Zum Buch

 

Quedlinburg atmet Geschichte: Bis heute besticht die Silhouette der UNESCO-Welterbestadt durch zahlreiche gut erhaltene Stadttürme. Über 2100 Fachwerkhäuser, mittelalterliche Kirchen, stattliche Adelsbauten und Palais und nicht zuletzt das holperige Kopfsteinpflaster lassen Besucher in vergangene Tage eintauchen. In 1100 Jahren entwickelte sich aus einer Burg König Heinrichs I. ein fast 900 Jahre bestehendes freiweltliches Damenstift mit einer mittelalterlichen Doppelsiedlung aus Alt- und Neustadt. International bekannt wurde sie durch die außergewöhnliche Odyssee des Quedlinburger Domschatzes nach Texas und zurück.

Den Spuren dieser Entwicklung folgt die Kleine Stadtgeschichte – mit neuen geschichtlichen und archäologischen Erkenntnissen, Anekdoten, Literaturzitaten und Abbildungen.

 

 

Zum Autor

 

Thomas Wozniak, Dr. phil., geb. 1973 in Quedlinburg, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mittelalterliche Geschichte an der Philipps-Universität Marburg; zahlreiche Publikationen zur Geschichte Quedlinburgs.

Thomas Wozniak

Quedlinburg
Kleine Stadtgeschichte

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6035-3 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2605-2

 

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Vorwort

Die 1100 Jahre der Geschichte der Stadt Quedlinburg auf etwa 160 Seiten zusammenzufassen ist kein leichtes Unterfangen – manche meinen gar, es sei fast unmöglich.

Mit der Gründung des Frauenstiftes, das über 800 Jahre bestand und für das allein schon eine eigene Darstellung notwendig wäre, wurde die Basis geschaffen, und als nördlich davon 994 der Marktplatz eingerichtet wurde, bildete sich in dessen Nähe bald die Altstadt aus. Manch einer ist der Meinung, nach diesem glanzvollen Jahrhundert sei es in Quedlinburg nur noch bergab gegangen. Die Stadt liege da wie eine schlafende Prinzessin, die still vor sich hindämmere und auf ihren Weckruf warte. Je nach Betrachtungsweise stimmt dies teilweise; teilweise aber auch ganz und gar nicht: Die Stadt hat zwar die vielfach typische Entwicklung einer durchschnittlichen mitteleuropäischen Stadt genommen, doch es gibt zweifelsohne einige Besonderheiten in der Historie Quedlinburgs: So haben die Bewohner zu vielen Zeiten großes Glück gehabt. Hier sind romanische Gebäudeteile vor der Bauwut der Gotik verschont geblieben, hier haben vergleichsweise wenige Stadtbrände gewütet, und auch der Dreißigjährige Krieg war zwar bedrückend und schwer, doch nicht zerstörerisch. Vor allem aber ist die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont geblieben – was keinesfalls selbstverständlich war, wie das nahe Beispiel des bombardierten Halberstadt zeigt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schafften es die Bürger unter dem fähigen Bürgermeister Gustav Brecht dann, aus dem kleinen Provinzstädtchen einen der weltweit führenden Produzenten von Pflanzensamen zu machen. Diese Epoche kann durchaus als zweite Hochphase mit einer überregionalen, ja fast globalen Bedeutung der Stadt angesehen werden. Danach ist so manches nicht immer optimal verlaufen.

Dieses Bändchen soll eine »Kleine Stadtgeschichte« werden, wie der Titel schon zeigt, eine, die einen ersten Überblick gibt, einen Einstieg in die 1100 Jahre, ohne diese natürlich umfassend abhandeln zu können. Der Quedlinburg-Kenner wird zwangsläufig das eine oder andere vermissen, manche Anekdote, manches Ereignis, einige Namen, die normalerweise »dazugehören«. Dafür wird er aber auch einiges finden, was er so sonst nirgends lesen konnte. Die bisherigen umfassenden Darstellungen endeten im 19. Jahrhundert. Doch gerade zum 20. Jahrhundert, in dem Quedlinburg mehrfach unrühmliche Rollen zugewiesen bekommen hat, wird hier eine durchgehende Darstellung bis in die aktuelle Zeit geboten. Einige Ereignisse – wie die Pogromnacht, die Befreiung durch die Amerikaner oder die Ereignisse vom 17. Juni 1953 – sind hier erstmals anhand der Zusammenführung verschiedener Zeitzeugenaussagen in dieser Ausführlichkeit dargestellt.

Geschichte wird auf diese Weise lebendig und spannend: durch die Einzelheiten, durch Details und Anekdoten aus dem Leben – und auf diese braucht der Leser hier trotz der gebotenen Kürze nicht zu verzichten. Eine Vielzahl von Kurzportraits berühmter Quedlinburger, aussagekräftigen Quellenzitaten und Zeitzeugenberichten sind in den laufenden Text eingestreut und liefern zusätzliche Informationen. Das Allgemeine wird so durch das Besondere ergänzt und veranschaulicht.

Für viele Hinweise, die bei der Entstehung des Textes geholfen haben, danke ich Dr. Bengt Büttner, Clemens Bley M. A., Dipl. Ing. (FH) Architektur Katrin Kanus-Sieber und besonders Dr. Anja Thaller.

Es ist die Hoffnung des Verfassers, mit der »Kleinen Quedlinburger Stadtgeschichte« beim Leser die Lust zu wecken, sich weiter auf Entdeckungsreise zu begeben, um die kleinen und großen Schätze der Stadt zu heben – und an diesen mangelte es in Quedlinburg zu allen Zeiten nicht.

Von den Anfängen der Besiedlung

Vor- und Frühgeschichte

Einen Beginn der menschlichen Siedlung in der Region festzustellen, ist immer schwierig. Doch es gilt als unumstritten, dass bereits die Menschen der Altsteinzeit hier siedelten. Die Gegend war nicht durchgehend bewohnt, jedoch waren die ertragreichen Böden für die Menschen vieler Epochen anziehend. Besonders aus der Zeit des Neolithikums ließen sich viele Siedlungsreste nachweisen. Entlang des Bodetals ragen an den begrenzenden Höhenzügen immer wieder markante Hügel heraus, auf denen sich viele neolithische Begräbnishügel – wie der Moorberg, die Bockshornschanze oder der Brüggeberg – befinden. Auch lag zwei Kilometer nordwestlich von Quedlinburg eine Kreisgrabenanlage der Stichbandkeramik, die in ihrer Ausrichtung auf den Lauf der Sonne und den nahen Brocken Bezug nahm. Diese Kreisgrabenanlage stand der berühmteren in Goseck in Alter, Ausdehnung und Form kaum nach, sie wird jedoch heute durch die Trasse der Fernverkehrsstraße B 6 überdeckt. Etwas weiter nördlich wurde vor kurzem noch eine weitere große Kreisgrabenanlage entdeckt. Bereits in dieser frühen Epoche zog es also nicht wenige Siedler in die Gegend.

Zahlreiche neolithische Funde und Befunde verteilen sich über das Quedlinburger Stadtgebiet und die nähere Umgebung. Falls die Römer durch Quedlinburger Landstriche gezogen sein sollten, so wissen wir darüber nichts, denn während dieser Zeit lag der Ort im tiefsten Germanien. Römische Legionen, die um die Zeitenwende bis zur Elbe geführt wurden, hatten es nicht leicht – sie wurden in Hinterhalte und Schlachten, wie im Teutoburger Wald, oder in Scharmützel, wie am Harzhorn östlich von Bad Gandersheim, verwickelt und konnten ihre militärische Stärke gegen die barbarischen Germanen kaum erfolgreich zur Anwendung bringen. Zeugnisse römischer Kultur sind in Quedlinburg nur aus archäologischen Funden vom Moorberg, vom Galgenberg und besonders von den Salzwiesen bekannt. Für die dort jüngst entdeckten Bronzefiguren (Mars, Merkur oder Gladiator) gilt als wahrscheinlich, dass sie durch Fernhandel in die Region gekommen sind.

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Abb. 1: Italafragmente einer illustrierten Bibelhandschrift aus dem 5. Jahrhundert.

Auf dem markanten Quedlinburger Burgberg lassen sich fast seit der Bronzezeit kontinuierliche Siedlungsspuren nachweisen. Wer hier siedelte, lässt sich heute aber kaum mehr feststellen, denn bis ins 8. Jahrhundert sind allein archäologische Spuren zu finden, dann erst setzt auch in diesen Breiten langsam eine schriftliche Überlieferung ein. Um diese Zeit ist die Gegend von Sachsen besiedelt.

Karl der Große und Hessi

Das Leben Karls des Großen ist reich an Kriegen. Er ließ seine Truppen gegen die Mauren kämpfen, aber auch gegen die Langobarden. Seinen mit Abstand längsten Konflikt focht Karl freilich mit den unbeugsamen Sachsen unter der Führung seines bekannten Gegenspielers Widukind aus.

Zu Beginn der Kriege mit den Sachsen, die sich von 772 bis 804 über mehr als 30 Jahre hinzogen, hatte Karl die Eresburg erobert und dort eines der wichtigsten sächsischen Heiligtümer, die Irminsul, zerstören lassen. Darauf hatten die Sachsen mit heftigen Ausschreitungen reagiert. Gegen diese Aufstände ging Karl im Jahr 775 mit aller Härte vor. Als er dabei mit einem Teil seines Heeres am Ufer des Flusses Oker den Harzgau erreichte, kamen ihm die so genannten »Ostleute« (Ostreludi) der Sachsen unter ihrem Führer Hessi entgegen. Sie wollten nicht weiter kämpfen, unterwarfen sich Karl dem Großen und schworen ihm Treue. Damals waren noch mündliche Verträge üblich, für deren tatsächliche Einhaltung aber immer Geiseln gestellt wurden. In den Quellen heißt es, Karl habe von den Ostleuten so viele Geiseln erhalten wie er wollte. Deren Anführer, der ältere Hessi, stellte auch eine junge Geisel, die ebenfalls diesen Namen trug. Vermutlich war es sein Sohn oder Enkel, zumindest ein sehr nahestehender Verwandter.

Im Allgemeinen gab Karl der Große jüngere Geiseln zur Erziehung in Klöster. Dort wuchsen sie auf und wurden in einer Karl wohlgesonnenen Atmosphäre christlich erzogen. Wenn diese Geiseln nach einigen Jahren zurückkehren durften, übernahmen einige auch herrschaftliche Positionen in ihren Herkunftsgebieten. So konnte Karl sie als christlich erzogene und seiner eigenen Familie ergebene Stammesführer einsetzen. In diesem Sinne wurde der junge Hessi damals in einem Kloster, wahrscheinlich in Fulda, erzogen. Als sein Vater (oder Großvater), der alte Anführer Hessi, 779 starb, durfte der junge Hessi in den Harzgau zurückkehren und bekam – wie viele andere auch – von Karl dem Großen ein Grafenamt übertragen. Für das Seelenheil des älteren Hessi wurde bald im Kloster Fulda gebetet, wie aus den Eintragungen in den dortigen Totenbüchern hervorgeht. Wahrscheinlich hatte der junge Hessi dieses Gedenken an seinen älteren Verwandten gestiftet.

Das Kloster leistete derlei Gebetsdienste aber nicht uneigennützig, sondern ließ sie sich bezahlen: Der junge Hessi übertrug dem Kloster Fulda zwei Orte im Harzvorland, Froreswic und Marsleben, in unmittelbarer Nähe zu Quedlinburg; Marsleben liegt etwa zwei Kilometer nördlich und Frose etwa acht Kilometer östlich des Quedlinburger Burgberges. In beiden Orten wohnten im 8. Jahrhundert insgesamt 80 unfreie Familien. In späteren Jahren ging der mittlerweile nicht mehr ganz so junge Hessi ins Kloster Fulda zurück, wo er im Jahr 804 starb. Vor seinem Tod scheint er seinen Untergebenen Nortmann damit beauftragt zu haben, dem Kloster weitere Orte zu stiften, damit dort auch für ihn gebetet werden würde. In den Quellen wird ausdrücklich betont, dass Hessi ohne männlichen Nachkommen verstorben war, denn sein einziger Sohn war bereits in zartem Kindesalter gestorben. Seine Güter musste er deshalb seinen Töchtern überlassen.

Die frühmittelalterlichen Anfänge des Ortes

Seit sich der ältere Hessi im Jahr 775 Karl dem Großen bei Ohrum an der Oker unterworfen und eine Grafschaft erhalten hatte, gehörte er zur führenden Schicht des Reichsadels. Es ist vermutet worden, dass er im selben Jahr mit Karls Schwester Gisela (757–810) verheiratet worden sei. Wahrscheinlicher ist aber, dass diese Ehe zwischen dem jüngeren Hessi und Gisela geschlossen wurde. Aus dieser Ehe gingen ein Sohn und drei Töchter hervor. Da der Sohn starb, war es an der ältesten Tochter, ebenfalls mit Namen Gisela, im 9. Jahrhundert mehrere Klöster, so in Wendhusen und in Karsbach, zu gründen. Über Hessis Enkelkinder sind wir durch die Lebensbeschreibung der hl. Liutbirg gut unterrichtet; so war Bilihilt Äbtissin in Wendhusen, südlich von Quedlinburg, und Hruothilt Äbtissin in Karsbach. Die weiteren Nachkommen der Sippe Hessis scheinen den Konradinern sehr nahe gestanden zu haben.

 

HINTERGRUND

 

Die Goldscheibenfibel

Im Jahr 1878 wurden einen Kilometer östlich der Quedlinburger Altstadt Reste des untergegangenen Dorfes Groß Orden freigelegt. Dieser Ort hatte vom 8. bis zum 15. Jahrhundert eine große Bedeutung, wurde dann aber verlassen und fiel wüst. Bei seinen Grabungen untersuchte der damalige Quedlinburger Bürgermeister Gustav Brecht auch die Gräber und Grabstellen in der Umgebung der ehemaligen Dorfkirche und fand dabei eine merowingische Filigranfibel, also eine metallene Gewandnadel, die ähnlich wie eine Sicherheitsnadel funktioniert und meist dafür benutzt wurde, Kleider, Umhänge und Mäntel zusammenzuhalten. Als Bestandteil der Tracht diente sie – neben ihrer praktischen Funktion – auch als Schmuck. Bei den Scheibenfibeln deckte eine annähernd runde, oft reichverzierte Platte die Nadelkonstruktion ab. Filigranscheibenfibeln sind wiederum eine Sonderform der Goldscheibenfibeln, denn sie sind flächig mit dünnen, perlschnurartig gestalteten Goldfäden bedeckt. Die im Durchmesser 5,8 Zentimeter messende Fibel trägt in der Mitte eine antike Gemme mit der Darstellung eines Satyrs. Mittlerweile sind deutschlandweit über 220 Filigranfibeln bekannt, und so kann heute festgehalten werden, dass sich das Stück aus Groß Orden weit außerhalb des mittelrheinischen Hauptverbreitungsgebietes dieser Fibeln befindet. Es ist vermutlich in die Mitte des 7. Jahrhunderts zu datieren und dürfte einer herausragenden Persönlichkeit gehört haben.

Später sollte der Ort Groß Orden zum Hauptsitz der Familie der Billunger/Billinge werden, eines führenden Adelsgeschlechts im Sachsen des 8./9. Jahrhunderts.

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Abb. 2: Merowingerzeitliche Goldscheibenfibel aus dem ehemals östlich der Quedlinburger Altstadt gelegenen Dorf Groß Orden.

Neben den Familienmitgliedern der beiden Hessi hatten auch Hiddi und Amalung I. aus dem sächsischen Adelsgeschlecht der Billunger Besitz in der unmittelbaren Nähe von Quedlinburg, in Groß Orden östlich der Stadt, wo sich heute ein Gewerbegebiet befindet; sie wurden aber 779 von ihren Verwandten aus ihrer Heimat vertrieben.

Am Ende des 8. Jahrhunderts häufen sich urkundliche Nachrichten über Ortschaften in der Umgebung Quedlinburgs: Marsleben im Norden der Stadt, Groß Orden im Osten, Ballersleben im Nordwesten, das genau gegenüber auf dem anderen Flussufer liegende Ditfurt und der Ort Weddersleben im Westen. Nach dem Kloster Wendhusen scheint wahrscheinlich um 835/63 die Wipertikirche als Filiale der Abtei Hersfeld gegründet worden zu sein. Die archäologischen Funde an der Stelle zeigen aber eine schon viel frühere Nutzung. Auch für den Schlossberg lassen sich aufgrund der archäologischen Befunde sehr frühe Nutzungen nachweisen. Als erster Priester in Quedlinburg ist ein gewisser Geltmarus zu Beginn des 10. Jahrhunderts bekannt.

Herzog Otto der Erlauchte

Eine andere Familie, die für die Region, für das Frankenreich, ja sogar für Europa noch wichtiger werden sollte, waren die Liudolfinger. Sie sind nach dem Grafen Liudolf benannt; dessen jüngerer Sohn Otto der Erlauchte war seit 880 das Haupt der Familie. Er war jahrelang der Rivale König Konrads I. Von 902 bis 912 war er Laienabt von Hersfeld und scheint in dieser Zeit den Besitz um die Wipertikirche in das Eigentum der Liudolfinger genommen zu haben.

Der spätestens 935 entstandene Bericht über die »Wundertaten des heiligen Wigbert« (Miracula Sancti Wigberthi) des Lupus Servatus überliefert neben den Urkunden die früheste schriftliche Nachricht über den Ort: »Es gibt einen Ort, Quidilinoburg genannt, jetzt im Sachsenreiche, geehrt als königliche Residenz und deshalb hocherhaben und berühmt, einst dieser [der Hersfelder] Klostergenossenschaft behufs Nutznießung unterstellt, dieweil er Eigentum des hl. Wigbert war und ebendeshalb bis jetzt wegen der [dort vorhandenen] Reliquien von vielen als verehrungswürdig angesehen wird.«

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Abb. 3: Der Finkenherd um 1900. Der Legende nach wurde Heinrich I. hier zum König erhoben.

Die Bedeutung Ottos des Erlauchten innerhalb des ostfränkischen Machtgefüges war groß, was nicht zuletzt an seiner Ehe mit Hadwig klar wird, einer bedeutenden fränkischen Babenbergerin. Mehr noch, ihre gemeinsame Tochter Oda heiratete im Jahre 897 Zwentibold, ein Mitglied der karolingischen Herrscherfamilie, der von 895 bis 900 König von Lothringen war. Noch wichtiger aber wurde der dritte Sohn Ottos des Erlauchten: Heinrich wurde 919 – nachdem der Rivale Konrad I. verstorben war – zum König des Ostfrankenreiches erhoben. Als Otto der Erlauchte 912 starb, wurde sein Name von Otto I. weitergeführt, dem Sohn Heinrichs I., der eine Woche nach dem Tod seines Großvaters geboren wurde. Die legendäre Königserhebung Heinrichs I. – von der lokalen Tradition an den Quedlinburger Finkenherd verlegt – hat zwar während der Jagd in Fritzlar stattgefunden. Doch erlangte Quedlinburg bereits unter König Heinrich I. seine Bedeutung als Pfalz, in der die Königsfamilie am häufigsten das höchste und wichtigste christliche Fest – das Osterfest – gefeiert hat. Auf diese Weise ist Quedlinburg untrennbar mit der Familie der Liudolfinger verbunden, die – nach der Kaiserkrönung – unter dem Namen »Ottonen« eine weit über Mitteleuropa hinausgehende Bedeutung erlangen sollten. Europa wurde damals wiederholt von fremden Mächten erschüttert, und in dieser schwierigen Situation waren es die Ottonen, insbesondere Heinrich I. und Otto I., die für Frieden sorgten.

Die politische Blütezeit – Osterpfalz der Ottonen (922–1024)

Abseits der Hauptwege geschützt

Drei Feinde bedrohten das christliche Europa am Ende des 9. und zu Beginn des 10. Jahrhunderts wieder und wieder: Von den Wasserstraßen des Nordens her fielen die Normannen über Klöster, Ländereien und Städte her; vom Süden aus bedrohten islamische Heere wiederholt die christlichen Reiche, und auf dem Landwege verbreiteten die Ungarn mit geschickt geführten Angriffen und schnellen Rückzügen auf wendigen Pferden Angst und Schrecken. Die unkontrollierbaren Ungarn orientierten sich dabei wohl an den vorhandenen Hauptverkehrswegen – wie dem Hellweg mit seinen parallelen Nebenwegen. Einer davon führte nördlich des Harzes von Westen nach Osten und kreuzte bei Ditfurt und Ballersleben fünf Kilometer nördlich von Quedlinburg den Fluss Bode. Der Ort Quedlinburg selbst lag etwas abseits der Haupthandelsrouten, und genau das könnte sein großer Vorteil gewesen sein: Die Ungarn standen nicht plötzlich, geleitet von den Hauptwegen, vor den Toren. In der Sicherheit dieses Abstands konnte Heinrich I. seine Reitertruppen ausbilden und für den Kampf vorbereiten. Später konnten er und seine Reiter im Rücken der auf den Hauptwegen vorbeiziehenden Ungarn auftauchen. Eine solche für die ungestörte Vorbereitung zum Kampf ideale, etwas abseitige Lage ist auch an anderen Pfalzorten wie Memleben beobachtet worden. Für die Ottonen scheinen in der bedrohlichen und angespannten Lage Orte notwendig gewesen zu sein, die ein sicheres Versteck darstellten. Aber wer war überhaupt dieser Heinrich I., der die Ungarn das Fürchten lehrte?

König Heinrich I. und Königin Mathilde

Der junge Heinrich I. hatte 906 eine Frau namens Hatheburg geheiratet, obwohl diese als junge Witwe bereist den Schleier genommen hatte, also in ein Kloster gegangen war. Verschiedene Bischöfe hatten dies als Grund gegen die Ehe vorgebracht, aber Heinrich scheint dies gleichgültig gewesen zu sein. Hatheburg brachte große Besitztümer mit in die Ehe. Den gemeinsamen Sohn nannte man Thankmar, nach Heinrichs früh verstorbenem älterem Bruder. Etwas später hörte Heinrich, mittlerweile über 30 Jahre alt, von der jungen, damals gerade 14-jährigen Mathilde, die in einem Stift in Engern in Westfalen erzogen wurde, das von ihrer Großmutter geleitet wurde. Heinrich wurde dort heimlich vorstellig, arrangierte sich mit der Großmutter, die ebenfalls Mathilde hieß, und heiratete – anscheinend nur mit deren Erlaubnis, ohne die Zustimmung der Eltern, des Grafen Dietrich, eines Nachkommen Widukinds, und der Reginlind – im Jahr 909 die junge Mathilde in Wallhausen.

Seine Ehe mit Hatheburg hatte Heinrich kurzerhand auflösen lassen – mit der Begründung, sie habe ja bereits den Schleier genommen. Ihre Besitzungen behielt er aber in seiner Hand. Dafür, dass er eine Frau (Hatheburg) beraubt und eine Frau (Mathilde) entführt hatte, wurde Heinrich später mit dem Beiname der »Vogelere« bedacht, einem nach neueren Forschungen durchaus derben und anzüglichen Beinamen. Der war natürlich unpassend für den später immer wieder als »ersten deutschen König« bezeichneten Heinrich I., weshalb der Name am Rand der betreffenden Chronik im 12. Jahrhundert zum »Vogelsteller« erweitert wurde. Da Heinrich I. als König viel Zeit auf der Jagd verbracht hatte, passte das deutlich besser zum Image des Herrschers. Übrigens war der Altersunterschied der Brautleute wie auch das enorm hohe Tempo der Eheschließung bereits den Zeitgenossen aufgefallen, und so formuliert die – mit einem Abstand von fast einem Jahrhundert entstandene – zweite Biografie Mathildes, die Beiden seien in sehr großer Liebe zueinander entbrannt.

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Abb. 4: Darstellung der ersten Äbtissin Mathilde auf einem Glasfenster in der Stiftskirche.

Mit Mathilde war Heinrich bis zu seinem Tod im Jahr 936 verheiratet, und sie gebar ihm fünf Kinder: Otto, Heinrich, Gerberga, Hadwig und Brun. Ersterer wurde als Nachfolger seines Vaters 936 König, Heinrich wurde später Herzog von Bayern, Gerberga wurde 928 mit Giselbert von Lothringen verheiratet, und nachdem dieser 939 im Rhein ertrunken war, heiratete sie Ludwig IV., den König des Westfrankenreiches. Hadwig wurde 937/38 mit Hugo dem Großen, dem Herzog von Franzien, vermählt; ihr gemeinsamer Sohn Hugo Capet, der 987 französischer König wurde, kam um 940 zur Welt. Brun schließlich, der jüngste der Nachkommen von König Heinrich und Königin Mathilde, wurde 953 zum Erzbischof von Köln gewählt und Anfang September 953 mit dem Herzogtum Lothringen belehnt.

Obwohl Otto I. zwischen 929 und 936 zum alleinigen Mitkönig gemacht wurde und dies auch gewaltsam gegen alle Widerstände durchsetzte, versuchte sein jüngerer Bruder Heinrich immer wieder, die Herrschaft zu übernehmen. Zwischen den Nachkommen Ottos I. (Otto II. und Otto III.) und denen Heinrichs (Heinrich der Zänker und Heinrich II.) entbrannte ein fast ein Jahrhundert dauernder Wettstreit um die Macht. Diese Auseinandersetzung prägte die gesamte Epoche der Ottonen und spiegelt sich in sämtlichen im ostfränkischen Reich dieser Zeit entstandenen Quellen wider. In Quedlinburg scheinen dabei diejenigen Quellen entstanden zu sein, die für das Königtum Ottos I. argumentierten. So hielt sich hier Widukind von Corvey oft auf, der seine »Res gestae Saxonicae« der Tochter Ottos I. widmete; auch der Chronist Thietmar von Merseburg wurde eine Zeit lang hier erzogen. Auch entstanden hier die wichtigen »Quedlinburger Annalen«. Damit dies alles aber passieren konnte, war eine dauerhafte Institution notwendig, die eine stabile Erinnerung an die Mitglieder der ottonischen Familie garantieren konnte.

Stiftsgründung 936 mit weitreichenden Folgen

Erstmals wurde Quedlinburg als villa quae dicitur Quitilingaburg in einer Urkunde König Heinrichs I. vom 22. April 922 erwähnt. Bedeutend für die Entwicklung der Stadt war insbesondere das Jahr 929, als der König eine weitere Urkunde erstellen ließ, die heute als »Hausordnung« gedeutet und bezeichnet wird. Darin regelte der König Angelegenheiten seiner Familie. Seine Frau Mathilde erhielt zusätzlich zu ihrem Eigenerbe in Engern und Westfalen die liudolfingischen Familiengüter in Quedlinburg, Pöhlde, Nordhausen, Grona und Duderstadt. Diese wurden ihr mit allen Burgen, Burgbezirken, Hörigen und Dienstmannen sowie der fahrenden Habe und den Gestüten als Witwenversorgung zur freien Nutzung zugesprochen. Später bestimmte Heinrich I. Quedlinburg zu seiner Grablege. Nach seinem Tod in Memleben im Jahr 936 wurde er in der Pfalzkapelle auf dem Burgberg bestattet. Seine Witwe, Königin Mathilde, ließ sich ein paar Wochen später von ihrem Sohn Otto I. die Gründung eines Kanonissenstiftes am Grab Heinrichs I. bestätigen, das die Aufgabe hatte, des toten Königs und anderer Familienmitglieder zu gedenken und adeligen jungen Frauen eine Ausbildungsmöglichkeit und Lebensperspektive zu geben. Genau 30 Jahre lang stand Königin Mathilde dem Stift selbst als Leiterin vor, ohne je zur Äbtissin geweiht worden zu sein. Otto I. besuchte Quedlinburg in unregelmäßigen Abständen zur Feier des Osterfestes und zu den Gedenktagen seines Vaters. Ottos im Jahr 955 von seiner zweiten Frau Adelheid von Burgund geborene Tochter, die nach ihrer Großmutter den Namen Mathilde erhielt, war von Geburt an für die Leitung des Stiftes vorgesehen. Bereits mit elf Jahren wurde sie auf dem Osterhoftag 966 mit diesem Amt betraut (s. S.31). Zwei Jahre nach dem Osterhoftag, am 14. März 968, starb Königin Mathilde und wurde an der Seite ihres Gemahls, Heinrichs I., bestattet. Ihr Grab und ihr steinerner Sarkophag sind erhalten geblieben, während die Grablege Heinrichs leer ist.

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Abb. 5: Siegel König Heinrichs I. an einer Urkunde von 927.

Königin Mathilde hatte sich 936 und vermutlich auch später eigene Stiftsdamen gesucht. Nach den Quedlinburger Annalen habe sie keine Personen niederen Standes in den Konvent aufgenommen, sondern nur solche von höchstem Adel, da sie davon ausgegangen sei, dass eine Hochwohlgeborene (bene nata) nur höchst selten aus der Art schlage. Mit bene nata