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Immer wieder musste die einzige Reichsstadt in Mainfranken mit den benachbarten Würzburger Bischöfen um ihre staatliche Unabhängigkeit ringen – seit Einführung der Reformation 1542 auch im konfessionellen Gegensatz. Erst die Annexion durch Bayern 1802 ermöglichte auf lange Sicht den Aufstieg zur Industriestadt: Auf die chemische Industrie folgte im späten 19. Jahrhundert die bald weltweit agierende Wälzlagerindustrie. Nach dem Inferno des strategischen Luftkrieges 1943 bis 1945 entstand in Wirtschaftswunderzeiten die neue „Stadt der Kugellager und des Sports“, die „Schulstadt“ und seit den 1990er-Jahren die Stadt der Industrie und Kultur“.

Die Kleine Stadtgeschichte bietet einen facettenreichen, konzentrierten Überblick über die Geschichte Schweinfurts sowie erstmals eine vergleichende Geschichte der drei großen Industrieunternehmen Fichtel & Sachs, FAG Kugelfischer und SKF.

 

 

Zu den Autoren

 

Thomas Horling, Dr. phil., geb. 1969, ist wissenschaftlicher Sekretär der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

 

Uwe Müller, Dr. phil., geb. 1956, ist Leiter des Stadtarchivs und der wissenschaftlichen Stadtbibliothek Schweinfurt.

 

Erich Schneider, Dr. phil., geb. 1954, ist Leiter der Museen und Galerien sowie des Kulturamtes Schweinfurt.

Thomas Horling / Uwe Müller / Erich Schneider

Schweinfurt
Kleine Stadtgeschichte

VERLAG FRIEDRICH PUSTET

REGENSBURG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6032-2 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

 

Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2609-0

 

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Informationen und Bestellungen unter verlag@pustet.de

Vorwort

791 ist der Name Schweinfurt erstmals urkundlich erwähnt, 1282 sind Rat und Bürger als politisch Handelnde bezeugt, der Status als Reichsstadt geklärt. Immer wieder musste die einzige Reichsstadt in Mainfranken mit den benachbarten Würzburger Bischöfen, seit Einführung der Reformation 1542 auch konfessionell im Gegensatz, um ihre staatliche Unabhängigkeit ringen. Die Annexion durch Bayern 1802 ermöglichte auf lange Sicht den Aufstieg zur Industriestadt. Auf die zunächst dominierende chemische Industrie folgte im späten 19. Jh. die bald weltweit agierende Wälzlagerindustrie, und aus dem Inferno des strategischen Luftkrieges gegen die Kugellagerproduktion 1943 bis 1945 erstand in Wirtschaftswunderzeiten die neue »Stadt der Kugellager und des Sports«, die »Schulstadt« und seit den 90er-Jahren die Stadt der »Industrie und Kultur«.

Den letzten Versuch einer Gesamtdarstellung der Schweinfurter Stadtgeschichte hat vor 100 Jahren Fritz Lunkenbein unternommen. Trotz einer Vielzahl in den vergangenen Jahrzehnten vorgelegter Detailstudien fehlen derzeit noch wissenschaftliche Untersuchungen für wichtige Epochen (v. a. die Weimarer Zeit, den Nationalsozialismus und den Wiederaufbau), weshalb eine »große« Schweinfurter Stadtgeschichte weiterhin ein Desiderat bleiben muss. Die hier trotz dieses Befundes vorgelegte Kleine Stadtgeschichte gibt einen Überblick über die Geschichte einer der wichtigsten bayerischen Industriestädte. In eigenen Kapiteln erfährt die Geschichte der hier ansässigen, seit mehr als 100 Jahren weltweit tätigen Großunternehmen erstmalig eine vergleichende Darstellung. Aber auch die Sozialgeschichte, Politik, Architektur und Kunst finden gleichermaßen Berücksichtigung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei – seiner Bedeutung für die Stadt entsprechend – auf dem 20. Jh.

Gemäß ihren langjährigen Forschungsinteressen sind für die einzelnen in enger Abstimmung entstandenen Teile der gemeinsamen Publikation drei Autoren verantwortlich: Uwe Müller befasste sich mit der Geschichte der Reichsstadt Schweinfurt bis zum Übergang an Bayern, Thomas Horling behandelt die Entwicklung Schweinfurts im 19. und 20. Jh., und Erich Schneider umreißt die Schweinfurter Kunst- und Baudenkmäler des Mittelalters (S. 20–24), der Renaissance (S. 40–45), des Barock (S. 62–63), des 19. Jhs. (S. 77–81) und des 20./21. Jhs. (S. 131–138).

 

Schweinfurt, August 2014

Die Autoren

Schweinfurt im Mittelalter

Anfänge im Dunkeln – Die Entstehung der Reichsstadt

Die durch archäologische Streufunde in die Merowingerzeit datierbare erste Siedlung mit dem Namen Schweinfurt – an der nordöstlichen Spitze des Maindreiecks gelegen, zwischen Höllenbach und Marienbach – ist urkundlich ab 791 bezeugt: Hiltrih übereignet dem Kloster Fulda am 12. September dieses Jahres Besitz »in Suuinfurtero marcu«.

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Abb. 1: Darstellung des Lollus. – Lithografie von Friedrich Kornacher.

Auf der östlich des heutigen Stadtzentrums gelegenen Peterstirn errichteten die Markgrafen von Schweinfurt im 10. Jh. ihre Stammburg. Ihr Einflussbereich erstreckte sich in dieser Zeit vom Frankenwald bis zu Regen und Donau, vom Mainknie bei Schweinfurt bis zu Fichtelgebirge und Böhmerwald. Das wohl als Sühnestiftung im Zusammenhang mit der Erhebung Markgraf Hezilos gegen Heinrich II. (1003) von der Markgrafenmutter Eila errichtete Nonnenkloster auf der Peterstirn wurde noch vor Mitte des 12. Jhs. in ein Männerkloster des Benediktinerordens umgewandelt. Die lokalen markgräflichen Güter einschließlich des Hausklosters gelangten auf dem Erbwege in den Besitz des Hochstifts Eichstätt (1122), dessen Rechte das Benediktinerkloster auf der Peterstirn wahrnahm; es wurde 1263/1265 auf Betreiben des Würzburger Bischofs an den Deutschen Orden übergeben.

 

HINTERGRUND

 

Bedeutung des Namens Schweinfurt

Die ältesten der vielen Deutungsversuche des Namens Schweinfurt gehen auf berühmte Humanisten der ersten Hälfte des 16. Jhs. zurück. Während sich der aus Schweinfurt gebürtige Johannes Cuspinian (1473–1529) in Analogie zu Haßfurt und Ochsenfurt für die Ableitung vom Tier ausspricht, konstruiert Beatus Rhenanus (1485–1547) eine Ableitung vom Stamm der Sweben, d. h. Schwaben, die in der Völkerwanderungszeit die hiesige Furt des Mains passiert haben sollen. Die historische Sprach- und Namenforschung zieht seit Jahrzehnten als Grundwort althochdeutsch furt (›Furt‹) und als Bestimmungswort swı-n (›Schwein‹) heran, woraus als Namenserklärung »für Schweine gangbare Furt« bzw. »Furt, an der sich (Wild-)Schweine aufhalten« folgt (Reitzenstein, S. 206). 1991 hat Jakob Amstadt den Namen Schweinfurt im Zusammenhang mit einem germanischen Fruchtbarkeitskult ebenfalls auf das Tier zurückgeführt. Von der dem Götzen »Lollus« gewidmeten heidnischen Opferstätte und dessen sagenhaftem Standbild berichten auch die alten Stadtchronisten.

 

Oberhalb der markgräflichen Burg wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt eine Reichsburg errichtet. Wohl Kaiser Friedrich I. Barbarossa (reg. 1152–1190) ließ westlich des Marienbachs in Konkurrenz zur nunmehr eichstättischen villa, eine neue Siedlung anlegen. Eine civitas imperii (Reichsstadt) entstand, gelegen an einer Furt am Main und am Kreuzungspunkt der wichtigen Straßen vom Spessart/Untermain über das Werntal nach Osten zum Obermain und von Nürnberg nach Norden über den Thüringerwald nach Erfurt. Bald schon wurde der Fischerrain, eine alte Fischersiedlung am Main, in die neue Gründung einbezogen. 1230 ist erstmals urkundlich vom »oppidum Swinfurthe« die Rede. Eine Stadtrechtsverleihung ist jedoch nicht nachweisbar.

 

BIOGRAFIE

 

Judith von Schweinfurt

Markgraf Hezilo (Heinrich) erhob sich 1003 gegen König Heinrich II., der ihm die erhoffte Belehnung mit dem bayerischen Herzogtum verweigert hatte. Die daraufhin verhängte Reichsexekution machte auch vor der Burg Schweinfurt nicht Halt. Hezilos Mutter Eila konnte allerdings eine vollständige Zerstörung verhindern. Er selbst wurde bald darauf vom König begnadigt. Seine Tochter Judith (ca. 1005–1058) heiratete in den 1020er-Jahren den böhmischen Herzogssohn Bretislav. An die sich um die Hochzeit der beiden rankende Sage vom gewaltsamen Brautraub durch Bretislav und dem verlorenen roten Schuh der Judith erinnert noch heute das durch Karl Sattler (um 1871) angebrachte Relief auf der Peterstirn mit dem Schuh samt fingiertem Entführungsdatum 7. Juli 1021. Nachdem Bretislav das böhmische Herzogsamt übernommen hatte, residierte er mit seiner Gemahlin bis zu seinem Tode 1055 auf der Prager Burg. In den Wirren des Nachfolgestreits zwischen seinen Söhnen flüchtete Judith an den ungarischen Hof, wo sie am 2. August 1058 starb. Ihr Sohn Vratislav, 1085 zum ersten böhmischen König gekrönt, ließ die Gebeine der Stammmutter des böhmischen Königsgeschlechtes der Prˇemysliden nach Prag in den Veitsdom überführen.

 

Der Baubeginn der St. Johanniskirche wird in das ausklingende 12. Jh. datiert, erst 1325 wird sie erstmals als Pfarrkirche genannt. Das Patronat stand dem Würzburger Stift Haug zu. Beamte des Reichs und eine Münze sind in Schweinfurt in einem Mandat König Heinrichs (VII.) (reg. 1220–1235) vom 21. November 1234 bezeugt. Ob eine erste Zerstörung der Reichsstadt Schweinfurt Anfang der 1240er-Jahre, das sog. Erste Stadtverderben, schon in den Auseinandersetzungen der Würzburger Bischöfe mit den Hennebergern oder erst wenige Jahre später im Kampf um das Erbe der 1248 ausgestorbenen Andechs-Meranier erfolgte, ist bisher ungeklärt.

Der Versuch des Deutschen Ordens, alte markgräfliche bzw. eichstättische Gerichtsrechte zu reaktivieren und auf die mittlerweile westlich des Marienbachs entstandene neue Reichsstadt auszudehnen, schlug fehl. In einem Spruch vom 29. April 1282 entschied König Rudolf über die Abgrenzung der Rechte. Erstmals sind hier die Stadt und ihre Bürger als politisch handelnde Subjekte und der Vogt als Vertreter des königlichen Stadtherrn fassbar.

Königliche Privilegien für den »Stadtstaat«

An der Wende vom 13. zum 14. Jh. kann von einem gewissen Abschluss der allmählichen Stadtwerdung gesprochen werden: Das Satzungsrecht lag beim Rat, zwölf Ratsherren des obersten Kollegiums fungierten zugleich als Schöffen des Stadtgerichts. Das erste bekannte Stadtsiegel (bezeugt ab 1306) zeigt den Reichsadler mit der Legende: »S[IGILLVM] B[VR]GENSIV[M] DE SWEINVORT Q[VOD] HABENT DE GRA[TIA] REGIS«.

Die Verpfändung der Reichsstadt – damals ein gern angewandtes Mittel, um der Geldnot von König und Reich abzuhelfen – an die Grafen von Henneberg-Schleusingen (1309) und der Weiterverkauf einer Pfandhälfte an den Würzburger Bischof (1354) brachten für die Stadt die Gefahr, dem Reiche auf Dauer entfremdet zu werden. Nach der Selbstauslösung unter großen finanziellen Opfern (gegenüber Henneberg 1361, gegenüber Würzburg 1385) trat die Stadt schließlich dem Schwäbischen Städtebund, einem Schutzbündnis der Reichsstädte zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit, bei.

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Abb. 2: Ältestes Siegel der Stadt Schweinfurt in einem Abdruck aus dem Jahr 1364.

In der Folgezeit stärkte eine stattliche Zahl königlicher Privilegien die Kommune nicht nur in rechtlicher, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Stadt- und Landgericht, Satzungsrecht, Selbstergänzungsrecht des Rates, privilegium de non evocando (d. h. Nichtzuständigkeit fremder Gerichte über die Einwohner Schweinfurts), privilegium de non alienando (d. h. Nichtverpfändungsprivileg), Kaufhaus, freie Amtmannswahl (1361, 1362); Nutzung des Mains (1397); Ablösbarkeit des Amtmanns, Bündnisrecht (1427); Blutbann (d. h. Hochgerichtsbarkeit; 1443); Recht, den Reichsvogt aus den Reihen des Rats und der Bürgerschaft zu wählen (1568); privilegium de non appellando bis zu einem Streitwert von 200 Gulden (d. h. Ausschluss der Appellation an Reichsgerichte; 1570). Damit lag alle Macht (Legislative, Exekutive, Judikative) beim Inneren Rat, dessen dominierende Rolle auch durch die soziale Konflikte offenlegenden Verfassungskämpfe (1446/1450 und 1513/1514) nicht angetastet werden konnte. Mit der Einführung der Reformation 1542 konnte der Innere Rat auch die Kirchenhoheitsrechte an sich bringen.

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Abb. 3: Karte des Territoriums der Reichsstadt Schweinfurt mit Oberndorf, Zell, Weipoltshausen und der Exklave Madenhausen.

Ein eigenes Territorium erwarb Schweinfurt mit Oberndorf (1436) von den Herren von Thüngen und den Besitzungen des Deutschen Ordens mit den Dörfern Zell und Weipoltshausen (1437). Durch diese Erwerbungen wurde eine beträchtliche Erweiterung der Stadt von 14 ha auf 43 ha in nordwestlicher Richtung möglich. Nach dem Erwerb der Exklave Madenhausen (1620) umfasste dieses Territorium, dessen Einwohner zum Rat in einem Untertanenverhältnis standen, also kein Bürgerrecht genossen, 53 km2.

Bürgeraufstände und Ratsverfassung

Die Kodifizierung, also Festschreibung der Ratsverfassung wurde ausgelöst durch die gescheiterten Bürgeraufstände von 1446 bis 1450 (»Große Ratsverstörung«) und 1513/1514 (»Aufruhr in der Gemeinde«). In beiden Fällen waren die Ursachen im Wesentlichen gleich: Die Beschränkung des Inneren Rates auf wenige Familien, Steuererhöhungen und die fehlende Rechnungslegung vor der Gesamtgemeinde hatten zu Unmut unter der Bevölkerung geführt. Die nach der Niederschlagung des Aufruhrs am 13. Juni 1514 vom Schweinfurter Reichsvogt Graf Wilhelm von Henneberg und kaiserlichen Commissarien errichteten »Statuta und Ordnungen« blieben als maßgebliches Verfassungsstatut – abgesehen von den Modifikationen 1776 – bis zum Ende der reichsstädtischen Epoche in Kraft. Ein drakonisches Strafgericht – neben fünf Enthauptungen (Philipp Horst, Steinmetz; Valentin Braun, Schneider; Albert Apel, Büttner; Klaus Rudolf, Häcker; Kunz Kaufmann, Häcker) wurden rund 20 weitere Körper-, Geld- und Ehrenstrafen sowie Stadtverweise vollstreckt – besiegelte das Scheitern der Bemühungen der Gemeinde um angemessene politische Beteiligung. Die Arbeit der »Handwerke« oder Zünfte war auch in Zukunft nur unter strenger obrigkeitlicher Regelung möglich.

Bis 1776 bestand demnach der eigentliche Rat der Stadt, der Innere Rat, aus 24 Mitgliedern in drei Kollegien: 1. Geheimer Rat oder Kollegium der sechs Sechserherren (sexviri) oder Bürgermeister (consules), 2. Kollegium der sechs Schöffen oder Gerichtsherren (scabini), 3. Kollegium der zwölf Ratsherren (senatores). Die beiden ersten Kollegien wurden der »Zwölfer Rat« genannt, das dritte der »Vierundzwanziger Rat«. Neben dem Inneren Rat bestand der Äußere Rat als »Zwölferkollegium« oder »Zusatz« aus wiederum zwölf Mitgliedern, Zusätzer (assessores) genannt. Außerdem gab es den »Achterstand«, einen Bürgerausschuss aus acht Mitgliedern (Achterherren), dessen Hauptaufgabe die Abhörung der Jahresrechnungslegung war, der aber auch bei Steuerfestsetzungen, Schuldenaufnahme, Kriminalsachen und anderen wichtigen Punkten stimmberechtigt zugezogen wurde. Der Oberbürgermeister (consul regens) ging stets aus dem Kollegium der Sechserherren hervor. Der Inhaber dieses Amtes wechselte zunächst halb-, ab 1617 vierteljährlich. Er fungierte als Primus inter Pares. Die Wahl in den Rat erfolgte grundsätzlich auf Lebenszeit, wobei das aktive Wahlrecht ausschließlich den Mitgliedern des Inneren und des Äußern Rates (Selbstergänzungsrecht) zustand und nur vakant gewordene Ratsstellen neu besetzt wurden. Bei der Ratsreform 1776 wurde der Innere Rat um acht (zwei Bürgermeister, zwei Schöffen, vier Senatoren) auf 16 Mitglieder reduziert.

Wählbar war jeder unbescholtene Bürger. Zu nahe Verwandtschaftsgrade (»Gefreundete«) waren von der Wahl ausgeschlossen; maßgeblich war die in der Ratsstube aushängende »Bluttafel«, ergänzt 1608 durch eine strenge Ordnung über das obligatorische »Austreten« aus den Ratssitzungen bei persönlicher Betroffenheit. Abgesehen von diesen Einschränkungen hatte jeder Bürger prinzipiell die Möglichkeit, über die Wahl in den Zusatz letztlich bis zum Reichsvogt aufzusteigen. Seit dem 16. Jh. ist allerdings die Herausbildung eines »Gelehrtenpatriziats« festzustellen, da der Rat offensichtlich akademisch gebildeten Nachwuchs bevorzugt kooptierte. Neben diesem Bildungsprivileg schränkte vor allem der soziale Status (1585 gehörten alle Ratsmitglieder der Oberschicht an) die theoretische Möglichkeit der vertikalen Mobilität aller Bürger in der Ratslaufbahn ein.

Stadtverwaltung: Ämter und Bediente

Die eigentlichen Verwaltungsarbeiten wurden nicht im Rat, sondern in den städtischen Ämtern mit festbestallten Bediensteten geleistet. Die Zahl der Ämter, die von den Ratsmitgliedern geleitet wurden, schwankte je nach Aufgabenanfall, stieg jedoch immer mehr an. Die Ämterordnung von 1607 führt 33 Ämter auf, für das späte 18. Jh. sind bis zu 53 Ämter nachgewiesen.

Zur Erfüllung ihrer vielfältigen Aufgaben verfügte die Stadt über eine Reihe hauptamtlicher, besoldeter Bediensteter. Sie gliederten sich in die »Bedienten« (mit oder ohne akademische Ausbildung) und die »niedere Dienerschaft«. Unter den studierten »Bedienten« ragten die Mitglieder der Geistlichkeit, die der Ratskanzlei (früher Stadtschreiberei) und der Stadtphysikus heraus, da sie als einzige ihr Amt ohne zeitliche Begrenzung übertragen bekamen. Studierte Ratsbedienstete waren der Botenmeister, der expedierende Sekretär, der Visierer, der Spitalherr, der Gegenschreiber des Spitals, der Zehntkeller, zwei Mühlschreiber, der Zöllner und der Mödlermeister; nichtstudierte Bedienstete waren der Ratsapotheker mit zwei Gesellen, der Chirurg, der Feldmesser, der Waagenmeister, die Müllermeister mit den Mühlknechten, die Wehrmeister, ein Ziegler, ein Kalkbrenner und die Offiziere. »Niedere Diener« gab es um 1800 rund 90, u. a. Boten, Rehjäger, Feldbesichtiger, Steinsetzer, Zolleinnehmer, Torschließer, Nachtwächter. Außer mit »policeylichen Aufgaben« im Wirtschaftsleben waren die Ämter mit der Wahrnehmung der städtischen Monopole bzw. Quasimonopole betraut. Hierunter fielen Mühlenbann, Apotheke, Braubann, Bretterhandel, Salzhandel, Herstellung von Backsteinen und Ziegeln sowie Handel mit Pulver.

 

HINTERGRUND

 

Die reichsstädtischen Ämter in alphabetischer Reihenfolge

Almosenpflegamt, Apothekenamt, Bauamt, Bethamt, Bretteramt, Brot- und Weckwägeramt, Bußamt, Comissamt, Consistorium, Datzamt, Dorfvorsteheramt, Feuerstättenbesichtigeramt, Fleischaccisamt, Fleischschätzeramt, Forstamt, Getreideamt, Grundzinsamt von der Haardt, Handwerksdeputatus, Handwerksgefällamt, Helfamt, Hospitalpflege, Justiramt, Kastenamt und Lazarettamt, Kirchen- und Schulamt, Mühlamt, Nachsteueramt, Oberbürgermeisteramt, Obereinnahme, Obervormundschaftsamt, Polizeigericht oder Polizeiamt, Quartieramt, Reiche Schüsselstiftung, Restantenamt, Salzamt, Schoßamt und Pulveramt, Schutzamt, Siechamt, Soldatenamt, Spinninstituts-Verwaltung, Stätte- und Hausieramt auch Marktmeisteramt, Steinsetzeramt, Steueramt, Torschließeramt, Umgelderamt, Unterbürgermeisteramt, Untergangsamt, Viehmarktsdeputation, Wachamt, Weinamt, Wollentuch-Schau- und Siegelamt, Zehntamt, Zinsamt, Zollamt.

 

Reich und Stadt – Schweinfurt als Reichsstand

Das Heilige Römische Reich gewährte der Reichsstadt nicht nur den zur Wahrung der Eigenstaatlichkeit notwendigen Schutz und Schirm, sondern forderte seinerseits Rat und Hilfe (auxilium et consilium), vorwiegend in Form finanzieller Zuwendungen – sei es als Stadtsteuer, Gemeiner Pfennig, Türkenhilfe zur Abwehr der Bedrohung durch das Osmanische Reich, Reichs- und Kreisrömermonat, Kammerzieler zur Finanzierung des Reichskammergerichtes oder Gebührenentrichtung für Privilegienbestätigungen beim Herrscherwechsel. Die Höhe eines Römermonats – d. h. der Monatssold für die Aufstellung von Truppenkontingenten des Reiches bzw. der Reichskreise (ursprünglich auf den Zug nach Rom zur Kaiserkrönung bezogen) – wurde für Schweinfurt in der Wormser Reichsmatrikel 1521 mit 5 Reitern und 36 Mann zu Fuß, bzw. 204 Gulden festgelegt, später aber gesenkt. Im Vergleich zum kleinen Schweinfurt hatte die reichsstädtische Metropole Nürnberg mehr als das Siebenfache zu leisten (40 Reiter, 250 Mann, 1480 fl.).

Neben den jährlich zu entrichtenden 100 Gulden Stadtsteuer und 100 Gulden für den Schutzherrn sind für das 15. Jh. die Ausgaben für Gesandtschaften an den königlichen Hof und Privilegienbestätigungen zu ermitteln: z. B. 1437 für die Goldene Bulle und die kaiserliche Bestätigung des Kaufs des Deutschen Hauses 240 Gulden,1447 für drei Gesandtschaften zum Römischen König 570 Gulden, 1497/98 für Privilegienbestätigungen 152 Gulden. Außerdem sind uns die Ausgaben für die »Reisen«, die militärischen Unternehmungen von König und Reich, bekannt: u. a. 1474 nach Neuss gegen Karl den Kühnen von Burgund 618 Gulden, 1481/1482 nach Österreich gegen Matthias Corvinus von Ungarn 754 Gulden, 1486 gegen den König von Ungarn und Türkenhilfe 1247 Gulden, 1488 nach Gent und Flandern zur Befreiung König Maximilians aus der Gefangenschaft in Brügge 560 Gulden, 1491 gegen Ungarn 312 Gulden, 1492 Zug auf das Lechfeld gegen Herzog Albrecht von Baiern-München 360 Gulden, 1495 gegen Türken und Franzosen 100 Gulden, 1499 an den Bodensee gegen die Schweizer 790 Gulden. In späteren Jahren mussten von der Stadt noch wesentlich höhere Summen aufgebracht werden.

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Abb. 4: St. Johannis von Südosten. Die seit 1542 evangelische Hauptkirche der Stadt spiegelt die verschiedensten Bauphasen vom 12. bis zum 18. Jahrhundert. – Aufnahme um 1900.

Die unmittelbare Zugehörigkeit zum Reich und die damit einhergehenden Verpflichtungen gewährleisteten die Eigenstaatlichkeit der Reichsstadt und ermöglichten eine aktive Außenpolitik der Stadt im Rahmen des Reichsverbandes. Als Beispiele seien hier nur der Beitritt zum Schwäbischen Städtebund 1385 – nach der Selbstauslösung aus der Verpfändung – und der Beitritt zur Protestantischen Union 1609 genannt.

Seit 1471 entwickelte sich parallel zur Entstehung des Reichstages der allgemeine Städtetag. Schweinfurt fand dabei besonderen Rückhalt an Nürnberg, dessen Experten Gutachten in verfassungsrechtlichen und militärischen Fragen für die Schweinfurter erstellten. An 19 von 27 Städtetagen zwischen 1445 und 1549 nahm Schweinfurt mit eigenen Delegierten teil, ansonsten ließ es sich durch Nürnberg vertreten. Die konstituierende Versammlung des Fränkischen Reichskreises fand 1517 in Schweinfurt statt. Ein Reichstag in den eigenen Mauern, der die finanziellen Möglichkeiten der kleinen Stadt weit überstiegen hätte, blieb Schweinfurt erspart.

Kunstdenkmäler des Mittelalters

Aus der Zeit vor der Zerstörung der Stadt von 1554 während des Markgräfler Krieges sind nur wenige Denkmäler erhalten. Außer einem Sarkophag hat sich von einer dem Apostel Petrus geweihten Burg- bzw. Klosterkirche auf der Peterstirn aus dem 9. / 10. Jh. kaum etwas überliefert. Seit 1283 dem Deutschen Orden gehörend, erwarb die Reichsstadt 1437 das Areal und brach Burg und Kirche ab. Auch die um 1000 gegründete Pfarrkirche St. Kilian auf dem Kiliansberg wurde nach der Verlegung der Stadt im 13. Jh. überflüssig – sie wurde ohne sichtbare Spuren abgebrochen. Gleiches gilt für eine Ende des 14. Jhs. beim Zeughaus als Ersatz dafür errichtete Kilianskapelle. Ihre Reste wurden 1953 demoliert; nur der Schlussstein des Chorgewölbes mit Darstellung St. Kilians wird im Museum Altes Gymnasium aufbewahrt.

Mittelalterlichen Ursprungs ist die Pfarrkirche St. Johannis am Nordrand der Altstadt. 1987 konnte ein Chor des späten 12. Jhs. nachgewiesen werden, der dem von 1411 vorausging. Einer der ältesten Teile ist die wohl von 1237 stammende Kapelle im Nordturm. Den Raum dominiert die Statue einer sitzenden Madonna mit Jesuskind aus der Zeit zwischen 1290 und 1320. Im Jahr 1325 ist St. Johannis als Pfarrkirche der Reichsstadt zu belegen. Damals entstand das dreischiffige, basilikale Langhaus. 1469 fand die Erweiterung des nördlichen Seitenschiffes mit der Heilig-Grab-Kapelle dort ihren Abschluss. 1554 wurde St. Johannis schwer beschädigt. Als einer der ersten Großbauten war die Kirche 1562 wiederhergestellt. Dabei erhöhte man den Turm und gab ihm seine Kuppelhaube. In die Zeit nach 1562 fällt der Umbau der Heilig-Grab-Kapelle zum »Herrenchor«. Zu seiner Ausstattung gehört ein »Konfessionsbild« des späten 16. Jhs.; Veränderungen, wie die beiden Treppentürme der Westfassade (1620 und 1744), die Erhöhung der Seitenschiffe (1739) oder der Einbau von Emporen, sind in die Zeit des Barock zu datieren.

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Abb. 5: St. Salvator. Der mittelalterliche Chor wurde zwischen 1717 und 1719 in den barocken Neubau einbezogen. Damals erhielt der Turm seine kuppelige Haube mit doppelter Laterne. – Aufnahme vor 1945.

Reich gegliedert ist die Südfassade des Querhauses mit Rundbogenfries und Spitzbogenblenden im Giebel. Wegen seiner Plastik gilt das Brautportal aus dem frühen 13. Jh. als »eine der schönsten Anlagen dieser Art in Franken«. Das »Tauffkörlein« erhebt sich auf der Südseite im Winkel von Langhaus und Querhaus. 1367 stifteten Cunz und Friedrich Rucker den Taufstein, der von Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers und Darstellungen der zwölf Apostel geschmückt wird.

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Abb. 6: Ehemalige Spitalkirche zum Heiligen Geist. Die seltene Aufnahme zeigt das 1566 errichtete Kircheninnere vor dem Abbruch im Jahr 1896.

Im Inneren zieht der spätgotische, 1411 geweihte Chor die Blicke an. Spolien der Bauskulptur eines romanischen Chores von etwa 1200 sind in die Südseite des Chores eingemauert: Darunter befinden sich eine von einem Frauenkopf (wohl Maria) getragene Laubwerkkonsole sowie ein Schlussstein mit dem Haupt Christi.

Zwei Figuren in von Baldachinen bekrönten Nischen stellen Johannes den Täufer und Johannes den Evangelisten dar – wohl Relikte des 1806 zerstörten Hochaltars von 1484. Eine weitere Figur im Chor ist 1510 datiert: Auf einer Mondsichel stehend und in ein weites, reich gefaltetes Gewand gehüllt, präsentiert die Himmelskönigin den Gottessohn.

Das den Übergang zur Gotik markierende zweijochige Querhaus besticht durch seine beiden freistehenden Bündelpfeiler. Außerdem fällt die reiche Bauplastik bei den Gewölbekonsolen auf. So zeigt jene in der Südwestecke der Vierung einen Steinmetz bei der Arbeit, dem ein Bär auf den Rücken steigt.

Zahlreich sind die Epitaphien: 1369 starb der erste frei gewählte Reichsvogt Konrad von Seinsheim, dessen Grabmal mit dem des Eberhard Wolfskeel († 1379) aus Heiligenthal vergleichbar ist. Außer dem Epitaph des Eberhard von Maßbach († 1482) ist das der Margaretha von Wenkheim († 1552), eine Arbeit aus der Werkstatt des Würzburger Meisters Peter Dell d. J. aus der Nachfolge Riemenschneiders, erwähnenswert.

Zu den mittelalterlichen Kirchen Schweinfurts gehörte die dem hl. Nikolaus geweihte Kapelle des 1294 belegbaren Spitals beim Alten Friedhof. Aus dieser Phase stammt ein Tympanon mit Christus als Pantokrator, angebetet von Maria und dem hl. Nikolaus. Aus der Zeit nach der Umwandlung von St. Nikolaus im Jahr 1366 in ein Karmelitenkloster hat sich der mit Kelch und Inschrift gezierte Grabstein des 1523 verstorbenen Priors Georg Ofner im Chor von St. Johannis erhalten. Mit der Reformation endete 1542 die Geschichte des Klosters, das 1554 zerstört werden sollte.

In der Nachbarschaft erhob sich auf der Nordseite der Schultesstraße die vor 1338 von Hans Ki[e]ßling gegründete Spitalkirche zum Hl. Geist