ZUM BUCH

 

Wenn die Erinnerungen schwinden, wird jeder Augenblick kostbar. Diese Erfahrung und dieses Wissen sind der Hintergrund, vor dem die Autorin Gottesdienste mit dementen Menschen feiert. Als Ausgangspunkt wählt Maria Pagel Alltagserfahrungen der Menschen – Erfahrungen, die sie mit anderen teilen, prägende Erlebnisse oder Orte, die in der Erinnerung fester verwurzelt sind. Durch gleichbleibende Rituale, eine einfache Sprache, die Förderung der vorhandenen Fähigkeiten der Teilnehmer und die Beteiligung aller Sinne sowie die persönliche Zuwendung und das Gemeinschaftserlebnis im Gottesdienst werden Alltag, Biografie und religiöse Erfahrung der Menschen verknüpft und aktiviert.

Eine wertvolle Hilfe für Pflegende, BetreuerInnen und SeelsorgerInnen, um dementiell erkrankten Menschen regelmäßig Gottesdienste zu ermöglichen.

 

 

DIE AUTORIN

 

Maria Pagel, geb. 1957, ist Seelsorgebeauftragte in einem Altenheim und erfahrene Betreuerin demenzkranker Menschen.

MARIA PAGEL

 

 

Der Augenblick ist kostbar

 

Gottesdienste mit Demenzkranken in Alten- und Pflegeheimen

 

 

 

 

 

 

 

 

VERLAG FRIEDRICH PUSTET
REGENSBURG

IMPRESSUM

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

eISBN 978-3-7917-6027-8 (epub)

© 2014 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg

Umschlagbild: fotolia #42720025 © moggara12

Satz: MedienBüro Monika Fuchs, Hildesheim

eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg

 

Diese Publikationen ist auch als Printprodukt erhältlich:

ISBN 978-3-7917-2530-7

 

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf

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Kontakt und Bestellung: verlag@pustet.de

 

 

 

 

In Erinnerung an Ursula Wolf.

Mit ihr als Freundin habe ich viele kostbare Augenblicke erleben dürfen.

Einführung

Jeder Tag hat seine Würde in der Begleitung von Menschen mit kognitiven Störungen. Es gilt, die individuelle Person mit Achtung, Empathie, Spontanität, Humor und Liebe zu begleiten. Die Begegnung mit einem Menschen in seiner Einmaligkeit und in allen Phasen im „Meer des Vergessens“ anzunehmen, ist eine kostbare Aufgabe im Augenblick. Dieser Augenblick ist kostbar, weil er Leben pur ist.

Die jeweilige Biografie der Menschen, ihre Wahrnehmung mit allen Sinnen sowie die Alltagsthemen und -erlebnisse sind ein wesentlicher Erfahrungshintergrund. In aller Langsamkeit und durch Achtsamkeit im Augenblick können in Verbindung mit Materialien Erinnerungen geweckt werden. Es gilt durch Beobachten, intensives Zuhören, Validieren und nonverbale Kommunikation (Körpersprache) Menschen mit Demenz (Alzheimer) ernst zu nehmen. Ihrem Leben auf der Spur zu sein und das, was sie geprägt hat, anzunehmen und glaubwürdig, authentisch zu begleiten: ihre Freude, Angst, Wut, Trauer, Depression, Schlichtheit, Dankbarkeit, Zärtlichkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, ihr Gottvertrauen. Sie sind auch eine tiefe Erfahrung von Liebe und Spiritualität. Der Glaube, der sie in und seit der Kindheit geprägt hat, ist eine spirituelle Erfahrung, die tief verankert ist in ihrem Körper und in ihrer Seele. Er berührt ihr Herz und gibt Halt und Geborgenheit und ein „inneres Zuhause.

 

Die Haltung des/der Gottesdienstleiters/in ist wertschätzend, offen und liebevoll; der Augenblick ist kostbar und drückt sich in einer würdevollen Grundhaltung aus sowie in der Nähe zu jedem einzelnen und zu allen in der Hausgemeinschaft.

Ganz nah da sein für andere ist nur möglich, wenn man auch ganz, d. h. mit Körper, Geist und Seele gut für sich sorgt. Wenn beides im Gleichgewicht bleibt, entsteht eine ganzheitliche Seelsorge und Spiritualität

Freude, Humor und Liebe werden sichtbar durch ein Lächeln, ein Streicheln, ein Lied, ein Sprichwort, das aufgegriffen wird, und schaffen eine Atmosphäre der Herzlichkeit. Diese strömt emotional auf die Gruppe über, und eine familiäre, geborgene Kraft geht von dem oder der Gottesdienstleiter/in aus.

Im Vertrauen, dass es eine Ursprungskraft gibt – Gott –, aus der wir kommen und zu der wir gehen, ist es leichter, aus dieser Mitte zu schöpfen und sich vertrauensvoll an sie zu wenden.

Wenn in dieser Haltung Gottesdienst gefeiert wird, ist der/die Gottesdienstleiter/in klar, situativ und liebevoll: So kann er/sie die tiefe religiöse Erfahrung der Einzelnen in ihrer Biografie emotional berühren.

 

Bei allen Gottesdiensten erinnern sich viele alte Menschen an ihre Grunderfahrung von Kirche in der Kindheit. Alle Teilnehmer/innen am Gottesdienst teilen diese Erfahrung. So ist es möglich, die Gottesdienste in der Kapelle zu feiern, wo Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern zusammenkommen.

Grundgebete und -texte wie das Kreuzzeichen, das Vaterunser, das Gegrüßet seist du, Maria (bei katholischen Christen), Gebete zum Schutzengel sowie alte Morgen- und Abendgebete und das Tischgebet gehören zum Leben. Alte Kirchen- und Volkslieder sind tief verwurzelt in den Herzen der Menschen und können beim Singen neu erinnert werden. Sie sind im Langzeitgedächtnis lange abrufbar. In der Seele klingen sie bis zum letzten Atemzug.

Alles muss mit Lob und Anerkennung angenommen werden, so fühlt sich der/die Einzelne wertgeschätzt. Diese innere Haltung kommt direkt beim Gegenüber an.

Korrigiert man jemanden, können Ängste aufkommen, die dann sofort aufgefangen werden müssen. Alles, was situativ von den Einzelnen angesprochen wird, sollte auf jeden Fall ernst genommen und integriert werden.

 

In der Hausgemeinschaft, wo Alltag, Sonntag, Feiertag gemeinsam erlebt werden, sind Gottesdienste mit allen Bewohnern/innen in allen Phasen der Demenz, selbst mit Menschen, die im Bett liegen, möglich. Die vertraute Umgebung, der ritualisierte Tagesablauf schenken Halt und Geborgenheit. Die würdevolle Atmosphäre einer Hausgemeinschaft wird zur Oase für Leib und Seele selbst dann, wenn Sprache kaum mehr möglich ist. Die vertraute Umgebung um den Wohnzimmertisch lässt alle teilnehmen. Der/die Gottesdienstleiter/in (GDL) kann so noch intensiver auf den/die Einzelne(n) eingehen.

Ablauf der Gottesdienste

Die Gottesdienste in diesem Buch werden mit einfachen Texten, traditionellen Liedern und Gebeten gestaltet. Sie können in der Kapelle und/oder der Hausgemeinschaft gefeiert werden.

 

Der Ablauf aller Gottesdienste folgt diesem Schema:

Besondere Situationen

Auch Menschen, deren Demenz bereits weit fortgeschritten ist, sodass sie gleichsam in einem „Meer des Vergessens“ leben, sind bis in die Endphase hinein empfänglich für die Feier von Gottesdiensten.

Zum Gottesdienst in der Hausgemeinschaft sind alle Bewohner/innen, die in diesem speziellen Wohnbereich leben, eingeladen. Die Atmosphäre um den Wohnzimmertisch ist wie jeden Tag im ritualisierten Tagesablauf einladend. Jede/r wird mit Vor- und Zunamen eingeladen.

Bei Teilnehmern oder Teilnehmerinnen in der Endphase der Demenz ist häufig nur noch nonverbale Körpersprache über die Sinne möglich. Der persönliche Blickkontakt, das Hören der alten Lieder, das Fühlen der verschiedenen Materialien, der Duft der Blumen sowie das Fühlen über den Hautkontakt sind Möglichkeiten, kostbare Augenblicke im Hier und Jetzt zu erleben.

Die gesamte Atmosphäre eines Gottesdienstes überträgt sich auf die Gottesdienst-Teilnehmer/innen. Meist sind die Menschen entspannt. Der persönliche Segen auf die Stirn mit Sprechen des Vor- und Zunamens berührt einige und es fließen Tränen übers Gesicht. Es ist ein Höhepunkt des Gottesdienstes.

Die Lieder „Großer Gott, wir loben dich“ und „Lobe den Herren“ werden von fast allen, die sich noch verbal äußern können, mitgesungen. Sie gehören zu den besonderen Gottesdiensten in der Erfahrung der Menschen wie Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit und Festgottesdiensten im Kirchenjahr. Dies ist in der Erinnerung tief verankert.

Die abschließende Agape rundet jeden Gottesdienst wie ein kleines Fest ab. Dies ist für alle, d. h. Menschen mit Demenz, Mitarbeiter/innen, Angehörige und die Gottesdienstleitung ein Höhepunkt im Alltag der Hausgemeinschaft.

Ich bin froh und dankbar, als Alltagsbegleiterin und Seelsorge-Beauftragte in unserem Altenzentrum alltägliche Lebenserfahrungen als Lebensspuren in Gottesdiensten mit Demenzkranken und ihren Angehörigen erleben und feiern zu dürfen. Es sind auch in meinem persönlichen Leben kostbare Augenblicke.