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Inhaltsverzeichnis ThPQ 166 (2018), Heft 1

Schwerpunktthema:

Kapitalismus – Kultur und Kritik

Ines Weber

Liebe Leserin, lieber Leser!

Christian Spieß

Wirtschaftskulturen in modernen Gesellschaften

1 Wirtschaft und Ethos

2 Wirtschaft im Spannungsfeld von Struktur und Kultur

3 Wirtschaft als kulturelle Gestaltungsaufgabe

Alois Halbmayr

Geld – ein Gott der Gegenwart?
Theologische Anmerkungen zu einer Allmacht der späten Moderne

1 Von der Allgegenwart des Geldes

2 Zur Allmacht des Geldes

3 Eine breite und kontinuierliche Kritik des Geldes

4 Zur theologischen Kritik des Geldes

5 Aufgaben und Alternativstrategien

David Bebnowski

Verzicht durch Selbstverwirklichung.Überlegungen zu jungen Generationen im Neuen Geist des Kapitalismus

1 Die Lebensführung und der Geist des Kapitalismus

2 Symbolischer Konsum und prekäre Beschäftigung als Elemente der Selbstverwirklichung

3 Herstellung von Identität statt Identität

4 Authentizität, Narzissmus, Verzicht

Markus Blümel

Solidarische Ökonomie(n).Eine Einführung und einige Reflexionen

1 Kirchlicher Bereich

2 Im Hier und Jetzt

3 Vielfältige Praktiken

4 Annäherung an eine Definition

5 Herkunft und Verbreitung des Begriffs

6 Selbsthilfe? Emanzipatorisch? Transformatorisch?

7 Beispiel foodcoops

8 Beispiel Solidarische Landwirtschaft

9 Zur Unterscheidung

Klaus Vellguth

Ökologisch wirtschaften weltweit.Das asiatische Netzwerk Pastoral setzt sich für eine kultursensible Ökologie ein

1 Laudato si’ aus indigener Perspektive

2 Das Heilige in der Natur

3 Ökologische und kulturelle Bedrohungen

4 Schöpfungsspiritualität und ökologisches Bewusstsein

5 Impulse für die Arbeit der Pastoralinstitute in Asien

6 Ökonomie und Ökologie in Einklang bringen

Michael Ernst

Neutestamentliche Texte in ihrem sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Kontext

1 Bemerkungen zur begriffsgeschichtlichen und methodologischen Diskussion über eine „Ökonomie der Antike“

2 Palästina zur Zeit Jesu

3 Ein Beispiel aus dem NT: Mt 25,14 – 30 par Lk 19,12 – 27

Abhandlungen

Michal Kaplánek SDB

Zwischen Diaspora und Tradition.Das Selbstbild der tschechischen katholischen Kirche als Herausforderung für die Pastoral (nicht nur) in Tschechien

1 Kirche in Tschechien – über den Sinn der pastoraltheologischen Reflexion jenseits der Staatsgrenze

2 Plenarsynode der katholischen Kirche in der Tschechischen Republik

3 Das Selbstverständnis der (tschechischen) Kirche

4 Pastorale Strategien angesichts des Priestermangels

5 Weitere Schlüsselthemen der tschechischen Kirche

6 Lehren aus der Vergangenheit und Blick in die Zukunft

Ines Weber

„Zu Wachstum und Reife verhelfen“
Zum Bildungspotenzial der Kirchengeschichte

1 Bildung als ganzheitlicher Prozess der Personwerdung

2 Mit Kirchengeschichte bilden

3 Mit der ganzen Person Gesellschaft gestalten

Literatur

Wolfgang Palaver

Das aktuelle theologische Buch

 

Rezensionen

Eingesandte Schriften

 

Redaktion

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Impressum

Liebe Leserin, lieber Leser!

„WIR statt Gier – Wer einen anderen Kapitalismus will, muss das Mitgefühl fördern“1, so lautete unlängst eine Schlagzeile im Zeit Online-Magazin. Wirtschaftsjournalist Uwe Jean Heuser votiert im entsprechenden Artikel zusammen mit alternativen Wirtschaftsexperten, Psychologen und Neurowissenschaftlern eindeutig: Nur ein umfassender Bewusstseins- bzw. Wertewandel weg vom Egoismus und einer Kultur der Ausbeutung hin zu mehr Rücksichtnahme auf sich selbst und den Mitmenschen verbunden mit strukturellen Änderungen in Organisationen könne „eine Gegenbewegung hin zu neuer Solidarität“2 erzeugen und Grundlegendes in unserer Weltgesellschaft wandeln. In Zeiten anhaltender Wirtschafts- und Finanzkrisen, weiter wachsender Ungleichheit zwischen Arm und Reich, immer neuen Schreckensmeldungen über bevorstehende Klimakatastrophen und einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft mit zur Selbstausbeutung neigenden Individuen steht der Kapitalismus neuerlich zur Disposition. Heuser will denselben nicht abschaffen, sondern ihn über veränderte Haltungen systemimmanent umgestalten. Damit setzt er an einem Punkt an, den schon Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts betont und den auch der Soziologe und Gesellschaftsforscher Wolfgang Streeck erneut herausgestellt hat. Der Kapitalismus „basierte weniger auf dem Wunsch, reich zu werden, als auf Selbstdisziplin, methodischem Vorgehen, verantwortlicher Verwaltung, nüchterner Hingabe an einen Beruf als Berufung und rationaler Lebensführung“. „Gier“, so Streeck mit Weber, habe es schon „immer und überall gegeben“. Sie sei gerade „kein Spezifikum des Kapitalismus“. Im Gegenteil sei sie „sogar geeignet, ihn zu untergraben“3. Ob derartige Konzepte aber auch in Zeiten des Neoliberalismus noch tragen, stellt er in Frage. All das zeigt: Kapitalismus, seine Kultur und seine Kritik, verfügt demnach über vielfältige Dimensionen, die ineinander verschränkt sind, und Stichworte wie Solidarität, gutes Leben, Haltungen und letztlich Ethik sind von entscheidender Bedeutung, wenn es um die Ausdeutung desselben geht.

Genau das hebt der Linzer Christliche Sozialwissenschaftler Christian Spieß im ersten Beitrag unseres aktuellen Heftes ausdrücklich hervor. Ökonomie, Ethik und Politik sind wechselseitig aufeinander verwiesen, und Unterschiede in Wirtschaftssystemen sind weniger strukturell bedingt als kulturell geprägt. Dadurch werden Wirtschaftsordnungen zur verantwortungsvollen „Gestaltungsaufgabe“, welche mit Werten aufgeladen werden müssen, die es auszuhandeln gilt. Einseitigkeiten aber führen zu Schieflagen, wie der Salzburger Dogmatiker Alois Halbmayr am Beispiel des Geldes eindrücklich vor Augen führt. Selbiges bestimmt fast alle Bereiche unseres Lebens mit dem Vorteil großer Freiheit, aber auch mit der Gefahr zu verkennen, dass nicht alles, was gutes Lebens ausmache, mit Geld erworben werden könne. Demnach müssten alternative Lebensstile kreiert werden. Neue Lebensstile und Haltungen können aber ebenfalls Gefahren in sich bergen und sich im Geist des Kapitalismus gegen den Menschen wenden, so der Berliner Sozialwissenschaftler David Bebnowski. Weil vielfach an die Stelle von Geld als Entlohnung für Arbeit bzw. von dauerhaften Arbeitsverträgen der Wert der Selbstverwirklichung getreten ist, diagnostiziert er neue krankmachende Leistungslogiken, die aus der Sache heraus schon nicht zur Zufriedenheit führen können. Markus Blümel, politischer Erwachsenenbildner und Mitarbeiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, beschreibt in seinem Beitrag, welche vielfältigen und höchst interessanten, zum Teil preisgekrönten Projekte alternativer Wirtschafts- und Lebensformen es in Deutschland und Österreich schon gibt und welche Gestaltungskraft von der ihnen zugrunde liegenden solidarischen Ökonomie ausgehen kann. Ähnliches zeigt der Missionswissenschaftler Klaus Vellguth für Indien. Vor dem Hintergrund einer ganz eigenen Kultur, in welcher die Schöpfung für die traditionellen Stammeskulturen nach wie vor identitätsstiftend und ihre Erhaltung schon deshalb dringend geboten ist, erläutert der Autor pastorale Praxiskonzepte als Rezeption der Enzyklika Laudato si’. Der Beitrag vom Salzburger Exegeten Michael Ernst schließt den Kreis und führt am Beispiel der neutestamentlichen Zusammenhänge eindrücklich vor Augen, wie kulturell abhängig Wirtschaftssysteme sind und welche überraschend andere Ausdeutung sie jeweils erfahren können.

Die beiden freien Beiträge runden unser Heft ab: Der Budweiser Pastoraltheologe und Pädagoge Michal Kaplánek beleuchtet die pastorale Situation Tschechiens einschließlich notwendiger Mentalitätsänderungen. Die Linzer Kirchenhistorikerin Ines Weber eröffnet vor dem Hintergrund ihres eigenen Kirchengeschichtsverständnisses Perspektiven, wie geschichtliches Lehren und Lernen als ganzheitliche Bildung zur Personwerdung beitragen kann. Der Artikel legt zugleich das Profil der neuen Chefredakteurin offen.

 

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Mit dem ersten Heft 2018 darf ich mich Ihnen als neue Chefredakteurin der Theologisch-praktischen Quartalschrift vorstellen. Nach über zwanzig Jahren tritt erstmals wieder ein Kirchenhistoriker bzw. – mit meiner Person – eine Kirchenhistorikerin in dieses Amt ein. Ich übernehme es von Ansgar Kreutzer, der das ureigene Profil unserer Zeitschrift mit seiner inhaltlichen Offenheit, seiner zugewandten Kommunikation und seinem geschulten Blick für aktuelle gesellschaftliche Fragen über die Jahre hinweg hervorragend weitergeführt und mitgeprägt hat. Daran haben Ilse Kögler und Hildegard Wustmans, die ebenfalls aus der Redaktion ausscheiden, mit ihren wachen Blicken und ihrer Aufgeschlossenheit entscheidenden Anteil gehabt. Allen dreien sei für ihre verdienstvolle Arbeit im Namen der Redaktion großer Dank ausgesprochen. Wir wünschen ihnen für ihre neuen Wege alles erdenklich Gute und Gottes Segen. Christian Spieß, Professor der Christlichen Sozialwissenschaften, und Andreas Telser, Assistenzprofessor am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik, werden von nun an die Redaktion mit ihrem Profil und ihrem profunden Wissen bereichern.

Mir selbst geht es darum, die Arbeit der letzten Jahre stringent fortzusetzen: Zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln, ist mir ebenso wichtig, wie aktuelle gesellschaftliche Fragen und theologische Inhalte sowohl inter- als auch transdisziplinär und ökumenisch miteinander ins Gespräch zu bringen. Insofern freue ich mich sehr auf die neue Aufgabe – auf die Zusammenarbeit mit den Kollegen und dem Pustet Verlag, aber auch auf den Austausch mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr.

 

Ihre Ines Weber

(Chefredakteurin)


1 http://www.zeit.de/2017/44/altruismus-empathie-mitgefuehl-kapitalismus [Abruf: 27.10.2017].

2 Ebd.

3 Wolfgang Streeck, Wie wird der Kapitalismus enden? Teil II, in: Blätter für deutsche internationale Politik 4 (2015), 109 –120, hier: 117.