Als „Ruuward“(Ruhebewahrer) sollte er die Grafschaften an der Nordsee regieren, aber bald brach dort wieder der alte Streit aus zwischen den „Hoeks“ und „Kabeljaus“. Die Friesen riefen zum Aufstand. Doch Albrecht schreckte nicht vor kriegerischen Auseinandersetzungen zurück und setzte sich durch. Als er 1359 Delft erstürmt und 1361 Middelburg erobert hatte, ebbte der Widerstand ab und Albrecht gelang das Kunststück, die verfeindeten Parteien über Jahrzehnte zu befrieden und einzubinden.

Die Wirtschaftskraft der Städte stärkte er, indem er ihnen Privilegien verlieh. So entwickelten sich die zahlreichen, relativ kleinen Städte zu potenten Wirtschaftszentren. Vor allem die Textil-, Bier-, Torf- und Ziegelproduktionen nahmen einen ungeahnten Aufschwung. Durch die Produktion von Salzheringen erlebte der Fischfang um 1400 eine gewaltige Ausdehnung der Fanggebiete und die Vergrößerung der Fangflotte.

Den Adel gewann Albrecht, indem er ihn an Regierungsaufgaben beteiligte. Aufbauend auf dem Gleichgewicht der Kräfte, konnte Albrecht wirkungsvoll seine Ziele verfolgen. Bemüht um Neutralität nach innen und außen sorgte Albrecht für stabile Verhältnisse im Nordwesten des Reiches. Die Machtzentrale verlegte er vom französisch geprägten Hennegau nach Holland, wo er im heutigen Den Haag seine Residenz nahm.