Zum Buch

 

Bereits vor seinem Regierungsantritt im Jahr 1913 hatte sich der unkonventionelle Wittelsbacher König Ludwig III. (1845–1921) politisch einen Namen als überzeugter Föderalist und Förderer von Wirtschaft und Wissenschaft gemacht. Daneben betrieb er jahrzehntelang ein landwirtschaftliches Mustergut – daher der liebevoll-spöttische Spitzname »Millibauer«. Die Regierungszeit dieses volkstümlichen Königs wurde jedoch vom Ersten Weltkrieg überschattet, an dessen Ende die Monarchie in der Novemberrevolution des Jahres 1918 gestürzt wurde.

Ludwigs wechselvolle Lebensgeschichte wirft Fragen auf: War der Zusammenbruch des Königreichs in seiner Person und seiner politischen Agenda begründet? Bestanden Chancen zur Rettung und Erneuerung der Monarchie?

 

 

 

Zum Autor

 

Stefan März
Dr. phil., geboren 1980, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Politische Wissenschaft. Seine Dissertation behandelt die bayerische Monarchie in der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Biografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Bedingte mit dem Bedingenden. So ist Lesen Lernen und Vergnügen zugleich.

Dafür sind gut 100 Seiten genug – also ein Wochenende, eine längere Bahnfahrt, zwei Nachmittage im Café. Wobei klein nicht leichtgewichtig heißt: Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert, aber nicht speziell vorgebildet ist.

Bayern ist von nahezu einzigartiger Vielfalt: Seinen großen Geschichtslandschaften Altbayern, Franken und Schwaben eignen unverwechselbares Profil und historische Tiefenschärfe. Sie prägten ihre Menschen – und wurden geprägt durch die Männer und Frauen, um die es hier geht: Herrscher und Gelehrte, Politiker und Künstler, Geistliche und Unternehmer – und andere mehr.

Das wollen die KLEINEN BAYERISCHEN BIOGRAFIEN: Bekannte Personen neu beleuchten, die unbekannten (wieder) entdecken – und alle zur Diskussion um eine zeitgemäße regionale Identität im Jahrhundert fortschreitender Globalisierung stellen. Eine Aufgabe mit Zukunft.

 

Dr. Thomas Götz, Herausgeber der Buchreihe, geboren 1965, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und legte mehrere Veröffentlichungen, vor allem zu Stadt und Bürgertum in Bayern und Tirol im 18., 19. und 20. Jahrhundert, vor. Darüber hinaus arbeitet er im Museums- und Ausstellungsbereich.

STEFAN MÄRZ

 

 

 

Ludwig III.

 

 

Bayerns letzter König

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Friedrich Pustet
Regensburg

Impressum

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

eISBN 978-3-7917-6033-9 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2603-8

 

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Prolog

Am Nachmittag des 7. November 1918 marschierten tausende aufgebrachte Demonstranten vor die Münchner Residenz. Die pfeifenden und skandierenden Massen schwenkten rote Fahnen, forderten einen sofortigen Friedensschluss und verlangten die Abdankung des Königs von Bayern. Nebelschwaden hatten sich seit dem Mittag über die Haupt- und Residenzstadt Bayerns gelegt, was die Bedrohlichkeit der Szenerie noch verstärkte. Im Königsbau der Residenz saß währenddessen der 73-jährige Monarch, König Ludwig III. von Bayern, resigniert bei zugezogenen Vorhängen. Sein Leibarzt hatte ihm – aus Angst, es könne ihn zu sehr aufregen – verboten, an die Fenster zu gehen, die auf den mit Demonstranten gefüllten Max-Joseph-Platz zeigten. Die wachhabenden Soldaten des Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiments wurden am Abend zum Abzug gedrängt, so dass das Stadtschloss ohne Schutz verblieb. Der seit fünf Jahren regierende Monarch ergriff an diesem Abend mit den anwesenden Mitgliedern seiner Familie die Flucht vor der drohenden Revolution.

Die politische Lage hatte den König seit Wochen beunruhigt. Echte Dramatik entwickelte sie jedoch erst, als ein vom Sozialisten Kurt Eisner angeführter Demonstrationszug am besagten 7. November von der Theresienwiese aus durch die Stadt zog und die Kasernen, den Hauptbahnhof und die Regierungsbauten stürmte. Noch am Abend wurde im Mathäserbräu ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Ein Rückzug aus München schien dem Monarchen nach Beratung mit seinen Ministern unumgänglich. Als Fluchtziel sollte Schloss Wildenwart am Chiemsee dienen. Ludwig III. sah in der überstürzten Abreise eine Sicherheitsmaßnahme bis zur Beruhigung der Lage. Er hatte einzig eine Zigarrenschachtel bei sich, was im Nachhinein Anlass zu allerlei Karikaturen bot. Geradezu sinnbildlich rutschte das Automobil des Königspaares bei dichtem Nebel in einen morastigen Acker in der Nähe Rosenheims. Schließlich erreichte man am frühen Morgen des 8. November den Chiemsee.

 

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Abb. 1:  »Die Revolutionsnacht vor der Residenz.« – Karikatur zu Ludwig III. während der Geschehnisse am 7. November 1918.

 

Ebenso wie seine gleichnamigen Vorgänger sollte auch dieser König Ludwig vorzeitig den Thron räumen müssen. Während Ludwig I. im Jahr 1848 und Ludwig II. im Jahr 1886 nur ihre persönliche Herrschergewalt verloren, erlebte König Ludwig III. mit der Revolution des Jahres 1918 indes den Untergang der konstitutionellen Monarchie. Da die handstreichartige Überrumpelung der alten Gewalten in München auf erstaunlich große Akzeptanz stieß, wagte der Sozialist Kurt Eisner am 8. November 1918 die Ausrufung der Republik in Form des so genannten »Freistaats Bayern«.

Ludwigs Lebenszeit war geprägt vom Glanz der Monarchie und einer Phase der kulturellen Blüte, gleichzeitig jedoch von elementaren politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Brüchen. Zu nennen sind die Revolution von 1848, die rasante Industrialisierung, der Kulturkampf, soziale Missstände sowie der Machtgewinn von Parlamenten und Regierungen. Man denke an die Kriege unter bayerischer Beteiligung sowie an die Reichsgründung des Jahres 1871, die zwar eine lange Friedenszeit, aber auch eine fundamentale Veränderung der Machtarchitektonik bewirkte. Nicht zu vergessen ist die Königskatastrophe von 1886, die das Vertrauen in die Monarchie schwer erschütterte. Kurz nach Ludwigs Regierungsantritt im Jahr 1912 brach der Erste Weltkrieg aus, der erst mit der Revolution des Jahres 1918 sein Ende fand. Die wechselvolle und bisweilen tragische Lebensgeschichte Ludwigs III. wirft unzählige Fragen auf: Wer war dieser letzte König von Bayern? Welche politische Agenda verfolgte er, wie inszenierte und verstand er seine Herrschaft? Lag der Zusammenbruch der Monarchie in seiner Person begründet, oder doch eher in den Zeitumständen des verheerenden Weltkriegs? Hatte sich die Königsherrschaft möglicherweise ohnehin längst überlebt? Bestanden für den König nicht auch Chancen zur Erneuerung der Monarchie, die ungenutzt verstrichen? Erst der genaue Blick auf die Biografie des letzten Königs von Bayern schafft diesbezüglich Klarheit.

Heutzutage ist König Ludwig III. von Bayern in folkloristischer Verklärung unter der leicht spöttischen Bezeichnung »Millibauer« bekannt. Eine schillernde Figur wie einige seiner Vorgänger war er zugegebenermaßen nicht, hatte er doch weder außereheliche Affären wie sein königlicher Großvater Ludwig I., noch starb er einen geheimnisumwitterten Tod wie sein Vetter Ludwig II., der »Märchenkönig«. Ludwig III. wurde auch nicht dasselbe Maß an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit zuteil wie einigen seiner Vorgänger auf dem bayerischen Thron. Seiner Biografie widmeten sich unter anderem Alfons Beckenbauer, Hans-Michael Körner und Hubert Glaser. Auf deren grundlegenden Arbeiten – sowie auf zahllosen weiteren Studien – fußt das vorliegende Buch.

»Der ältere Ludwig ist der gescheiteste,
sein Bruder Leopold der treuherzigste,
der jüngere Ludwig der schönste,
Otto der lieblichste.«

 

König Ludwig I.

 

1   Prinz aus königlichem Hause

 

 

Mitte der 1840er-Jahre wartete das bayerische Königshaus noch immer auf seine Enkelgeneration, welche die Thronfolge fortführen und den Bestand der Dynastie sichern sollte. König Ludwig I., der beinahe sein 60. Lebensjahr erreicht hatte, regierte seit etwa zwei Jahrzehnten. Kronprinz Maximilian (1811–1864), der älteste Sohn des Monarchen, war in seiner Ehe mit der preußischen Prinzessin Marie bislang noch ohne den erhofften Nachwuchs. Sein jüngerer Bruder Otto (1815–1867), der es zum König von Griechenland gebracht hatte, sollte in seiner Ehe gänzlich kinderlos bleiben. Luitpold (1821–1912), der drittälteste Sohn des Königs, hatte 1844 im Dom von Florenz Erzherzogin Auguste von Österreich geheiratet. Der naturbegeisterte Prinz gewann durch seine gesellige Art schnell die Herzen der Menschen. Seine Gattin, eine Tochter des Großherzogs von Toskana und Großnichte des Kaisers Franz I. von Österreich, wurde von der Bevölkerung ebenfalls geliebt. Die selbstbewusste und bildschöne Prinzessin sollte jedoch zeitlebens an einem Lungenleiden laborieren. Zur Freude der königlichen Familie kündigte sich im Hause Luitpold bald der erste Nachwuchs an. In den Mittagsstunden des 7. Januar 1845 kam in den Kurfürstenzimmern der Münchner Residenz ein Knabe zur Welt – und damit der erste königliche Enkel und potenzielle künftige Thronfolger Bayerns. In dessen Ahnentafel fanden sich etliche prominente Namen der Wittelsbacher, Habsburger, Wettiner und Bourbonen, etwa derjenige seiner Ur-Ur-Urgroßmutter Maria Theresia von Österreich.

 

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Abb. 2:  Die Familie des Prinzen Luitpold: hintere Reihe (v. l.): Leopold, Luitpold und Ludwig; vordere Reihe: Therese, Auguste und Arnulf. – Fotografie, um 1855.

 

Zwei Prinzen namens Ludwig

König Ludwig I. unterhielt sich gerade mit seinem Hofarchitekten Friedrich von Gärtner an der Baustelle des Münchner Siegestores, als er die Nachricht erhielt, die Geburt seines Enkels sei glücklich verlaufen, der Prinz sei »wohl gebildet […] und gesund«. Am Tag nach der Geburt sollte die Taufe stattfinden. Die Namensgebung begeisterte den königlichen Großvater, der zugleich auch Taufpate war: »Der jüngste Wittelsbacher wird heute um drei Uhr im Thronsaal, umgeben von zwölf Standbildern ausgezeichneter Ahnen, in der heiligen Taufe den Namen Ludwig erhalten.« Die feierliche Zeremonie wurde vom Erzbischof von München und Freising, Lothar Anselm von Gebsattel, durchgeführt. Der Prinz sollte mit vollem Namen Ludwig Leopold Joseph Maria Aloys Alfred heißen. Geladen waren neben dem diplomatischen Corps mit Gattinnen auch der gesamte Hofstaat sowie das Offizierscorps.

Kurze Zeit später jedoch schien es, dass der Prinz die Krone wohl doch niemals erben würde: Das bislang kinderlose Kronprinzenpaar Maximilian und Marie erwartete, nachdem sich bei der Kronprinzessin Anfang 1845 erste Anzeichen einer Schwangerschaft eingestellt hatten, im Sommer ebenfalls Nachwuchs. Marie wurde am 25. August von einem Sohn entbunden, der ebenfalls auf den Namen des königlichen Großvaters getauft wurde: Ludwig. Dieser Prinz, der in der Thronfolge näher an der Krone stand als sein einige Monate zuvor zur Welt gekommener gleichnamiger Vetter, sollte als »Märchenkönig« Ludwig II. (1845–1886) in die Geschichte eingehen.

Für die Familie des Prinzen Luitpold war die Krone wieder in weite Ferne gerückt. Es sah im Jahr 1845 so aus, als würde die Erbfolge der Wittelsbacher von König Ludwig I. auf seinen Sohn Maximilian, dann auf dessen Sohn Ludwig und eines Tages auf dessen künftige Nachkommen übergehen. Prinzessin Auguste war sich bewusst, was die Geburt ihres Neffen für ihren eigenen Sohn bedeutete. Der Hofsekretär Freiherr von Pfistermeister erzählte später, die ehrgeizige Prinzessin habe ihr Kind aus der Wiege geholt und ihm enttäuscht gesagt: »Ludwig, bisher warst du etwas, jetzt bist du nichts mehr.« Aus dem Prinzen wurde schließlich wider Erwarten doch noch ein König von Bayern: Ludwig III. Er sollte den Thron allerdings erst im Jahr 1913 besteigen.

Kindheit und Erziehung

Die Eltern des Prinzen Ludwig bekamen noch drei weitere gesunde Kinder: Leopold (1846), Therese (1850) und Arnulf (1852). Das Kronprinzenpaar freute sich ebenfalls über erneuten Nachwuchs, als Prinz Otto (1848) geboren wurde. Der Großvater Ludwig I. wagte 1850 in einem Brief eine Charakteristik seiner Enkel: »Der ältere Ludwig ist der gescheiteste, sein Bruder Leopold der treuherzigste, der jüngere Ludwig der schönste, Otto der lieblichste.« Die Kindheits- und Jugendjahre der Prinzen und der Prinzessin verliefen parallel. Das ausgesprochen strenge Erziehungsprogramm war auf christliche und bürgerliche Tugenden, auf Bescheidenheit, Sparsamkeit und Demut gegenüber ihrer herausgehobenen Stellung ausgerichtet. Unterrichtet wurden die Prinzen durch Hauslehrer und abgeordnete Gymnasial- und Universitätsprofessoren. Vom Jahr 1852 bis zum Jahr 1863 war der hauptsächliche Hauslehrer des Prinzen Ludwig und seines Bruders Leopold der Artillerieoffizier Ferdinand Ritter von Malaisé (1806–1892). Ab 1855 kam Heinrich von Vallade zur Unterstützung hinzu.

 

Ludwigs Bruder Leopold

1846 wurde Prinz Leopold geboren, der später die österreichische Kaisertochter Gisela heiratete. Der Brautvater schenkte dem Paar ein Palais an der Schwabinger Straße, die später in Leopoldstraße umbenannt wurde. Die beiden hatten vier Kinder. Der Prinz schlug eine Laufbahn in der bayerischen Armee ein, die ihn schließlich bis in die Generalität aufsteigen ließ. Leopold zeichnete sich derart aus, dass er zum Generalinspekteur der IV. Armee-Inspektion und am 1. Januar 1905 zum Generalfeldmarschall ernannt wurde. Der Prinz unternahm zudem mehrere Reisen in die afrikanischen Kolonien und bildete sich wissenschaftlich weiter. Im Ersten Weltkrieg wurde er Armeeführer an der Ostfront und schließlich Nachfolger Paul von Hindenburgs als Oberbefehlshaber Ost. Von seinem Generalstabschef wurde der Prinz als passionierter Soldat, leidenschaftlicher Jäger und Reiter und als der letzte Grandseigneur, den er kennengelernt habe, beschrieben. Der preußische Generalleutnant Franz von Lenski erinnerte sich in ähnlicher Weise: »Fast immer guter Laune, ein angenehmer Plauderer oder fesselnder Erzähler, wie es traf. […] Und wie viel Humoristisches wusste er einzuflechten, denn sein Sinn für Humor war stark entwickelt.«

 

 

Insbesondere in der luitpoldinischen Familie wurde bei der Ausbildung großer Wert auf Gehorsam und körperliche Ertüchtigung gelegt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen notierte Ludwigs jüngerer Bruder Leopold, »dass das Militärische in der ganzen Erziehungsmethode von vorwiegendem Einfluss war«. Auf individuelle Veranlagungen wurde hierbei wenig Rücksicht genommen. Über die charakterliche Erziehung und das Bildungsprogramm der Kinder wachte vor allem die Mutter Auguste. Die lebhafte und willensstarke Italienerin setzte sich mit Hingabe für ihre Kinder ein und schreckte nicht vor Konventionsbrüchen zurück. Die Fächer Mathematik, Deutsch, Geschichte, Geografie, Religionslehre, Französisch, Italienisch, Latein und Neugriechisch nahmen einen Großteil des Stundenplans ein. Die Charakterisierung Ludwigs durch seinen königlichen Großvater als »der gescheiteste« seiner Enkel sollte sich bewahrheiten, da dieser mit großem Fleiß daran ging, sein Wissen zu mehren. Der Unterricht der Prinzen umfasste allerdings kaum Kunst und Literatur. Romane wurden aus der Bibliothek der Söhne Luitpolds und Augustes verbannt, Sachbücher hingegen besonders empfohlen.

Im Gegensatz zu Großvater und Vater entwickelte Ludwig nur wenig Sinn für Kunst. Ein Zeitgenosse urteilte später etwas harsch über ihn: »Musik war ihm ein ruhestörender Lärm, Gemälde kaufte er zwar pflichtgemäß, ohne sich jedoch daran zu erfreuen, auf den Dichter blickte er, wie ich glaube, mit gelinder Verachtung herab.« Aufgrund seiner manchmal schroffen, sturen und unzufriedenen Art gestaltete sich die charakterliche Erziehung Ludwigs schwieriger als die seiner Geschwister. Pädagogische Fehlschläge des ältesten Sohnes führte seine Mutter vor allem auf dessen Energielosigkeit und Verschlossenheit zurück. Mit Sorge betrachtete Prinzessin Auguste die Entwicklung ihrer Kinder: »Mein Vater ist unschlüssig, mein Mann ist unschlüssig, ja was soll denn daraus werden, wenn diese Eigenschaft sich bei meinen Kindern verdoppelt?« Aus diesem Grund legte sie größten Wert auf die Anleitung Ludwigs, Leopolds, Thereses und Arnulfs zum eigenständigen und entschlossenen Handeln.

 

Die Gelehrte: Prinzessin Therese

Das drittgeborene Kind Luitpolds und Augustes, Prinzessin Therese, kam 1850 in München zur Welt. Sie beschrieb sich selbst als mutig, entschlossen, »ein scharf umrissener Charakter, eine durchaus selbstständige Natur«. Die Prinzessin war elf Sprachen in Wort und Schrift mächtig. Ihr für eine Frau dieser Zeit ungewöhnliches politisches Interesse konzentrierte sich sowohl auf die Innenpolitik als auch auf die orientalische Frage. Von Kindheit an legte sie, ebenso wie ihr Bruder Ludwig, eine Leidenschaft für die Wissenschaft an den Tag. Sie publizierte – anfangs noch unter dem Pseudonym »Th. v. Bayer« – etwa 20 naturwissenschaftliche Werke. Unter anderem führten sie ihre Studien, die ihr einen ernstzunehmenden Ruf als Naturwissenschaftlerin und Forscherin einbrachten, durch Russland, ins Polargebiet, nach Brasilien, Mexiko, Nordamerika, Kanada, Nordafrika und Kleinasien. Die Autodidaktin erhielt durch wissenschaftliche Vereinigungen in ganz Europa Anerkennung und wurde Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Ludwig-Maximilians-Universität München verlieh Therese im Dezember 1897 als erster Frau die Ehrendoktorwürde. Nach dem Tod ihres Vaters erfüllte die Prinzessin sich den Wunsch, »einen kleinen Gelehrtenkreis um [sich] zu sammeln, den bescheidenen Mittelpunkt einer geistig anregenden Gesellschaft zu bilden«. Im Winter 1913/14 lud sie regelmäßig Münchner Gelehrte zum wissenschaftlichen Austausch zu sich. Den Großteil der Zeit verbrachte Therese, die zeitlebens unverheiratet blieb, in der Villa Amsee in Lindau.

 

 

Der Tagesablauf war streng reguliert. Um fünf Uhr morgens wurden die jungen Königlichen Hoheiten geweckt und hatten eine halbe Stunde Zeit für die Morgentoilette. Danach stand eine zweistündige Lerneinheit an, auf welche das Frühstück folgte. Ab acht Uhr wurde bis zum Mittagessen nach vorgegebenem Stundenplan Unterricht erteilt, danach wieder Selbststudium, nur von einem Spaziergang unterbrochen. Die Hauptmahlzeit der Familie fand nachmittags um vier Uhr statt. Im Anschluss wurden die Hausaufgaben erledigt. In ihrer spärlichen Freizeit vergnügten sich Prinz Ludwig und seine Geschwister Leopold, Therese und Arnulf gemeinsam, etwa im »Prinzengärtchen« des Nymphenburger Schlossparks. Wie Prinzessin Therese später berichtete, teilte sie die Interessen ihrer drei Brüder und liebte es, mit ihnen »Soldaten, Festungsbelagerungen, Laufspiele« zu spielen. Die vier Kinder verbrachten auch Zeit mit den beiden Vettern Ludwig und Otto. Es wird jedoch berichtet, dass dies nicht immer harmonisch ablief und schon damals erste Rivalitäten zwischen den Söhnen Prinz Luitpolds und ihren Cousins zutage traten. Die Urlaubszeit wurde in Hohenschwangau oder in der Villa Amsee bei Lindau verbracht. Prinz Luitpold hatte das letztere Gut für seine Familie erworben, da er hoffte, das milde Klima am Bodensee würde der Gesundheit seiner lungenkranken Ehefrau Auguste zugute kommen.

 

Das Nesthäkchen: Prinz Arnulf

Der jüngste Bruder Ludwigs, Prinz Arnulf, wurde 1852 geboren. Mit seiner Schwester Therese war er zeitlebens sehr eng verbunden. Diese bezeichnete ihn wiederum als ihren Lieblingsbruder. Arnulf heiratete im April 1882 Prinzessin Therese von Liechtenstein, eine Tochter des Fürsten Alois II. Diese Verbindung war in finanzieller Hinsicht ebenso lukrativ wie die Ehen seiner beiden älteren Brüder. Das Paar bezog den zweiten Stock des Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße in München. Der einzige Sohn aus dieser Ehe sollte der 1884 geborene Prinz Heinrich sein. Arnulf absolvierte – ebenso wie sein Bruder Leopold – eine glänzende militärische Karriere, die ihn zum Kommandierenden General des I. Bayerischen Armee-Korps, zum Generalobersten sowie zum Generalfeldmarschall aufsteigen ließ. Die Kaserne des von ihm befehligten Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiments an der Türkenstraße in München wurde nach ihm »Prinz-Arnulf-Kaserne« benannt. Arnulf übernahm wie seine Geschwister repräsentative Aufgaben, etwa die Vertretung des Königshauses beim Begräbnis der Königin Victoria von England im Jahr 1901. Er bereiste nach seiner 1903 beendeten Karriere als Berufsoffizier zentralasiatische Länder und sprach unter anderem Russisch. Im November 1907 starb Arnulf gerade einmal 55-jährig in Venedig an einer Lungenentzündung. Das Tagebuch seiner letzten Jagdexpedition nach Turkestan wurde von seiner Schwester Therese posthum veröffentlicht.

 

 

Abdankung des Großvaters

Im Frühjahr 1848 dankte König Ludwig I. infolge der revolutionären Forderungen nach mehr Demokratie und geschwächt durch den bereits seit zwei Jahren schwelenden Skandal um Lola Montez ab. Gegen seine Überzeugung vom Wesen der Monarchie gab er als letzte große politische Handlung den liberalen Anliegen seiner revoltierenden Untertanen nach und gewährte nicht nur Pressefreiheit und die Ministerverantwortlichkeit vor dem Landtag, sondern auch ein verbessertes Wahlgesetz und das Recht des Landtags zu Gesetzesinitiativen. Als bloßer »Unterschreibkönig« zu dienen, konnte sich Ludwig nicht vorstellen. Seine Abdikation am 20. März 1948 machte Kronprinz Maximilian vorzeitig und völlig überraschend zum König. Ebenso wie sein Vater wollte sich Max II. aber nicht mit den weitgehenden demokratischen Zugeständnissen abfinden und versuchte seine gesamte Regierungszeit über, diese zumindest teilweise zu revidieren. Es sollte ihm jedoch nicht gelingen, den wachsenden Einfluss der Regierung und der zweiten Kammer des Parlaments einzudämmen.

 

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Abb. 3:  Das Palais Leuchtenberg am Münchner Odeonsplatz

 

Nach seiner Thronbesteigung nahm König Max II. mit seiner Familie Wohnung in der Residenz. Während sein Sohn – der spätere König Ludwig II. – damit im Alter von zweieinhalb Jahren zum Kronprinzen von Bayern aufstieg, musste dessen gleichnamiger älterer Vetter hingegen aus den Kurfürstenzimmern der Residenz ausziehen.

Prinz Luitpolds Familie siedelte 1852 in den zweiten Stock des Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße über, in welchem auch Ludwig I. nach seiner Abdankung eine Wohnung bezogen hatte. Der nun siebenjährige Prinz Ludwig – der spätere Ludwig III. – war überglücklich, wieder mehr Zeit mit dem geliebten Großvater verbringen zu können. Im Sommer 1854 erwarb Luitpold für seine mittlerweile sechsköpfige Familie schließlich das Palais Leuchtenberg am Münchner Odeonsplatz. Ludwig war zum Zeitpunkt der Abdankung seines Großvaters gerade erst drei Jahre alt gewesen. Wenngleich er die politischen Ereignisse der Revolutionszeit von 1848/49 noch nicht bewusst erlebt hatte, wurde sein späteres Wirken dadurch nachhaltig geprägt. Eine konstitutionell-reaktionäre Agenda, die im Beharren auf dem monarchischen Prinzip, dem Gottesgnadentum sowie den verfassungsmäßigen Kompetenzen des Monarchen bestand, sollte für ihn zeitlebens bestimmend bleiben. Gleichzeitig sollte sich bei Ludwig das in der Furcht vor einer Revolution begründete Bemühen um Popularität im Volk überdeutlich ausprägen.

Eine Jugend voller Revolutionserfahrungen

Das Lungenleiden der Mutter Auguste verschlechterte sich in den 1850er-Jahren zunehmend; daher reiste sie im Winter 1854/55 mit ihren vier Kindern nach Italien. Der fast zehnjährige Ludwig, der bald neunjährige Leopold, die vierjährige Therese und der zweijährige Arnulf kamen auf diese Weise in den Genuss von fürstlichen Verwandtenbesuchen, etwa bei Herzog Franz V. und Herzogin Adelgunde von Modena sowie in Florenz bei ihrem Großvater Leopold II., dem Großherzog von Toskana. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht zu erahnen, dass beide Häuser in nur fünf Jahren ihre Throne verlieren würden und die Souveränität ihrer Staaten im Zuge der italienischen Einheitsbewegung untergehen sollte. Während des fast halbjährigen Aufenthalts in Florenz gewann Ludwig tiefe Einblicke in die eigene Familiengeschichte, die sein leidenschaftlich-ablehnendes Urteil über das »Risorgimento«, das 1861 zur Gründung des Königreichs Italien führte, vorzeichneten.

Wenige Monate nach Ludwigs 17. Geburtstag stand eine Reise an, die sich als abenteuerlich erweisen sollte: Sein Onkel Otto, der als König von Griechenland abgewirtschaftet hatte und trotz der Gewährung einer Verfassung mit der Gefahr einer Revolution rechnen musste, verfügte über keinen Thronerben. Aus diesem Grund war die erbberechtigte Familie des Prinzen Luitpold daran interessiert, die Möglichkeiten einer Nachfolge auf dem griechischen Thron auszuloten. Prinz Luitpold selbst winkte zwar dankend ab, sandte aber seine beiden Söhne Ludwig und Leopold im Februar 1862 zum griechischen Königspaar. Über Wien, wo Kaiser Franz Joseph I. die beiden Prinzen empfing, ging es nach Triest, von wo aus Ludwig und Leopold mit einem Raddampfer in Richtung Korfu fuhren.

 

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Abb. 4:  Prinz Ludwig als 15-Jähriger in Jägertracht. – Fotografie, 1860.

 

Kurz vor der Ankunft wurde der Dampfer von einem griechischen Kanonenboot gestoppt. Der Erste Sekretär der bayerischen Botschaft in Athen kam an Bord und erklärte, eine Revolution sei im Gange und eine Weiterfahrt der beiden Prinzen empfehle sich nicht. Der nächste planmäßige Dampfer brachte Ludwig und Leopold wieder nach Hause. Die Geschehnisse des Frühjahrs 1862 sollten sich zwar nur als Strohfeuer erweisen, im Herbst desselben Jahres jedoch verlor König Otto nach einer Militärrevolte endgültig seinen Thron und wurde ins Exil getrieben. Der dänische Prinz Wilhelm von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg übernahm als Georg I. schließlich die Krone Griechenlands.